Demografie-Tagung

Investitionen in die Menschen

Die Belegschaften werden älter, zudem zeichnet sich ein Fachkräftemangel ab. Die IG BCE stellt sich diesen Herausforderungen, hat eine tarifpolitische Vorreiterrolle übernommen. Der Erfahrungsaustausch über die bisher eingeführten Instrumente und Möglichkeiten, den demografischen Wandel zu gestalten, stand im Mittelpunkt einer gewerkschaftlichen Tagung am 6. und 7. Juni in Hannover. Impulsvorträge, Diskussionen und Foren gaben mehr als 140 Teilnehmern die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.

Helge Krückeberg

Demografie-Tagung Ein Erfahrungsaustausch über die bisher eingeführten Instrumente und Möglichkeiten, den demografischen Wandel zu gestalten, steht im Mittelpunkt einer gewerkschaftlichen Tagung am 6. und 7. Juni in Hannover.

Der demografische Wandel erfasst die Betriebe mit zunehmender Wucht. Zugleich nimmt die Leistungsverdichtung in den Betrieben rasant zu und zeitigt erhebliche gesundheitliche Folgen, insbesondere die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt. Die Ausdehnung der Lebensarbeitszeit erfordert zwingend den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit – die Belastungen müssen verringert werden, damit die Menschen gesund in Rente gehen können.

Der demografische Wandel ist kein unabänderliches Schicksal, vielmehr kann der Wandel geprägt und gestaltet werden. Kein Zufall also, dass Michael Vassiliadis sein Referat unter die Überschrift stellte „Gestaltungsauftrag Demografie – Es geht um gute Arbeit.“

Dabei warnte der IG-BCE-Vorsitzende davor, dass „wir uns zu schmal aufstellen. Nicht Notfall-Management ist angesagt. Auf der Tagesordnung stehen vielmehr fundamentale Fragen; betroffen sind Kernbereiche gewerkschaftlichen Wirkens.“

Daniel Pilar

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE.
Es gehe um die Beschäftigten, um Arbeitsbedingungen, Arbeits- und Produktionsgestaltung, Qualifizierung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Arbeitgeberattraktivität im Konkurrenzkampf um die besten Köpfe und um intelligente Arbeitszeitmodelle. „Kurzum: es geht um Arbeit, und wenn man es wirklich richtig machen will, dann geht es nur mit Guter Arbeit.“

In der industriellen Produktion liegt der Kern der Wertschöpfungskette; der gesellschaftliche Wohlstand kann also nur erhalten und ausgebaut werden, wenn Deutschland wettbewerbsfähig bleibt. Vassiliadis: „Unser Land kann seine Rolle als führende Industrienation nur unter den Gesichtspunkten Qualität, Innovation und Flexibilität weiter aufrechterhalten. Der Bedarf nach qualifizierten Fachkräften stellt die Betriebe vor neue Herausforderungen. Dabei gilt es verstärkt alle Reserven auf dem Arbeitsmarkt zu mobilisieren.“

Die Integration älterer Arbeitnehmer und die Verknüpfung von Beruf und Familie werden dabei eine entscheidende Rolle einnehmen. Ein wesentlicher Schlüssel liege im intelligenten Umgang mit Arbeitszeit. Die Antwort auf die demografischen Herausforderung laute: „Betriebe und Arbeitnehmer müssen in die Lage versetzt werden, die Arbeitszeiten und deren Gestaltung mit den unterschiedlichen und einzelnen Lebensphasen der Menschen und den Arbeitszyklen der Betriebe zusammen zu bringen und aufeinander abzustimmen. Die IG BCE will, dass die Arbeitnehmer über ihre Arbeitszeit und das Ende ihrer Beschäftigung mitbestimmen können. Neue Arbeitszeitsysteme müssen den Menschen mehr Gestaltungsmöglichkeiten einräumen.“

Einige Arbeitgeber leben noch immer in dem Glauben, die demografische Herausforderung lässt sich durch schlichtes „Köpfezählen“ meistern. Doch diese sogenannten Headcount-Debatten führen nicht weiter, landen in der Sackgasse. Michael Vassiliadis: „Notwendig sind intelligente Investitionen in die Menschen.“

Die IG BCE werde hier nicht nachlassen und das Thema weitertreiben. Vassiliadis kündigte an, dass die Gewerkschaft die Unterstützung der Betriebsräte ausbaut und verstärkt. In den Regionen werden sich acht Gewerkschaftssekretäre konkret und nachhaltig um den Komplex Demografie kümmern.

