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Sozialpartnerschaft: IG BCE und Chemie-Arbeitgeber

Partnerschaft mit Modellcharakter

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich in der chemischen Industrie der Bundesrepublik ein Modell mit Vorbildcharakter entwickelt: Die Sozialpartnerschaft.

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Handschlag Das ist ein fester wirklich freundschaftlicher Handschlag

Die Arbeitsbeziehungen in dieser bedeutenden Branche zeichnen sich grundsätzlich eher durch konstruktiven Dialog, denn durch Konfrontation im Umgang miteinander aus. Zum Vorteil der Beschäftigten, wie auch der Unternehmen. IG BCE und der Bundesarbeitgeberverband Chemie e.V. (BAVC) haben im Sommer 2008 in Anwesenheit des Bundespräsidenten in Berlin „Leitlinien für verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft" unterzeichnet. Die hier dokumentierten Leitlinien bilden die gemeinsame Grundlage für ein verantwortliches Handeln von Gewerkschaft und Arbeitgeberverband, von Unternehmen und Beschäftigten in der chemischen Industrie:

Verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft 

Soziale Marktwirtschaft, die auf verlässlichen, staatlich garantierten Rahmenbedingungen beruht, eröffnet die Möglichkeit für Wohlstand und Teilhabe aller. Sozialer Frieden ist hierfür gleichermaßen Voraussetzung und Ergebnis.

Weite Teile der Gesellschaft stehen jedoch dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft inzwischen skeptisch gegenüber. Das Fundament, auf dem der Wohlstand Deutschlands gründet, hat Risse bekommen.

Dieser Entwicklung treten die Sozialpartner der chemischen Industrie entgegen. IG BCE und BAVC setzen sich für ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht ein, das auf der Akzeptanz von ökonomischen, sozialen und ökologischen Bedürfnissen beruht.

Gemeinsam mit dem Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik haben die Sozialpartner im Juli 2007 deshalb einen Diskussionsprozess zum verantwortlichen Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft gestartet. Ziel dieses Prozesses ist es, die Soziale Marktwirtschaft in unserer Gesellschaft fester zu verankern sowie die Chemie-Sozialpartnerschaft zu stärken und weiter zu entwickeln.

Soziale Marktwirtschaft braucht Sozialpartnerschaft als tragendes Element gesellschaftlicher Zusammenarbeit. Wir, die Chemie-Sozialpartner, werden auch zukünftig unseren Beitrag dazu leisten.

Leitlinien für verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft

IG BCE und BAVC haben sich im bisherigen Prozess auf Leitlinien für verantwortliches Handeln in fünf Themenbereichen verständigt.

1. Verantwortlich Handeln: Soziale Marktwirtschaft braucht nachhaltigen unternehmerischen Erfolg

Die Sozialpartner der chemischen Industrie bekennen sich zu ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Sozialen Marktwirtschaft. Es ist unser gemeinsames Interesse, mit nachhaltigem unternehmerischen Erfolg die Soziale Marktwirtschaft unter den Bedingungen der Globalisierung weiterzuentwickeln.

Unternehmerischer Erfolg, der von nachhaltig handelnden und wettbewerbsfähigen Unternehmen erzielt wird, ist Bedingung für Innovationen, Investitionen und Arbeitsplätze.

Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg verlangt Integrität und Verantwortlichkeit aller Beteiligten, das heißt ökonomisch wertschaffendes, sozial ausgewogenes und ökologisch verträgliches Handeln.

2. Verantwortlich Handeln: Nachhaltigkeit braucht eine vernünftige Balance von Ökonomie, Ökologie und Sozialem

Die chemische Industrie hat sich weltweit das Ziel gesetzt, den Schutz von Gesundheit und Umwelt sowie die Sicherheit von Mitarbeitern, Anwendern und Nachbarschaft ständig zu verbessern. Die Initiative Responsible Care ist ein gemeinsamer Wertmaßstab für die beteiligten Unternehmen, ihre Mitarbeiter und die Gesellschaft. Die Initiative stärkt nachhaltig die Zusammenarbeit zwischen Gesellschaft und Branche sowie von Unternehmen und Beschäftigten. Die Chemie-Sozialpartner wollen die Initiative Responsible Care ausbauen. Es ist unser gemeinsames Interesse, die Initiative im Dialog mit allen Betroffenen und mit konkreten Maßnahmen und Projekten weiter voranzutreiben. Dadurch wollen wir auch künftig unsere Verantwortung wahrnehmen und so die Zukunftsfähigkeit der chemischen Industrie im globalen Wettbewerb für Unternehmen und Beschäftigte sichern.

3. Verantwortlich Handeln: Gute Arbeit braucht Respekt, Fairness, Vertrauen und Verantwortung

Die Sozialpartner der chemischen Industrie bekennen sich zu dem Anspruch: Gute Arbeit schaffen. Unser Ziel ist es, unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs die Voraussetzungen für gute Arbeit zu bewahren, um gemeinsam von ihren Vorteilen zu profitieren. Daher werden wir weiterhin - in der Tradition unserer bewährten Sozialpartnerschaft - für eine respektvolle Verständigung eintreten, faire Standards und Regeln einfordern und mitgestalten, Vertrauen aufbauen und verantwortungsvoll für gute Arbeit eintreten. Nachhaltiger unternehmerischer Erfolg ist dabei die Basis für gute Arbeit. Sie erfordert die Harmonisierung von Lebens- und Arbeitswelt. Gute Arbeit fördert Innovation und Wettbewerbsfähigkeit durch Qualifikation und Weiterbildung. Gute Arbeit ist geprägt von einer Kultur der Teilhabe und Mitgestaltung.

