Interview Angel Sanchez-Villa

"Wir müssen uns als soziale Kraft erneuern"

Angel Sanchez-Villa, Betriebsrat und Techniker bei BASF in Spanien, war einer der internationalen Gäste auf dem 6. Ordentlichen Gewerkschaftskongress der IG BCE in Hannover.

Christian Burkert

Angel Sanchez-Villa ist Betriebsrat und Techniker bei der Instandhaltung im BASF-Werk Tarragona. Er vertritt Spanien im Europa-Betriebsrat der BASF.
27.10.2017
  • Von: Sigrid Thomsen
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Du warst internationaler Gast auf dem IG-BCEKongress. Wie ging es dir da und wie bist du zur Gewerkschaft gekommen?

Mir gefällt die Offenheit, mit der diskutiert wurde, der Austausch mit den anderen internationalen Kollegen. Ich selbst wurde als Sohn einer spanischen Familie in Mannheim geboren; mein Vater hat mich immer zu den Maikundgebungen mitgenommen. Mit 16 Jahren habe ich 1987 bei der BASF in Ludwigshafen eine Schlosserlehre begonnen. Von der Gewerkschaft hat mich die Jugendvertretung überzeugt, ich bin sogar jetzt noch Mitglied der IG BCE. 2001 wurde meine Anlage geschlossen; da war ich schon Meister. Ich habe dann ein Angebot in Spanien angenommen und bin in die spanische Gewerkschaft UGT (Allgemeiner Bund der Arbeiter) eingetreten, die der sozialistischen Partei nahesteht. Heute gehört das Werk in Tarragona der BASF. Ich bin dort als Techniker für die Instandhaltung verantwortlich.

 

Heute bist du dort auch im Betriebsrat. Womit beschäftigt ihr euch?

Wir haben in den vergangenen Jahren um die Arbeitsplätze gekämpft und dafür, dass die Kollegen in der Krise kein Einkommen verlieren. Jetzt geht es wieder um Lohnsteigerungen. Aber wir haben lange gebraucht, bis wir als Arbeitnehmervertretung anerkannt wurden.

Haben Betriebsräte in Spanien die gleichen Rechte wie in Deutschland?

In Spanien stellen die Gewerkschaften Listen für den Betriebsrat auf und nehmen auch an seinen Sitzungen teil. Doch es gibt kein Recht auf Mitbestimmung, nur auf Information. Manchmal erhalten wir wichtige Informationen erst kurz vor der Umsetzung einer Veränderung. Wir wollen aber rechtzeitig informiert werden – das ist eine Frage des Respekts und der Augenhöhe!

Du vertrittst die spanischen Kollegen im Europäischen Betriebsrat der BASF. Gibt es Konkurrenz zwischen den Standorten in Deutschland und Spanien?

Es gibt Konkurrenz in ganz Europa; jeder möchte die Produktion in seinem Land haben. Aber wir versuchen trotzdem, etwas gemeinsam für Europa zu erreichen. Für den Fall, dass zum Beispiel in Spanien oder Italien Käufe oder Verkäufe anstehen, haben wir eine Checkliste erarbeitet, worauf man achten muss. Auch über Schließungen wird gesprochen. Wir haben erreicht, dass die bisher immer sozialverträglich verlaufen sind. Ein Vorteil der Vereinbarung über den Europa-Betriebsrat ist auch, dass es mehrfach im Jahr ein Ländertreffen gibt. Da kann ich mich über die Anliegen der rund 2000 Beschäftigten aus den verschiedenen BASF-Standorten in Spanien informieren.

Inwiefern ist Gewerkschaftsarbeit anders als in Deutschland?

In Spanien haben wir politische Richtungsgewerkschaften. Die wichtigsten nationalen Dachverbände sind UGT und CCOO (Arbeiter-Kommissionen). Beide haben Mitgliedsgewerkschaften in der Chemieindustrie. Die kämpfen natürlich um die Mitglieder. Aber wenn es um Tarife und Arbeitsbedingungen geht, einigen wir uns schnell auf eine Linie. Gegenüber den Arbeitgebern sind Gewerkschaften mehr auf Konfrontation eingestellt. Wir können auch eher zu Streiks aufrufen, das ist in Spanien ein individuelles Recht. Streiken gehört zur Demonstration unserer Stärke. Eine Streikkasse gibt es allerdings nicht; die Mitgliedsbeiträge sind dazu viel zu gering. Bis zur Arbeitsmarktreform 2012 wurden Gewerkschaften wie andere soziale Organisationen auch vom Staat subventioniert.

Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Situation der Menschen aus?

Es gibt enorm viele prekäre Jobs, zum Beispiel im Tourismus und im Bausektor. Manche Kollegen bekommen da nur Wochen- oder sogar Tagesverträge. Der Mindestlohn liegt bei 4,29 Euro pro Stunde, davon kann niemand leben. Bei den Jugendlichen haben wir sogar die größte Arbeitslosenquote in Europa. Wir wollen aber gute Jobs, nicht einfach nur ein Senken der Arbeitslosigkeit. Das Problem ist, dass wir uns zur Dienstleistungsökonomie entwickeln. Wir brauchen mehr Investitionen in die Industrie und in die berufliche Bildung.

Christian Burkert

Der spanische Betriebsrat und Gewerkschafter Angel Sanchez-Villa im Gespräch mit der Kompakt-Mitarbeiterin Sigrid Thomsen.
Worin besteht die Herausforderung für die Gewerkschaften?

Seit den Arbeitsmarktreformen von 2010 und 2012 gibt es mehr Zeitarbeit und mehr Werkverträge. Kündigungen sind leichter, Massenentlassungen müssen nicht mehr genehmigt und nicht einmal mit uns verhandelt werden. Arbeitgeber können sich aus der Tarifbindung lösen. Nach sechs Jahren konservativer Regierung sehen wir uns in der Rolle einer außerparlamentarischen Opposition gegen einen ungerechten Kapitalismus. Die Gewerkschaft muss sich als soziale Kraft erneuern und von unten wachsen, das muss mit der Jugend beginnen. Die lässt sich allerdings mangels Zukunftsperspektiven nur schwer gewinnen. Da müssen wir mehr tun.

In welche Richtung sollten die Gewerkschaften international gehen?

Wir fordern faire Löhne und eine bessere Koordination von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik in ganz Europa. Diese Position haben wir gemeinsam mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund entwickelt. Dazu brauchen wir auch wieder einen ernsthaften sozialen Dialog. Mein Traum wäre es, die deutsche Mitbestimmung auf Europa-Ebene einzuführen. Davon muss man allerdings auch die Spanier erst überzeugen; sie sind eher auf Konflikt eingestellt. Am liebsten hätte ich gelegentlich auch Kollegen aus anderen Weltregionen bei den Sitzungen des BASF-Europa-Betriebsrats dabei, aber das ist kein Bestandteil unserer Vereinbarung. Die Gewerkschaften, die stärker sind, sollen den anderen helfen, ohne Belehrung.

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