Eine strategische Personalplanung und der Erhalt der Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gehören nach Einschätzung von Peter Hausmann zu den wesentlichen Zukunftsaufgaben der Unternehmen.

„Wir rühren keinen Einheitsbrei an, es gibt auch keinen Königsweg“, unterstrich der IG-BCE-Tarifpolitiker. Vielmehr müssen die Lösungen passgenau für die Branchen und Betriebe entwickelt werden. „Auf diesem Weg ist die IG BCE ein gutes Stück voran gekommen, die chemische Industrie ist dafür ein Beispiel. Aber auch in anderen Bereichen – Kautschuk-, Kunststoff- oder Schuhindustrie – haben wir Tarifverträge unter Dach und Fach gebracht. Wir wollen das auf andere Branchen ausweiten. Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen.“

Helge Krückeberg

Diskussion mit Verbandsvertretern Wie kann Schichtarbeit gesundheitlich verträglich geregelt werden? Eines der Themen bei der Podiumsdiskussion zum demografischen Wandel - moderiert von IG-BCE-Vorstand Peter Hausmann.
Ein nahtloser Übergang vom Job in den Ruhestand klappt immer seltener, schon heute sind zwei von drei Neu-Rentnern vor dem regulären Rentenbeginn nicht mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Viele waren vorher arbeitslos oder mussten vorzeitig das Handtuch werfen. Das Rentenniveau sinkt, die Gefahr von Altersarmut steigt. Hier muss gegengesteuert werden, die Bundesregierung ist in der Pflicht.

Peter Hausmann: „Wir brauchen flexible Übergangsmodelle in den Ruhestand, da sind nicht nur Arbeitgeber und Gewerkschaften gefordert, da trägt vor allem der Gesetzgeber Verantwortung.“

Der von der IG BCE angestrebte Ausbau der Teilrente in Verbindung mit einem Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit wäre – gerade für besonders belastete ältere Beschäftigte – ein wichtiger neuer Baustein zur individuellen Lebensplanung beim Übergang in den Ruhestand.

Mit der jetzigen Bundesregierung ist die IG BCE seit langem im Gespräch, um künftig neue Modelle von Teilrente und Teilzeitarbeit tarifvertraglich absichern zu können. Hausmann: „Ich bin sicher: Entweder das klappt noch in den nächsten Wochen, oder wir machen das ab September mit einer neuen Bundesregierung. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen eine Wahl haben, wie der Übergang in die Rente passiert. Und dafür brauchen wir neue gesetzliche Möglichkeiten und einen guten tarifvertraglichen Rahmen.“

Wie sehen Arbeitgeber die weitere tarifliche Entwicklung bei der Demografie? Peter Hausmann, im IG-BCE-Vorstand für Tarife zuständig, diskutierte darüber mit Verbandsvertretern der Kunststoff-, Keramik-, Glas und Solar- und Kautschukindustrie.

Einigkeit bestand darin, dass auch jenseits der chemischen Industrie und der Großkonzerne Arbeitsplätze dem demografischen Wandel angepasst werden müssten. "Glas wird auch in Zukunft in Deutschland produziert. Aber wir können uns nicht bequem zurücklehnen", sagte Harms Lefnaer, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbandes Glas und Solar. "Wir als Verband wollen wissen, was unsere Mitglieder brauchen, um länger zu arbeiten - genau wie die IG BCE. Unser Ziel sollte es sein, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, denn der Prozess ist mühsam, aber nötig."

 

Zumindest mit der Nachwuchsfrage habe man noch keine Probleme, erklärte Christoph René Holler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Keramische Industrie. "Wir sind eine relativ kleine Branche, unsere Azubistellen können wir im Moment noch fast komplett besetzen." Allerdings, fügte er hinzu, sei die keramische Industrie vor allem im ländlichen Raum angesiedelt, wo die Konkurrenz gegenüber der Stadt kleiner sei. "Wir müssen in die Beschäftigten investieren, um die Demografie anzugehen", sagte Holler. "Aber können wir in ein paar Jahren noch die Gehälter zahlen, die junge Leute zur Schichtarbeit motivieren?".

