Digitalisierung

Folgen für die Arbeitsorganisation

Autonom steuernde Produktionsanlagen verändern die Arbeit in den Fabrikhallen. Die Zukunft der Industrie 4.0 spitzt alte Fragen nach der Rolle der Beschäftigten in neuer Form zu.

Maksim Kabakou/Fotolia

Digitalisierung
23.10.2015
  • Von: Sören Tuleweit
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Die Diskussion um die Zukunft der Industrie ist derzeit bestimmt von den technischen Möglichkeiten für die Unternehmen. Dabei werden die Chancen für die Unternehmen hervorgehoben, Produktionsprozesse flexibel, kundenorientiert, kostengünstig und ressourcenschonend zu planen. Im Kern geht es darum, die Produktionstechnik (Betriebsmittel, Maschinen, Logistik- und Lagersysteme) über das Internet global miteinander zu verbinden. Die Frage nach den arbeitspolitischen Folgen einer digitalen Produktion kommt bislang noch zu kurz. Dabei sind schon heute Tendenzen zu erkennen, in welche Richtung sich die Industriearbeit entwickeln kann.

Schnelle Anpassung an Veränderungen der Märkte

Fakt ist: Die Digitalisierung der Produktion birgt erhebliche Veränderungspotentiale. Maschinen, Produkte und Menschen werden durch neue Informations- und Kommunikationsmittel noch stärker miteinander vernetzt. Über schnelle Internetverbindungen können auch große Datenmengen quasi in Echtzeit quer über den Globus gesendet werden. Und die smarte Fabrik steuert ihre Produktionsanlagen über cyber-physische Systeme weitgehend selber.

Das Ziel: Schnelle Anpassung an Veränderungen der Märkte, eine hohe Produktvariabilität und eine hohe Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden. Sich autonom steuernde Produktionsanlagen werden die Arbeit in den Fabrikhallen verändern. Dies bleibt nicht ohne Folge für traditionelle Formen der

Beschäftigung und klassische Regime der Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung. Die Zukunft einer Industrie 4.0 spitzt alte Fragen nach der Rolle der Beschäftigten in neuer Form zu. Ob diese Veränderungen positive oder negative Folgen für die Menschen haben, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend zu sehen. 

Smart Factory – Was bleibt noch für die Menschen zu tun?

Wenn aber Fabriken sich selber steuern, bleibt die zentrale Frage: Was bleibt noch für die Menschen zu tun? In der Vergangenheit haben sich die Visionen einer menschenleeren Fabrik nicht erfüllt. Wenn aber die Digitalisierung und die Unmengen an Informationen zu einer neuen Welle der Automatisierung führen, ist es wahrscheinlich, dass sich Tätigkeiten verändern und auch wegfallen werden.

Für hoch qualifizierte Spezialkräfte in der Entwicklung und Steuerung von Technik werden die Anforderungen komplexer und vernetzter. Der Umgang mit Prozessen und sehr flexiblen Techniken, Marktbedingungen und Projektteams wird für Hochqualifizierte zunehmen. Für sie besteht die Chance, dass bereits vorhandene Handlungsspielräume ausgebaut werden und die Verantwortung zunimmt.

Einfache Tätigkeiten, die von Beschäftigten mit einem geringen Qualifikationsniveau ausgeführt werden, wird es auch in Zukunft geben. Diese Arbeitsplätze sind aber bereits in der Vergangenheit häufig durch technische Lösungen ersetzt worden. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass der Druck auf Arbeitsplätze, die keine besondere Qualifikation erfordern, durch eine höhere Automatisierung der Produktionsanlagen zunimmt. Es ist eine Frage der Kosten – wenn Maschinen in noch stärkerem Ausmaß als bislang menschliche Arbeit preiswerter ausführen können - wird die Entwicklung hin zu einem Abbau einfacher Produktionstätigkeiten nur schwer aufzuhalten sein.

Was aber passiert mit den vielen Facharbeiterinnen und Facharbeitern, die bislang das Rückgrat der Industrie bilden? Wenn über die zukünftige Gestaltung der Arbeit gesprochen wird, muss ein besonderes Augenmerk bei ihnen liegen.

Weiterqualifizierung ist nötig

Ohne Zweifel: Wenn die Handlungskompetenz in den Produktionshallen und Leitständen bleibt, kann die Arbeit spannender und abwechslungsreicher werden. Durch die Nutzung neuer technischer Entwicklungen bei Wartung und Instandhaltung kann beispielsweise die Verknüpfung mit den Prozesssystemen intensiviert und mit neuen Arbeitsinhalten angereichert werden. 

