Interview

Silberstreif am Horizont

Gewerkschafter Igor Diaz Lopez zeigt vorsichtigen Optimismus: Der Friedensprozess in Kolumbien könnte mittlerweile nicht bloß ein Wahlkampfballon des 2014 wiedergewählten Präsidenten Juan Manuel Santos sein, sondern eine realistische Perspektive für das südamerikanische Land.

Jörg Nierzwicki

Igor Diaz Lopez berichtete über die aktuelle Lage der Arbeitnehmer- und Menschenrechte in Kolumbien. Igor Diaz Lopez berichtete über die aktuelle Lage der Arbeitnehmer- und Menschenrechte in Kolumbien.
29.05.2015
  • Von: Jörg Nierzwicki
  • Kommentare: 0
Artikel bewerten
Danke für die Bewertung
Ihre bereits abgegebene Bewertung wurde aktualisiert.

Wie hat sich die Lage der Bergarbeiter, der Gesellschaft in Kolumbien, seit deinem Besuch beim IG-BCE-Kongress 2013 verändert?

Zwar ist Kolumbien trotz des laufenden Friedensprozesses ein Land, in dem weiter Gewalt vorherrscht. Wichtig ist aber, dass die Regierung damit begonnen hat, mit allen Gruppierungen zu reden. Es macht sich eine eher optimistische Grundhaltung in der Bevölkerung bemerkbar, das spürt man. Jedoch versucht die Opposition der Entwicklung Steine in den Weg zu legen. Diejenigen, die kein Interesse am Frieden haben, sagen, die Gewerkschaften seien Teil des Problems.

Spiegelt sich dieser Optimismus in der Gewerkschaftsarbeit wieder?

Leider nicht genug. Die Tatsache, dass wir noch viel Gegenwind erhalten, zeigte jüngst ein großer Lehrerstreik. Mit sozialer Gerechtigkeit und sozialer Marktwirtschaft ist es noch nicht weit her. Wir versuchen aber, die Tür aufzustoßen und das Licht herein zu lassen. Vor anderthalb Jahren streikten Minenarbeiter 32 Tage lang. Es ging um mehr Arbeitssicherheit und ärztliche Betreuung, die Anerkennung von Berufskrankheiten. Ein Ergebnis waren Audits zu diesen Themen. Mit den Arbeitgebern von El Cerrejón sind Vereinbarungen in einem neuen Tarifvertrag festgehalten worden – das Papier muss aber noch umgesetzt werden. Im größten Kohle-Tagebau Südamerikas arbeiten 4000 Menschen plus 7500 von Fremdfirmen, der Krankenstand liegt bei durchschnittlich 900. Wir bestehen künftig auf mehr präventive Maßnahmen. Untertage ist einiges gesetzlich geregelt, im Tagebau kaum.

Damit die Kumpel wissen, worauf sie bei Arbeitssicherheit, Tarifauseinandersetzungen, illegalen Landenteignungen achten müssen, braucht es ungefilterte Information. Die IG BCE gab 2013 den Aktivisten aus Kolumbien eine finanzielle Unterstützung unter anderem für ein Internet-Radioprojekt mit auf den Weg. Wie ist der Stand der Dinge?

Im Juli ist der 31. Geburtstag unserer Gewerkschaft. Das ist ein Anlass, um die in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaftsschule ENS in Medellín entwickelte Vorhaben vorzustellen. Der Internetsender wird dann über http://sintracarbon.com zu hören sein.


IG BCE

Mit direkter Verbindung zur karibischen See liegt der Tagebau El Cerrejon ideal. Mit direkter Verbindung zur karibischen See liegt der Tagebau El Cerrejon ideal zum Abtransport der Kohle per Schiff auch nach Europa. Die guten Konditionen verführen die Betreiber dazu, die Expansion auf Kosten der Umwelt und der Menschen fortzuführen.


Sicher werden die Kumpel dort auch etwas über die großflächigen Umweltzerstörungen im Zusammenhang mit El Cerrejón erfahren, einem der größten Steinkohle-Tagebaue der Welt mit rund 70 000 Hektar Fläche.

Ja, zwar scheint die gigantische, mehr als 26 Kilometer lange Umleitung des wasserreichen Flusses Ranchería  zunächst vom Tisch. Jetzt sucht man vor dem Hintergrund des fallenden Kohlepreises statt der angedachten 500 Millionen Tonnen nach einer „kleinen“ Lösung: 35 Millionen abbaubare Kohle. Allerdings wird schon wieder gedroht: Wenn ihr da nicht zustimmt, entlassen wir 1500 Arbeiter! Die Firma meint, ein Ort sei von Zwangsumsiedlungen betroffen, wir wissen, dass es elf sind. Es kommt schon jetzt zu Problemen mit der Trinkwasserversorgung, die Fischerei an der nahen Küste wird durch die Verseuchung des Wassers beeinträchtigt. Wir müssen langfristig ökologisch denken, denn: Wir müssen mit der Umwelt leben – die Firma kann umziehen.

Sie kommen von einer IndustriALL-Konferenz zum Thema „Bettercoal“ in London. Eine Initiative von RWE und anderen Versorgern wie E.on und Vattenfall, um die Abbaubedingungen in der Branche weltweit zu verbessern. Trafst dort Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen (NGO). Welche Ergebnisse kann man festhalten?

Zunächst müssen die NGOs verstehen: Wir leben von der Kohle, müssen sie auch nach Europa verkaufen! Als Zweites wollen wir sicher nachhaltig produzieren. Für dieses Ziel ist „Bettercoal“ nützlich. Wir sind daran interessiert, dass uns Firmen wie RWE zeigen, wie eine gesundheitsschonende und umweltverträgliche Gewinnung möglich ist.

Die nächsten Ziele nach Hannover?

Gespräche in Genf über die Verstöße des eidgenössischen Teileigentümers Glencore mit Vertretern des Parlaments der Schweiz, des UN-Menschenrechtsrats und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.

 

 

Igor Diaz Lopez

Der ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft Sintracarbon, Gewerkschaft der Kohlenarbeiter Kolumbiens, ist jetzt dort im Vorstand für Bildung zuständig. Der 49-jährige sah sich aufgrund seines Einsatzes für Arbeiterrechte hauptsächlich in El Cerrejón, Lateinamerikas größtem Steinkohletagebau, vor nicht allzu langer Zeit noch mit Todesdrohungen konfrontiert. Er war Gast beim IG BCE-Kongress 2013. Diaz hat zwei Töchter, die Zahnmedizin und Journalismus studieren. 

Moderationszeiten für Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser, Ihre Meinung zu diesem Artikel interessiert uns sehr. Das Moderatoren-Team ist an den Arbeitstagen ab 8 Uhr morgens wieder in der Redaktion und freut sich auf Ihren Kommentar.

Nach oben