Helge Krückeberg

Diskussion zur Demografie Wer hart arbeitet, muss vor 67 in Rente gehen dürfen: Da waren sich IG-BCE-Vorstand Peter Hausmann (links) und Norbert Reiners vom Arbeitgeberverband der Deutschen Kautschukindustrie (ADK) einig. 
Von konkreten Auswirkungen des demografischen Wandels konnte Helmut Schlick, geschäftsführender Vorsitzender des Verbandes der südwestdeutschen Kunststoffindustrie, berichten: "Wir haben längst Probleme, Azubis zu finden. Von Fachkräften ganz zu schweigen. Da müssen wir als Unternehmen reagieren. Der Fachkräftemangel macht aber auch Druck auf die Politik, mehr Geld in Weiterbildung zu investieren - und das ist am Ende gut für alle." 

Die Produktionsprozesse in seiner Branche seien mit dem Renteneintrittsalter von 67 Jahren absolut nicht kompatibel, stellte Norbert Reiners, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des  Arbeitgeberverbandes der Deutschen Kautschukindustrie (ADK), fest. "Wer Reifen produziert, hält nicht einmal bis 62 durch. Da müssen wir ran. Denn wenn ein Reifenmacher erst mit 59 eine neue Tätigkeit angeboten bekommt, ist es zu spät." Reiners verwies darauf, dass der Preisdruck in der Automobilzuliefererbranche groß sei und kaum Geld für Maßnahmen zur altersgerechten Anpassung von Arbeitsplätzen zur Verfügung stünde.  

Harms Lefnaer vom Bundesarbeitgeberverband Glas und Solar bewertete die Rente mit 67 dagegen nicht so kritisch: "Wir müssen damit leben, dass alle ein paar Jahre länger arbeiten müssen. Darauf kann sich jemand, der jetzt Mitte 30 ist, deutlich besser einstellen. Die Sichtweise ist dann einfach eine andere. Man kann dafür planen und auch sparen."

IG-BCE-Vorstand Peter Hausmann warb dafür, die vertretenen Branchen jungen Menschen schmackhaft zu machen. "Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sie bei Ihnen gut verdienen und eine Perspektive haben."

Helmut Schlick von der südwestdeutschen Kunststoffindustrie pflichtete ihm bei: "Die jetzigen Schichten werden so nicht bestehen können." Auch Norbert Reiners vom Kautschukverband ADK war dieser Meinung: "Man wird Schichtpläne ändern und an neuesten medizinischen Erkenntnissen orientieren müssen. Wer besonders belastet ist, sollte außerdem generell nicht bis 67 arbeiten müssen."

Beim Thema Langzeitkonten und Branchenfonds gab es sehr unterschiedliche Meinungen. Peter Hausmann: "Wenn zu viele Denkverbote bestehen, können wir keine gemeinsamen Wege gehen." Christoph René Holler vom Bundesverband Keramische Industrie kam ihm entgegen: "Wir sollten ein Paket aus Demografie, Altersfreizeit und anderen Fragen schnüren. Wenn das dann in beiden Tarifkommissionen Mehrheiten findet, umso besser."

Nico Herzog

Franz Müntefering Franz Müntefering
Zum Auftakt des zweiten Konferenztages sprach Franz Müntefering, ehemals Bundessozialminister und Sprecher des Arbeitskreises Demografischer Wandel der SPD-Bundestagsfraktion, zu den Tagungsteilnehmern. Müntefering beschrieb eindringlich die Notwendigkeit, den demografischen Wandel zu gestalten: "Nachhaltigkeit ist nicht nur im Umweltbereich nötig." Er verwies auf die niedrige Geburtenrate in Deutschland, die bis 2050 dazu führen werde, dass Frankreich und Großbritannien mehr Einwohner haben werden als die Bundesrepublik. Gleichzeitig käme in Thüringen schon jetzt auf zwei neue Renter nur ein Schulabgänger. "Wie trägt sich das alles?", fragte Müntefering. Und gab selbst die Antwort: "Wir müssen rechtzeitig unsere Kräfte bündeln - Politik, Gewerkschaften, Unternehmen. Alles, was wir nicht gestalten und regeln, geht zu Lasten der Schwächeren."

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