Gewerkschaften in China

Das Gigantische erfassen

Für die chemische Industrie ist China ein riesiger Markt — und ein riesiger Produktionsstandort. Für die Betriebsräte in Deutschland ist das Land eine Herausforderung. Es gilt, China zu verstehen und eine Zusammenarbeit mit den Kollegen dort aufzubauen. In Metropolen wie Shanghai herrscht Aufbruchsstimmung. Projekte werden innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Die Menschen zeigen den unbändigen Willen, etwas aufzubauen. Doch wer setzt sich für sie ein?

Detlef W. Schmalow / BASF SE

Für die chemische Industrie ist China ein riesiger Markt - und ein riesiger Produktsionsstandort.
12.06.2017
  • Von: Wolfgang Lenders
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Mitten in dieser Entwicklung Chinas steht die chemische Industrie. Die Wirtschaft boomt, der Bedarf an Rohstoffen ist riesengroß. Die Produktion von Chemikalien ist innerhalb weniger Jahre extrem gewachsen. Internationale Unternehmen wie Henkel, Bayer oder Evonik betreiben in China riesige Fabriken. Die Technik ist auf internationalem Niveau. Henkel zum Beispiel betreibe im Chemiepark in Shanghai mit der „Dragon Plant“ seine weltweit größte und modernste Klebstofffabrik, sagt Birgit Helten-Kindlein, Betriebsrätin bei Henkel in Düsseldorf und Mitglied des Aufsichtsrats.

Die Angst, dass Unternehmen Kapazitäten nach China verlagern könnten, liegt nahe. Aber ist sie auch gerechtfertigt? „Wir haben diese Angst einmal gehabt“, sagt Kai-Uwe Hemmerich, Vorsitzender des Betriebsrats und des Gesamtbetriebsrats beim Spezialchemikalienhersteller Clariant in Frankfurt. Bestätigt hätten sich diese Befürchtungen bislang nicht. Hemmerich hat allerdings Sorge, dass manche Mitarbeiter – etwa im Bereich Forschung – ständig zwischen den Standorten hin- und hergeschoben werden könnten. So baut Clariant zum Beispiel sein Frankfurter Forschungszentrum gerade in Shanghai nach. „Man muss für den Markt in China interessant sein“, sagt Hemmerich.

Dazu gehöre auch, dort forschen zu können. Den größten Teil der Chemieprodukte verbraucht die Industrie in China gleich selbst wieder. Der Markt dort ist mit einem jährlichen Volumen von mehr als 1000 Milliarden Euro der größte der Welt – Tendenz wachsend. Insbesondere im Bereich der Spezialchemikalien.

Detlef W. Schmalow / BASF SE

Der BASF-Steamcracker im chinesischen Nanjing.

Risiken gibt es aber auch: So weist zum Beispiel Corinne Abele von Germany Trade & Invest darauf hin, dass der Konsolidierungsdruck für Unternehmen steigt. Als problematisch nennt sie den niedrigen Rohölpreis und Überkapazitäten, insbesondere im Bereich Basischemikalien und Agrarchemie. Außerdem sei der Preisdruck auf viele Chemieprodukte hoch.

Unlängst besuchte eine Gruppe von deutschen Betriebsräten aus rund zehn Unternehmen das Werk – im Rahmen einer Tagung der IG BCE in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Shanghai Municipal Trade Union Council (SMTUC). „Unser Ziel ist es, die Entwicklung in China zu verstehen“, sagt Iris Wolf, die die Tagung für die IG BCE organisiert hat. „Wir wollen die Strukturen duchblicken und Möglichkeiten der Zusammenarbeit erkunden.“

Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei die internationalen Unternehmen, etwa Henkel. „Es geht uns darum, Netzwerke aufzubauen, einen Austausch mit den Kollegen vor Ort hinzukriegen“, sagt Birgit Helten-Kindlein. Einige Kontakte zu Arbeitnehmervertretern an den chinesischen Standorten hat sie bereits; sie herzustellen geholfen haben auch Manager, die von Deutschland nach China gegangen sind.