Lernende Maschinen und verbesserte Sensoren lassen aber auch die Vermutung zu, dass die Rolle der Facharbeit zurückgedrängt wird. Der sich in vielen Bereichen abzeichnende Fachkräftemangel bietet für die Unternehmen zusätzlichen Anreiz, nicht lange nach teuren Fachkräften zu suchen, sondern die Chancen sich selbst steuernder Maschinen für die Reduktion von Arbeitsplätzen zu nutzen.

Es ist bislang offen, welchen Weg die Unternehmen einschlagen werden. Klar ist: Für Beschäftigte mit einer guten Ausbildung und der Bereitschaft sich weiter zu qualifizieren, wird es auch in der digitalisierten Arbeitswelt Beschäftigungsmöglichkeiten geben. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Ausbildung wird es noch schwerer als ohnehin schon, sichere Arbeitsplätze zu finden.

Neue Anforderungen durch digitale Technologien

Es ist mittlerweile unbestritten, dass die aktuellen Befunde zur Zunahme psychischer Belastungen, Stress und Burn-Out mit neuen Anforderungen bei den Arbeitsbedingungen in Zusammenhang stehen. Die Anforderungen an Flexibilität, Erreichbarkeit, Mobilität und Selbstorganisation haben insbesondere durch die Nutzung mobiler Arbeitsmittel (Smartphones, Laptops, Tablet-PCs) ein Niveau erreicht, dass nicht ohne Auswirkung auf die Gesundheit der Beschäftigten bleibt. Mit dem Bearbeiten der dienstlichen E-Mail-Postfächer wird im Arbeitsalltag ein großer Teil der Arbeitszeit in Anspruch genommen. Beschäftigte erhalten im Durchschnitt 18 E-Mails am Tag, bei vielen sind es aber auch deutlich mehr.

Da ist es wenig verwunderlich, dass der DGB-Index Gute Arbeit 2012 ergeben hat, dass ein Drittel der Beschäftigten auch nach der Arbeitszeit noch dienstliche E-Mails liest – auf dem Heimweg, von zu Hause oder zwischendurch während einer Verabredung. Und 27 Prozent sind sogar verpflichtet, im Feierabend dienstlich erreichbar zu sein.

Räumliche und zeitliche Entgrenzung

In Unternehmen mit 250 oder mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern waren im Jahr 2013 bereits 17 Prozent der Beschäftigten mit einem Internetzugang über ein Smartphone, Tablet oder Notebook ausgestattet. Diese Zahl verdeutlicht, dass es keineswegs eine kleine Gruppe von Managern und gut Qualifizierten ist, die mobile Arbeitsmittel auch außerhalb des Betriebes nutzen, sondern bereits fast ein Fünftel aller Erwerbstätigen „betroffen“ ist.

Zentrales Thema des Vormarsches digitaler Arbeitsmittel ist die räumliche und zeitliche Entgrenzung von Arbeit. Es geht um eine schleichende Entwicklung und die ständige Verfügbarkeit der Arbeitsmittel  Smartphone oder Notebook, die dazu führt, dass Arbeiten „immer“ und „überall“ als Normalzustand wahrgenommen wird. Für Unternehmen bietet sich die große Möglichkeit mit der Entgrenzung des Arbeitstages, die Ressource Mensch viel flexibler einzusetzen. Die Anwesenheit im Betrieb ist bei der Erteilung von Arbeitsaufgaben und der Annahme von Arbeitsergebnissen nicht mehr zwingend erforderlich. Die Dauer des Arbeitstages kann ausgeweitet und die Arbeitskraft flexibel und nach Bedarf eingesetzt werden. Beschäftigte können sich dieser Entgrenzung nur entziehen, wenn sie nach Verlassen des Betriebsgeländes mobile Arbeitsmittel konsequent ausstellen – mit der Folge, dem betrieblichen Druck am nächsten Arbeitstag umso stärker standhalten zu müssen.

Dabei bestehen bei der Nutzung mobiler Arbeitsmittel Chancen, private und berufliche Anforderungen besser miteinander zu vereinbaren. So kann zum Beispiel die Büroarbeit um drei Uhr beendet werden, um sich um familiäre Angelegenheiten zu kümmern - und am frühen Abend wird unter Erfassung der Arbeitszeit weitergearbeitet bis die normale Arbeitszeit für den Tag erreicht ist. 

