Mitgestaltung statt Blockade

Leistungsdialog bei Clariant

Als der Betriebsrat des Chemiekonzerns Clariant im Jahr 2010 von der geplanten Einführung eines „Ganzheitlichen Produktionssytems“ erfuhr, hatten die Beschäftigten gerade einige Rationalisierungswellen verbunden mit Personalabbau hinter sich gebracht. Jetzt sollten auch noch sämtliche Leistungs- und Produktionsdaten des global aufgestellten Unternehmens erfasst werden. Doch trotz Sorgen vor weiterem Stellenabbau und mehr Arbeitsbelastungen beschloß der Betriebsrat nicht in eine Blockadehaltung zu gehen, sondern den Prozess aktiv mitzugestalten. 

Clariant International Ltd.

Clariant

An den Moment der Vorstellung des neuen Clariant Production System (CPS) durch das Management kann sich Ludger Eckert noch genau erinnern. „Ich musste an Shakespeare denken, an die Schlacht von Heinrich V. und seinen Engländern“, sagt der Betriebsrat. „Ich hatte das Gefühl, dass wir einer Übermacht gegenüber stehen und eigentlich nur auf unseren Untergang warten.“

Keiner im Betriebsrat wusste, was ein ganzheitliches oder globales Produktionssystem (Link zum Infokasten) eigentlich ist. „Zuerst haben bei uns die Alarmglocken geläutet“, sagt Betriebsrat Mario Schäfer. Denn das Unternehmen hatte erst weitreichende Umstrukturierungen verbunden mit Stellenabbau hinter sich gebracht. Weitere Maßnahmen waren den Beschäftigten zu diesem Zeitpunkt kaum mehr zu vermitteln. Und die Betriebsräte ergriff die Sorge, dass nun erneut Jobs auf dem Spiel stehen. „Wir wussten nicht, welche Folgen die Einführung des ‚CPS’ für den einzelnen Beschäftigten haben würde“, sagt Ludger Eckert. Denn jedes einzelne Produktionsverfahren sollte nun im Detail analysiert werden und mit einer Beschäftigtenbefragung der Unternehmensberatung McKinsey sollte totale Transparenz hergestellt werden. Für die Betriebsräte war klar, dass sie schnell handeln müssen: „Wir wollten wissen, was wir tun können, um die Beschäftigten zu schützen“, berichtet Mario Schäfer. „Deshalb haben wir uns das Produktionssystem von Toyota angeschaut (TPS, Infokasten).“ Unter Hochdruck wurde vom Betriebsrat recherchiert, auf welche Mitbestimmungsrechte man sich berufen kann. Das war nicht immer einfach, erinnert sich Eckert. „Wir mussten Informationen einfordern und im Zweifelsfall einzelne Prozesse stoppen.“

Was kann ein Betriebsrat tun, um die Interessen der Beschäftigten zu schützen?

Im ersten Schritt stellten die Arbeitnehmervertreter die McKinsey-Mitarbeiterbefragung auf den Prüfstand und schlossen mit dem Management eine Betriebsvereinbarung für die Einführung des neuen Produktionssystems. Darin wurden etwa der Schutz von Persönlichkeitsrechten und die Vermeidung einer Zunahme der Arbeitsbelastungen geregelt. So müssen Datenerhebungen seitdem anonymisiert erfolgen und ein direkter Leistungsvergleich von Beschäftigten oder Schichten wurde zum Tabu erklärt. Außerdem wurde vereinbart, das „CPS“ zunächst als Pilotprojekt in einzelnen Betrieben am Standort Höchst umzusetzen und diese Erfahrungen auszuwerten. Ein erster Teilerfolg. 

„Wir haben auch mit Hilfe der IG BCE sehr viel dafür getan, dass sich die Mitarbeiter gut informiert gefühlt haben“, sagt Ludger Eckert.
In Workshops wurden die Vertrauensleute fit gemacht, um die Informationen an die Beschäftigten in der Produktion weiter tragen zu können.

Die Betriebsräte sehen das neue Produktionssystem mittlerweile sogar in einigen Fällen positiv: „Arbeiten, die vorher nur im Schichtbuch dokumentiert waren oder vielleicht nur mündlich kommuniziert wurden, werden nun im „CPS“ registriert und damit besser sichtbar“, berichtet Ludger Eckert. Jetzt liege der Fokus auf einer gemeinsamen Ursachensuche. „Die Last der Verantwortung liegt nicht mehr allein auf den Schultern eines Einzelnen.“

Doch als Erfolgsgeschichte will Eckert die Umstrukturierung nicht bezeichnen: „Es ist noch zu früh, für eine abschließende Bewertung zum Beispiel beim Thema Leistungsverdichtung. Aber dort, wo wir mit den Beschäftigten im Gespräch sind, lässt sich schon feststellen, dass sich Einiges verbessert hat“. 

Nach oben