Der Aufenthalt in Shanghai hat bleibende Erinnerungen hinterlassen. „Ich musste vieles, was ich in meinem Kopf hatte, revidieren“, sagt Anke Strüber-Hummelt, Betriebsratsvorsitzende bei Evonik in Marl und Mitglied des Aufsichtsrats. Sie habe einen positiven Eindruck gehabt. „Wohlwissend, dass ich in einem Land war, in dem es keine demokratische Grundlage gibt.“

Auch wenn die Begeisterung der Menschen das mitunter vergessen lässt: China ist keine Demokratie. Die politische Führung besteht aus einer relativ kleinen Zahl von Personen. Ganz heikel: die Achtung der Menschenrechte. Der Staat kontrolliert die Medien und das Internet, kritische Webseiten sind gesperrt. Regimekritiker landen für Dinge im Gefängnis, die in Deutschland noch nicht einmal eine Straftat sind.

Die offiziellen Gewerkschaften in China sind riesig und haben beeindruckende Mitgliederzahlen – doch sie sind Bestandteil des politischen Systems. Können sie die Interessen der Beschäftigten vertreten? Vor einigen Jahren noch wäre die Antwort auf diese Frage ein klares „Nein“ gewesen. Doch vieles ist im Umbruch und so besteht zumindest die Hoffnung, dass sie auf lange Sicht wirkungsvoll für die Rechte der Beschäftigten kämpfen können. Zurzeit allerdings werden die offiziellen Gewerkschaften von sehr vielen Beschäftigten nicht als ihre Interessenvertreter wahrgenommen. Viele gehen wohl davon aus, dass Gewerkschaftsvertreter im Betrieb zum Management gehören oder Vertreter des Staates sind.

„Wenn es um die Gewerkschaftsstrukturen geht, muss man sich bewusst werden über die Begriffe“, sagt Birgit Helten-Kindlein. „Zwischen dem, was Arbeitnehmervertreter in Deutschland und in China sind, liegen natürlich Welten.“ So ist es oft Hauptaufgabe der Arbeitnehmervertretungen in den Betrieben, für Harmonie und gute Stimmung zu sorgen. Damit die Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften zu wirkungsvollen Interessenvertretern werden können, brauchen sie vor allem eins: Rechte.
Das Recht zu Tarifverhandlungen etwa – und das Recht, zum Arbeitskampf aufrufen zu dürfen.

IG BCE

Michael Vassiliadis mit deutschen und chinesischen Arbeitnehmervertretern und Experten in Shanghai.

Ziel des Engagements in China ist es nicht nur, die Situation dort zu verbessern. Es geht auch darum, Konkurrenzen zwischen den globalen Standorten eines Konzerns im Auge zu behalten. Wichtig ist, dass die Beschäftigten nicht gegeneinander arbeiten. „Wünschenswert sind weltweite Standards zum Arbeitsschutz und Arbeitsrecht“, sagt etwa Anke Strüber-Hummelt. Um das zu erreichen, müssen sich deutsche Arbeitnehmervertreter zunächst einmal mit den Bedingungen in China beschäftigen.

„Nur wenn man diese Veränderungen erkennt, wird man sich der Stärken und Schwächen des eigenen Standortes bewusst“, sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis, der zu der Tagung in Shanghai eingeladen hatte und selbst dort war. „Nur so lassen sich Mitbestimmungsfragen, personalwirtschaftliche Themen oder Standortfragen zwischen China und Deutschland weiterentwickeln.“ Es geht letztlich um Zusammenarbeit. „Eine zentrale Forderung der IG BCE ist der Auf- und Ausbau konzerninterner globaler Netzwerke der Arbeitnehmervertretungen“, so Vassiliadis.

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