Demografie

Gesund in Rente

Alle reden davon, die IG BCE gestaltet den demografischen Wandel. Belastungen werden verringert und zugleich mehr Freiräume geschaffen. Die Chemie-Tarifverträge wirken, das zeigen drei Beispiele.

Werner Bachmeier

Arbeiten bis 67 - das können sich viele Arbeitnehmer nicht vorstellen.
06.06.2013
  • Von: Michael Denecke

Die älteren Beschäftigten bei Enka in Obernburg können sich freuen, sie erhalten künftig zwölf zusätzliche Freischichten im Jahr. Konkret: Vollkonti-Schichtarbeiter ab 60 haben bis zum Renteneintritt jährlich 34 Freischichten zur Verfügung. Bei Tagschichtlern ab dem 62. Lebensjahr sind das 26 Freischichten jährlich. Bisher stehen Schichtarbeitnehmern ab dem 55. Lebensjahr 22 Freischichten zu, Tagschichtler haben ab dem 57. Lebensjahr Anspruch 14 Freischichten. Das ist schon seit Längerem in der chemischen Industrie garantiert, eben weil Schichtarbeit gerade die älteren Beschäftigten enorm belastet.

Auf diesen tarifvertraglichen Erfolg bauen Betriebsrat und Unternehmensleitung bei Enka jetzt mit einer gerade abgeschlossenen Betriebsvereinbarung auf. Sie regelt, wie der neue Tarifvertrag Demografie, kurz "Demo II", beim einzigen Viskose- Hersteller in Europa umgesetzt wird. "Wir haben uns zunächst einmal angeschaut, wie die Alterstruktur im Betrieb ist und auf der Basis eine Vorauswahl unter den verschiedenen Modellen getroffen, die der Tarifvertrag anbietet", erläutert Mehmet Nacioglu, Vorsitzender des Enka-Betriebsrates. Auf der Basis folgte dann eine Befragung der 340 Beschäftigten.

Martin Leissl

Mehmet Nacioglu, Vorsitzender des Enka-Betriebsrates "Wir haben uns zunächst einmal angeschaut, wie die Alterstruktur im Betrieb ist und auf der Basis eine Vorauswahl unter den verschiedenen Modellen getroffen, die der Tarifvertrag anbietet", erläutert Mehmet Nacioglu, Vorsitzender des Enka-Betriebsrates.
Das Ergebnis war eindeutig: Eine große Mehrheit der Belegschaft stimmte für die Verkürzung der Arbeitszeit für Ältere. Alle älteren Beschäftigten erhalten somit zukünftig pro Jahr zwölf Freischichten zusätzlich. "Im Betrieb kommt das gut an, wir sind sehr zufrieden", sagt Mehmet Nacioglu. Die ersten positiven Wirkungen seien bereits festzustellen: "Es kommt durch die Arbeitszeitverkürzung zu Neueinstellungen. Im Vorgriff haben bereits mehrere Leute einen Arbeitsvertrag bei Enka unterschrieben."

Um genaue Aufschlüsse über Problemlagen und Anliegen der Beschäftigten zu bekommen, führte auch der Mischkonzern 3M an allen sieben Standorten in Deutschland eine detaillierte Befragung durch. Die Arbeitnehmervertreter waren von Anfang mit im Boot, brachten ihre Anregungen, Vorschläge und Forderungen ein. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten sprachen sich für mehr Freiräume in der Arbeitszeitgestaltung aus, ein besonderer Schwerpunkt dabei: der Weg in die Rente. Auf dieser Basis verhandelten Betriebsräte und Unternehmensleitung eine Gesamtbetriebsvereinbarung. Das Abkommen wird jetzt in den Betrieben umgesetzt, zum 1. Mai eröffnete das "3M Langzeitkonto". Information ist Trumpf, 3M erläuterte die neue Regelung auf Betriebsversammlungen bis in die Einzelheiten.

"Das ist auch notwendig", bekräftigt Friedhelm Ladwig, denn die Vereinbarung ist schon sehr komplex. "Natürlich stehen wir unseren Kolleginnen und Kollegen auch für Einzelberatungen zur Verfügung", unterstreicht der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des 3M-Werks im rheinischen Hilden.