4. Verantwortlich Handeln: Globalisierung braucht Fairness

Die Sozialpartner der chemischen Industrie betrachten die Globalisierung als unabdingbare Voraussetzung für die Zukunft des Chemiestandorts Deutschland. Wir sehen die Chancen ebenso wie die Risiken. Mit den Möglichkeiten der Globalisierung ist verantwortlich umzugehen, gegen Missbräuche wenden wir uns. Der Tendenz einer gesellschaftlichen Spaltung in Gewinner und Verlierer der Globalisierung treten wir entgegen. Deshalb leisten wir einen Beitrag zur Gestaltung und Etablierung fairer Regeln für den weltweiten Austausch. Gemeinsam wollen wir uns mit unseren Partnern im In- und Ausland dafür einsetzen, wechselseitige Entwicklungschancen zu fördern.

5. Verantwortlich Handeln: Nachhaltiger Erfolg braucht Qualifikation und Engagement

Die Menschen bilden das wichtigste Potenzial Deutschlands im internationalen Standortwettbewerb. Investitionen in die Potenziale der Menschen bringen langfristig die höchsten Erträge. Sie sind deshalb von der Gesellschaft, den Unternehmen und den Einzelnen zu erbringen. Die Sozialpartner der chemischen Industrie tragen dazu bei, die Potenziale der Menschen zum wechselseitigen Nutzen von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Gesellschaft zu fördern und zu fordern. Hierfür sind Voraussetzungen nötig, die von Gesellschaft und Staat mit geschaffen und getragen werden müssen - vor allem Erziehung und Bildung. BAVC und IG BCE wollen die Debatte über die Entwicklung des Humankapitals mitgestalten. Denn die Beschäftigten mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten sind für die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie, ihre Innovationskraft und Zukunftsperspektive die entscheidende Ressource.

Im Anhang zu dieser Sozialpartner-Vereinbarung sind die Thesen zu den fünf Themenbereichen in ihrer jeweiligen Langfassung dokumentiert.


Die Chemie-Sozialpartnerschaft

Auf der Grundlage ihres verfassungsrechtlich verankerten Auftrags ist es die zentrale Aufgabe der Tarifvertragsparteien in der chemischen Industrie, die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen zu regeln.

Durch den kontinuierlichen Aufbau und die Intensivierung des gegenseitigen Vertrauensverhältnisses hat sich zwischen IG BCE und BAVC in mehr als drei Jahrzehnten eine besondere Form der Zusammenarbeit entwickelt: Aus Konfliktparteien wurden Kooperations- und schließlich Sozialpartner, die, unter Wahrung der jeweiligen Interessen, immer auch die gemeinsame Verantwortung für eine nachhaltige Gestaltung der Chemiebranche und der Gesellschaft insgesamt vor Augen haben.

Die in der chemischen Industrie heute praktizierte Sozialpartnerschaft ist die effizienteste und für die jeweiligen Mitglieder mit dem größten Nutzen verbundene Form des Umgangs zwischen den Tarifvertragsparteien. Sie drückt sich insbesondere aus in modernisierten Flächentarifverträgen, außertariflichen Sozialpartner-Vereinbarungen, gemeinsamen Einrichtungen der Sozialpartner sowie der aktiven Beteiligung am Europäischen Sozialen Dialog der Chemie-Branche.

Diese vertrauensvolle Form der Zusammenarbeit wollen IG BCE und BAVC nutzen, um den im Rahmen des Wittenberg-Prozesses begonnenen Dialog auch auf betrieblicher Ebene aufzunehmen.

Gemeinsame Maßnahmen der Chemie-Sozialpartner

Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Überzeugungen werden die Chemie-Sozialpartner den Dialog zum verantwortlichen Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft fortsetzen.

Ziel ist es, auch zukünftig Leitlinien für werteorientiertes Verhalten in der Wirtschafts- und Arbeitswelt der chemischen Industrie zu formulieren und sich für ihre Einhaltung einzusetzen. Das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik ist strategischer Partner in diesem Prozess.

Werteorientiertes Verhalten fordern und fördern

Die Chemie-Sozialpartner bekennen sich ausdrücklich zu einer werteorientierten Unternehmensführung und fordern alle Unternehmen, Betriebsräte und Beschäftigte der Branche auf, ihr Verhalten an ethischen Normen auszurichten und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Insbesondere den Unternehmensleitungen und Führungskräften kommt in diesem Zusammenhang eine Vorbildfunktion zu.

Zur Förderung des verantwortlichen Handelns werden die Chemie-Sozialpartner unter anderem

  • Dialogprozesse auf der betrieblichen Ebene zu wirtschaftsethischen Fragestellungen und verantwortlichem Handeln initiieren und unterstützen. Bereits vorhandene gute Beispiele für solche Dialogprozesse gilt es weiter zu verbreiten.
  • Schulungsangebote für Führungskräfte und Betriebsräte entwickeln und anbieten, bei denen Grundwerte und Leitlinien für verantwortliches Handeln vermittelt werden.
  • Die Chemie-Sozialpartner-Akademie (CSA) als neue gemeinsame Einrichtung von IG BCE und BAVC gründen. Sie wird Schulungsreihen für Führungskräfte und Betriebsräte als eine ihrer zentralen Aufgaben organisieren. Die Akademie wird damit auch zur nachhaltigen Stärkung des Modells der Chemie-Sozialpartnerschaft beitragen.
  • Regelmäßig die Entwicklung des Dialogprozesses überprüfen. Im Rahmen der Spitzengespräche werden BAVC und IG BCE über die Ergebnisse berichten und die Öffentlichkeit darüber informieren.
  • Eine externe Evaluation ihres Dialogprozesses erstellen lassen und veröffentlichen.


Berlin, den 14. August 2008