Was in der Theorie gut klingt, funktioniert in der Praxis leider häufig nicht. Mobile Arbeitsmittel werden oft dazu genutzt, über acht Stunden hinaus außerhalb der Betriebsstätten weiterzuarbeiten. Meist ohne Erfassung der geleisteten Arbeitszeit und einen Anspruch auf Vergütung. Das Privatleben wird dann der Erwerbsarbeit untergeordnet und die zeitliche Selbstorganisation eröffnet keine neuen Handlungsspielräume zur Zeitsouveränität, sondern wirkt eher belastend.

Mittlerweile herrscht ein breiter Konsens, dass die Auswüchse mobiler Arbeit begrenzt werden müssen. Zum einen kann nicht länger akzeptiert werden, dass tarifliche Vorschriften und die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes unterlaufen werden. Zum anderen dürfen arbeitsfreie Phasen, die der Regeneration dienen, nicht durch die Erreichbarkeit unterbrochen werden, wenn die langfristige Arbeitsfähigkeit nicht gefährdet werden soll. Wie prominente Beispiele bei Evonik, BMW und Daimler zeigen, scheint die betriebliche Ebene geeignet, um das Thema mobiler Arbeit „anzupacken“. Es gilt, einen Rahmen zu schaffen, der die auch von Beschäftigten oft gewünschte Flexibilität zwar zulässt, dabei aber Grenzen setzt, ständige Erreichbarkeit und ein Arbeiten ohne Ende verhindert.

Crowdsourcing – digitale Arbeitswelt ohne Regulierung

Immer mehr Menschen arbeiten im Internet als sogenannte Crowdworker oder Digital Worker. Sie übernehmen dabei Aufgaben, die typischerweise von den Beschäftigten eines Unternehmens erledigt werden. Das Unternehmen lagert bestimmte Tätigkeiten aus und vergibt die Aufgaben an Menschen außerhalb des Unternehmens.  Im Gegensatz zum Werkvertrag wird dabei das Internet benutzt, um weltweit auf ein großes Reservoir an Arbeitskräften zugreifen zu können. Die Tätigkeit selbst wird häufig über bestimmte Internetplattformen an die „Crowd“ verteilt.

Die Aufgaben, die durch Crowdsourcing vergeben werden sind vielfältig. Dazu gehören relativ einfache Tätigkeiten, wie das Schreiben von Produktbeschreibungen oder das Recherchieren von Adressen. Es werden aber auch komplexe Tätigkeiten, wie das Schreiben von Computerprogrammen oder die Erstellung ganzer Marketingkonzepte von Crowdworkern erledigt. Unternehmen machen sich dabei die weltweite Verbreitung von Computern und schnelle Übertragungswege, mit denen auch große Datenmengen in kurzer Zeit transportiert werden können, zu Nutze.

Crowdworking hat für Unternehmen viele Vorteile. Für die betroffenen Menschen, die über Internetplattformen ihre Arbeitskraft anbieten, hat dieses Modell nur wenige Vorteile. Es ist sicher verkehrt, Crowdworking durchgängig als „schlecht“ zu bezeichnen. Das wäre zu kurz gedacht, weil es den Beschäftigten auch Chancen bietet. Der Zugang zu Arbeit ist leichter, es kann weitgehend unter freier Zeiteinteilung gearbeitet werden und es entstehen Möglichkeiten Arbeit und Freizeit gut miteinander zu vereinbaren.

Arbeiten in der Crowd – Arbeiten in prekären Verhältnissen

Die Bezahlung von Crowdworking ist unterschiedlich und hängt von der jeweiligen Tätigkeit ab. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass dort der Stundenlohn von Crowdworkern zum Teil deutlich unter dem Mindestlohn liegt. Bei vielen Aufträgen bekommt zudem nur ein eingereichter Vorschlag den Zuschlag und damit die angebotene Prämie. Alle anderen gehen leer aus – eine nach deutschen Recht eigentlich unwirksame Praxis. Bei Streitigkeiten kann sich der Crowdworker aber oft nur auf die AGB der jeweiligen Plattform berufen. Ebenso hat der Crowdworker keinen Anspruch auf übliche Arbeitnehmerrechte wie Kündigungsschutz, Entgeltfortzahlung oder Urlaub.

Betriebsräte und Gewerkschaften müssen zukünftig gemeinsam versuchen, Mindestbedingungen für die Vergabe von Tätigkeiten an die Crowd zu erreichen. Es besteht sonst die Gefahr, dass die oft prekären Verhältnisse in denen Crowdworker arbeiten, zum neuen, digitalen Normalarbeitsverhältnis werden.

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