Frank Rogner

Friedhelm Ladwig, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des 3M-Werks im rheinischen Hilden " Es rechnet sich auch für die Älteren", sagt Friedhelm Ladwig, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des 3M-Werks im rheinischen Hilden.
In die Langzeitkonten werden die Mittel aus dem tariflich verankerten Demografie-Fonds komplett eingezahlt. Die Beschäftigten füllen ihr Konto weiter auf – die Palette reicht hier von Entgeltbestandteilen und Urlaubstagen über Einmalzahlungen bis hin zu den 2,5 Stunden Altersfreizeit. Die Vereinbarung öffnet erhebliche Spielräume, für individuelle Interessenlagen gibt es passgenaue Lösungen. Aus dem Langzeitkonto kann später ein vorzeitiger Renteneintritt finanziert werden. "Für die Jüngeren ist das natürlich besonders attraktiv – sie haben ja eine lange Ansparzeit vor sich. Aber es rechnet sich auch für die Älteren", betont Friedhelm Ladwig. "Es ist kein Problem, in elf Jahren beispielsweise zwei Jahre Vorruhestand anzusparen – bei dann 85 Prozent des letzten Netto-Entgelts."


Das Wertguthaben kann nicht nur für den Vorruhestand genutzt werden, Teilzeitmodelle schrauben die Belastungen runter und ermöglichen flexible Übergange in den Ruhestand. Flexibiliät kennzeichnen auch die Regelungen zum sogenannten Sabbatical. Die Guthaben des Langzeitkontos ermöglichen Voll-oder Teilzeit-Freistellungen ohne Entgelteinbußen.

Die Verwendung der Zeit ist nicht eingeschränkt, das Sabbatical kann für die persönliche Weiterbildung ebenso eingesetzt werden wie für die Pflege von Angehörigen oder die Kinderbetreuung. "Die ersten Reaktionen auf unsere Vereinbarung sind durchaus positiv", freut sich Friedhelm Ladwig. "Natürlich müssen wir sehen, wie das angenommen wird und wie die Praxis läuft. Aber ich bin da recht optimistisch, ich glaube, wir sind auf einem guten Weg."

Bei Continental Rubber haben sich Betriebsräte und Personalleitung im März auf eine Rahmenbetriebsvereinbarung für die 16 Standorte verständigt. "Vor allem ältere Beschäftigte im Vollkonti-Schichtsystem werden davon profitieren", unterstreicht der stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bruno Hickert. "Mit der neuen Regelung sind in den letzten Arbeitsjahren längere Erholungsphasen garantiert, so können die Kollegen gesünder die Rente erreichen, als wenn sie voll durcharbeiten müssen."

Ute Haupts

Bruno Hickert, stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Continental. "So können die Kollegen gesünder die Rente erreichen", sagt Bruno Hickert, stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Continental.
Um das Modell zu veranschaulichen, skizziert Hickert ein Beispiel, den "Kollegen Müller". Hans Müller ist 55 Jahre alt und möchte in zehn Jahren, also mit 65, in Rente gehen. Er arbeitet fünf Jahre weiter in Vollzeit und bringt dabei seine 2,5 Stunden Alterfreizeit mit ein. Mit 60 geht Kollege Müller in die Teilzeitarbeitsphase. Er nimmt nun die ihm tarifvertraglich zustehenden 2,5 Altersfreizeitstunden und die in den fünf Jahren zuvorgesammelten Altersfreizeitstunden in Anspruch.

Die Arbeitszeit wird also um fünf Stunden verringert. Aus dem Demografie-Fonds werden noch einmal 2,5 Stunden finanziert, die Arbeitszeitverkürzung beträgt insgesamt 7,5 Stunden – faktisch bedeutet das die 4-Tage-Woche für Hans Müller. Und zwar bei vollen Entgeltausgleich. Dieses Modell, erläutert Hickert, wird vor allem in Standorten zum Zuge kommen, wo überwiegend Schichtarbeit geleistet wird.

Die Rahmenbetriebsvereinbarung eröffnet aber noch weitere Möglichkeiten. So können in Conti-Standorten mit Einschichtsystem die Beschäftigten ihre Arbeitszeit in bestimmten Lebensphasen verringern, zum Beispiel zur Pflege von Angehörigen, für die Kinderbetreuung oder auch für die Weiterbildung. Ein Entgeltverlust ist hier ebenfalls ausgeschlossen.
Eine dritte Variante legt fest, dass beide Modelle auch miteinander kombiniert werden können. "Das muss jetzt vor Ort auf den Weg gebracht werden", sagt Bruno Hickert. "Es geht darum, für jeden Standort eine passgenaue Lösung zu finden. Der Demografie-Tarifvertrag ist eine gute Sache, jetzt entfaltet er Wirkung."


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