Arbeitspolitik

Wegweiser für gute Arbeit

Fabrik und Büro sind im schnellen Wandel. Und den gilt es zu gestalten. Denn »Gute Arbeit« fällt nicht vom Himmel. Wir haben drei Beispiele zu Schichtarbeit, Leistungsverdichtung und Home-Office zusammengestellt.

Frank Rogner

Wolfgang Rosell mit Big Bag Durch einen in die Fördertechnik integrierten Hubtisch wird der abgfeüllte Big Bag angehoben. So kann Wolfgang Rosell das Einschubetikett bequem im Stand einstecken. Unergonomische Arbeitshaltungen wie häufiges Bücken entfallen.
29.05.2015
  • Von: Axel Stefan Sonntag Sigrid Thomsen
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Ein gesichertes Arbeitsverhältnis mit einer leistungsgerechten Entlohnung und geregelten Arbeitszeiten. Entwicklungschancen, die Beschäftigten Zufriedenheit und Zuversicht geben. Arbeit, die nicht krank macht und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht: Das sind einige der Kriterien, mit denen die IG BCE »Gute Arbeit« definiert. Doch die Gewerkschaft will nicht nur über gute Arbeit reden, sondern sie auch umsetzen. »Gemeinsam mit unseren Betriebsräten wollen wir Regelungen für gute und gesunde Arbeitsbedingungen vorantreiben«, gibt Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands, die Richtung vor. »Zum Beispiel mit Betriebsvereinbarungen.«

Gesundheit und Arbeitszeit sind die Handlungsfelder, die in diesem Jahr im Fokus stehen. Insbesondere das Thema Arbeitszeiten ist hochaktuell. Eine Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung spricht davon, dass Arbeitszeitpolitik und Arbeitszeitfragen derzeit eine »Renaissance« erleben. Die 2014 veröffentlichte WSI-Studie »Arbeitszeiten in Deutschland« brandmarkt, dass Leistung auf Abruf, an Wochenenden sowie in Spät- und Nachtschichten für viele Beschäftigte neue Normalität geworden sei. Die Wissenschaftler sehen diese Entwicklung kritisch: Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten habe »teilweise zu prekärer Beschäftigung, mehr Leistungsdruck und zur Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben geführt«, heißt es. Wachsender Druck im Job und Leistungsintensivierung seien die Folgen. Andererseits wachsen »die Ansprüche der Beschäftigten an eine selbstbestimmte, den eigenen Arbeits- und Lebensinteressen entsprechende Gestaltung der Arbeitszeit. Arbeitszeitpolitik muss sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse im Lebensverlauf ausrichten«, lautet das Urteil.

Frank Rogner

Admir Mujezinovic mit Spachtel Admir Mujezinovic muss nicht mehr bei jeder Ausnahme der Filterpresse den Filterkuchen mit dem Spachtel abstoßen. Der Prozess läuft automatisch und wird nur noch einmal pro Schicht vor Ort kontrolliert. Dadurch wird die körperliche Anstrengung minimiert.

Körperliche Belastung vermindern

Das Arbeitszeitgesetz und die Tarifverträge bilden den großen Rahmen. Um aber in der Arbeitszeitpolitik neue Konflikte zu lösen, sind oft betriebliche Lösungen gefragt. Erst recht in Zeiten von Leistungsverdichtung, Überall-Erreichbarkeit und möglichen ge-sundheitlichen Beeinträchtigungen durch Schichtsysteme. Viele gute Regelungen gibt es bereits. kompakt hat beispielhaft drei zusammengestellt.

Dass vor allem Ältere die gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit weniger gut wegstecken können, ist bekannt. »Mit zunehmendem Alter lässt die Anpassungsfähigkeit insbesondere an die Nachtarbeit und den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus nach. Ältere Schichtarbeitnehmer ent-wickeln häufiger Schlafstörungen«, sagt beispielsweise Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Ein Grund, weshalb die IG BCE beispielsweise in der Chemie-, Papier- und Feinkeramik-Branche schon frühzeitig Altersfreizeiten durchgesetzt hat, um die Belastungen vor allem für
Ältere zu verringern.

Doch in Zeiten ständig zunehmender Schichtarbeit (Eurostat meldet, dass im Jahr 2013 knapp 17 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland in Schicht tätig waren, 20 Jahre zuvor waren es erst elf Prozent) braucht es für alle Altersgruppen Entlastung. »Auch bei uns sind immer mehr Menschen in Vollkonti gekommen, aktuell rund 700 Mitarbeiter«, sagt Dieter Kleren, Betriebsratsvorsitzender des Evonik-Gemeinschaftsbetriebs Wesseling. Die Produktion von Kieselsäure für die Waschmittel- und Reifenindustrie läuft hier, wie viele andere Herstellprozesse, rund um die Uhr. »Die früher üblichen wochenweise wechselnden Blockmodelle haben wir bereits 1996 abgeschafft, um den Kollegen ein sozialeres und gesünderes Leben zu ermöglichen«, sagt er. Seit vergangenem Jahr sei man nun nochmals einen Schritt weiter gegangen, indem man die »Rahmenvereinbarung zur zukunftsfähigen Schichtarbeit« abgeschlossen habe.

