Schichtarbeit

Anfangs war keiner so recht begeistert

Lange galt Teilzeitarbeit im Schichtbetrieb als schwierig und teuer. Aber auch Schichtarbeiter haben ein Recht darauf. Bei einem Schichtmodell mit fünf Gruppen lässt es sich einlösen, zeigt die Erfahrung beim Papierhersteller Schoeller.

Christian Burkert

Michael Jörißen hat beim ersten Kind auf 36,5 Stunden reduziert, beim zweiten auf 35. Michael Jörißen hat beim ersten Kind auf 36,5 Stunden reduziert, beim zweiten auf 35. "Ich bringe nur noch acht zusätzliche Schichten im Jahr ein. Das ist mit den familiären Pflichten erheblich besser zu organisieren."
31.08.2016
  • Von: Sigrid Thomsen
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Michael Jörißen wirft einen prüfenden Blick über das mit Silikon beschichtete Papier, steigt auf den Extruder, stellt die Maschine ein. Der 37-Jährige ist Maschinenführer in der Papierveredelung des Osnabrücker Unternehmens Felix Schoeller. Er arbeitet in Schichten. Dennoch hat er seine Arbeitszeit reduziert.

Teilzeit auf Schicht ist in der Papierfabrik aufgrund einer Betriebsvereinbarung möglich. In seinem Fall kommt das der Familie zugute: "Ich brauche Zeit für mein Landleben", sagt der gelernte Tischler und lacht. "Ich möchte meine kleinen Töchter vom Kindergarten abholen können und an dem alten Bauernhaus basteln, das ich vor  einigen Jahren gekauft habe."

Dass er dafür auf Teilzeit gehen konnte, ist Resultat einer Krise. Denn ursprünglich galten Schicht und Teilzeitarbeit als nicht vereinbar. "Vor 17 Jahren hatten wir eine Auftragsdelle", erzählt Betriebsrat Dirk Oelgeschläger. "Deshalb haben wir die Arbeitszeit eine Zeit lang von 38 auf 35 Stunden reduziert. Davon waren die Kollegen anfangs nicht begeistert. Aber sie haben schnell festgestellt, dass die Erholung größer und die finanzielle Einbuße nicht so gravierend waren. Als es der Firma besser ging, wollten viele nicht zurück."

Auch der Arbeitgeber war anfangs alles andere als begeistert. Doch nachdem es mit dem novellierten Teilzeit- und Befristungsgesetz von 2001 rechtlichen Anspruch auf Teilzeit gab, tüftelte der Betriebsrat an einer Betriebsvereinbarung für Teilzeit auf Schicht. Und überzeugte das Unternehmen. Seit 2002 können Schichtarbeiter ihre Arbeitszeit auf bis zu 33,6 Stunden die Woche verringern.

"Grundlage dafür ist unser Fünf-Schichten-System", erklärt der Betriebsratsvorsitzende Gerd Eisermann. "Wenn drei Schichtgruppen arbeiten und zwei frei haben, kommt man auf 33,6 geleistete Stunden die Woche. Um die Differenz zu den 38 Stunden Regelarbeitszeit auszugleichen, muss man 29 Einbringschichten im Jahr zusätzlich leisten. Das ist nicht beliebt, vor allem im Sommer, wenn die anderen Urlaub machen. Wer auf 33,6 Stunden reduziert, muss das nicht."

Oder nicht so viel. Michael Jörißen hat beim ersten Kind auf 36,5 Stunden reduziert, beim zweiten auf 35. "Ich bringe nur noch acht zusätzliche Schichten im Jahr ein. Das ist mit den familiären Pflichten erheblich besser zu organisieren, besonders seit meine Frau halbtags wieder arbeitet."

Etwa ein Drittel der 320 Schichtarbeiter bei Schoeller hat sich für Teilzeitarbeit entschieden. Dadurch sind zehn neue Stellen entstanden – kein unwichtiger Gesichtspunkt in einer Branche, die mit der sinkenden Nachfrage nach Fotopapier kämpft. Deshalb gibt es auch keinen Anspruch auf Rückkehr in die Vollzeit. "Im Einzelfall suchen wir nach Lösungen", sagt  Stefan Hörsemann von der Personalabteilung. Aus seiner Sicht hat sich die Regelung bewährt: "Junge Leute machen nicht mehr so gern Schichtarbeit. Dass wir flexibel sind, macht uns als Arbeitgeber attraktiver."

Attraktiv ist das Modell auch fürs Älterwerden auf Schicht. Guido Igelmann ist schon seit 40 Jahren bei Schoeller, wie bereits Vater und Onkel. Er hat anfangs an der Streichmaschine in der Papierveredelung gearbeitet, später in der Prüfstelle der Papierfabrik. Heute steht er am "Doktorroller" und behebt Schäden am Papier. "Schichtarbeit ist stressig", ist seine Erfahrung. "Besonders Nachtdienste fallen einem im Alter schwerer. Man schläft nicht mehr so gut durch." Neun Jahre lang hat der jetzt 58-Jährige die Teilzeitregelung in Anspruch genommen und die gewonnene Freizeit zur Erholung genutzt.

Vor einigen Jahren ist er wieder auf Vollzeit gegangen. Wer über 55 Jahre alt ist, bekommt ja tarifvertraglich zwei Wochenstunden Entlastung bei der Schichtarbeit. Ursprünglich galt das nicht für Teilzeitarbeiter. "Seit 2012 haben wir aber durch eine Betriebsvereinbarung geregelt, dass man auch bei reduzierter Arbeitszeit die Altersfreizeit in Anspruch nehmen kann", erklärt der Betriebsratsvorsitzende Gerd Eisermann.

Guido Igelmann reduziert jetzt ganz radikal. Um sich langsam aus dem Arbeitsleben zu verabschieden, verbindet er Teilzeitarbeit mit Altersteilzeit: statt die in drei aktive und drei passive Jahre einzuteilen, wird er sich seine Stelle mit einem anderen Kollegen teilen. So fällt nur jede zweite Schicht zum Arbeiten an. "Dann sind zwischen den Schichten immer 17 Tage am Stück frei", freut er sich schon. "Das passt mir besser als ein abruptes Ende."

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