Sie setzt in weiten Teilen Maßstäbe: »Nachtschichten sollen möglichst reduziert werden.« – »Die Schichtdauer soll stets die Art und Schwere der Tätigkeit berücksichtigen.« Und: »Tätigkeiten mit körperlicher Beanspruchung sollen vorrangig der Früh- und Spätschicht zugeordnet werden.«

So lauten drei Formulierungen. »Das soll vor allem Ältere entlasten«, sagt Dieter Kleren. »In der Frühschicht ist stellenweise ein spezieller Mitarbeiter, der so-genannte Koordinator, im Einsatz. Er kümmert sich ausschließlich um Arbeitnehmer aus der Technik und Fremdmitarbeiter, begleitet sie und weist sie ein. Das bedeutet weniger Leistungsverdichtung für die Kollegen in der Früh- und Spätschicht.« Ein weiterer Ansatzpunkt: Mit Investitionen in Ergonomie körperlich anstrengende Tätigkeiten zu reduzieren.

Helge Krückeberg

Psychische Belastung Ulrike Sander (gestreiftes Shirt) und Betriebsratsvorsitzende Manuela Martin (hinten links) in einer typischen Belastungssituation.

Stress konsequent angehen

Beim Tabuthema »Psychische Belastungen am Arbeitsplatz« hat Manuela Martin, Betriebsratsvorsitzende beim Pharmahersteller Abbott in Hannover, gemeinsam mit ihrem Gremium Nägel mit Köpfen gemacht. »Kollegen klagten vermehrt über kurzfristige Ergebnisorientierung, dauernde Erreichbarkeit und zu viele Überstunden«, sagt sie.
Weil aus ihrer Sicht Rückenschule und hauseigenes Fitnesscenter positiv sind, aber an der hohen Arbeitsbelastung nichts ändern, handelten die Arbeitnehmervertreter eine Betriebsvereinbarung aus, um mögliche Gesundheitsgefährdungen an den Arbeitsplätzen zu ermitteln, zu bewerten und zu beseitigen. Wichtig: »Psychische Belastungen sind darin explizit genannt und eingeschlossen«, so Martin.

Im Regelwerk ist insbesondere formuliert, dass Menschen Beanspruchungen »individuell unterschiedlich« wahrnehmen. Deshalb sei ebenso die Gefährdungsbeurteilung für jede
Tätigkeit und jeden Arbeitsplatz einzeln durchzuführen. »Stress empfindet jeder anders«, begründet Martin den Passus. Und nicht jeder nimmt ihn als solchen direkt wahr. »Wenn wir Analysenergebnisse in SAP eingeben und kontrollieren, kommt es oft vor, dass gleichzeitig Kollegen in der Tür stehen und eine Frage haben. Dadurch hat man Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren«, sagt Ulrike Sander, die seit 36 Jahren bei dem Pharmakonzern arbeitet.

Die Betriebsvereinbarung regelt, dass Beschäftigte solche Störfaktoren in einem anonymen Fragebogen äußern können. Zeigt die Umfrage Handlungsbedarf, bucht Abbott einen externen Experten, der mittels Workshop Verbesserungsvorschläge ausarbeitet. »Und dabei bleibt es nicht. Geregelt ist, dass die Beschäftigten gemeinsam mit dem Vorgesetzten kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Abhilfe vereinbaren. Nach drei Monaten muss ein Umsetzungsplan erstellt sein«, betont Manuela Martin.

Michael Kottmeier

BP Sabbatical IG-BCE-Betriebsrätin Hilde Petrovici mit Angelika Reß (rechts), die eine Auszeit, ein Sabbatical, genutzt hat, um in Bolivien Kindern zu helfen.

Arbeitszeiten vernfünftig flexibilisieren

Bei der BP Lubes Marketing in Hamburg dürfen Mitarbeiter zweimal die Woche ihren Schreibtisch verlegen – beispielsweise nach Hause. Wer nicht im Büro arbeitet, muss telefonisch erreichbar bleiben und darf höchstens die »regelmäßige tägliche Sollarbeitszeit« von 7,6 Stunden aufschreiben, so steht es in der Betriebsvereinbarung über »flexibles Arbeiten«. Laptops mit Kommunikationsprogramm stellt der Arbeitgeber. »Das war in den Verhandlungen der härteste Brocken«, berichtet IG-BCE-Betriebsrätin Hilde Petrovici. »Außerdem gab es Skepsis über den Umgang mit der Arbeitszeit.«
Die hat sich gelegt. »120 Kollegen haben das mobile Arbeiten inzwischen in Anspruch genommen«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Kai-Uwe Brand, »etwa 180 könnten es.«

Beide Seiten scheinen zufrieden: »Wer in internationalen Teams arbeitet und morgens Telefonate in den Fernen Osten und abends in den Westen der Welt führen muss, kann die Stunden dazwischen privat nutzen. Mit der Erfassung der Arbeitszeit nehmen es die Kollegen sehr genau. Das sieht auch die Geschäftsleitung.« Inzwischen wird über eine Ausweitung des Modells auf andere Standorte verhandelt. Kleine Schritte gehen, Testphasen einplanen, die Interessen beider Seiten im Blick behalten: Das ist für Hilde Petrovici das erfolgversprechende Vorgehen. So wurde bei BP selbst eine Betriebsvereinbarung über Sabbaticals erreicht. Auszeiten bis zu sechs Monaten sind nach dem Modell aktiver und passiver Phasen möglich; während der gesamten Zeit wird das halbe Gehalt bezahlt. Wer die Freistellung will, muss das mit den Vorgesetzten auf betriebliche Vereinbarkeit abstimmen.

Angelika Reß hat eine solche Auszeit 2013 in Anspruch genommen: Acht Wochen half sie in einem Kinderhaus in Bolivien mit, das sie seit einer Urlaubsreise vor 14 Jahren kennt und finanziell unterstützt. »Ich finde die Chance zum Sabbatical toll«, sagt die Kauffrau aus dem Schifffahrtsbereich. »Mir hat das eine andere Sicht auf unsere Überflussgesellschaft gegeben.«

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