Gewerkschaftsgeschichte Teil 3

Schafft die Einheit

Revolution und Inflation, vermeintlich "Goldene" Zwanziger, Massenarbeitslosigkeit und Untergang – 27 Schicksalsjahre der deutschen Geschichte.

IG BCE

Gewerkschaftshaus 1933 In Bochum stürmt die SA am 12. März 1933 die Zentrale des Bergarbeiterverbandes und bennent das Gebäude in "Hermann-Göring-Haus" um.
07.05.2015

November 1918. Es lebe die Deutsche Republik. Eine der ersten Maßnahmen: die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages per Gesetz. Wenige Wochen später wird gewählt, tritt Anfang Februar 1919 in Weimar die verfassunggebende Nationalversammlung zusammen. Erstmals dürfen Frauen mitstimmen, werden sie als Abgeordnete gewählt. Die neue Verfassung sichert die Koalitionsfreiheit, also das Recht, sich in einer Gewerkschaft zusammenschließen. Damit werden wichtige Forderungen der Arbeiterbewegung umgesetzt.

Doch den reaktionären Kräften im Reich passt die politische Richtung nicht. Das führt im März 1920 zu einem Staatsstreich von rechts, dem Kapp-Putsch. Das Militär weigert sich, Regierung und Demokratie zu verteidigen. Es kommt zu einem Glanzpunkt in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Zwölf Millionen folgen dem Aufruf von Parteien und Gewerkschaften. Sie gehen für die Demokratie auf die Straßen. Nach nur vier Tagen bricht der Putsch zusammen.

Sechs Millionen Deutsche ohne Arbeit

Während sich Berlin zur faszinierenden Kultur- und Unterhaltungshauptstadt Europas entwickelt, leben viele weiterhin in Armut. Geld ist teilweise so wenig wert, dass man damit die Wände tapeziert. In den 14 Jahren der Weimarer Republik wechseln sich 20 Regierungen ab. Der Börsenkrach am "Schwarzen Freitag" 1929 leitet endgültig den wirtschaftlichen und politischen Niedergang ein. Sechs Millionen Deutsche ohne Arbeit, mit 17 Prozent international die höchste Arbeitslosenquote.

Das Misstrauen in die Politik wächst. Die Arbeit für die Gewerkschaften wird schwierig. Trotzdem kann der Fabrikarbeiterverband 1930 aus Anlass seines 40-jährigen Bestehens eine erfolgreiche Bilanz ziehen: Mittlerweile organisierte er 441¿000 Beschäftigte in der Chemie-, Papier-, Zement-, Gummi- und Konservenindustrie, unter Glas- wie auch Porzellanarbeitern sowie auch Heimarbeiter. Für sie hat er kürzere Arbeitszeiten, Lohnerhöhungen, Tarifverträge sowie Urlaubsansprüche durchgesetzt und einen besseren Krankheits- und Arbeitsschutz erkämpft. Seit 1927 verfügte die Gewerkschaft über eine eigene Schule und führt als erste Einzelgewerkschaft ein eigenes Frauenreferat ein.

Verhängnisvolle Spaltung

Allerdings: Ähnlich wie die Politik ist fatalerweise auch die Arbeiterbewegung zerstritten. Freie und christliche Gewerkschaften sind sich alles andere als eins, die Kommunisten sehen – statt in den Nazis – in Sozialdemokraten ihren Hauptfeind. Zu spät wird klar: Die Spaltung der Arbeiterbewegung ist verhängnisvoll.

Nicht wenige Deutsche erhoffen von der Hitler-Partei die Lösung ihrer Probleme. Sie verspricht, den Parteienstreit zu "überwinden" und Arbeitsplätze zu schaffen. Der Reichspräsident ernennt am 30. Januar 1933 schließlich Hitler zum Reichskanzler. Unmittelbar in den Wochen nach seiner "Machtergreifung" beginnt die Zeit der Verbote und Verfolgung der Parteien und Gewerkschaften und vor allem der Juden.

Am 12. März dringt nachts um zwei Uhr SA in das Haus des "Alten Verbandes" in Bochum ein. In den folgenden Stunden und Tagen werden Versammlungen gesprengt, engagierte haupt- und ehrenamtliche Funktionäre drangsaliert, verhaftet, gefoltert, manche gar ermordet. Am 1. April besetzt die SS das Verbandsgebäude des Fabrikarbeiterverbandes in Hannover. Für die SS ist die Aktion ein "Ruhmestag", wie eine Zeitung schreibt.

Zynismus und Brutalität der Nazis kennen keine Grenzen. Sie führen den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag ein, feiern pompös den "Tag der Arbeit" und zerschlagen keine 24 Stunden später die deutschen Gewerkschaften. Unterschiedliche Auffassungen hatte es  unter den Demokraten schon vorher gegeben, wie man mit den Nazis umgehen sollte. Jetzt scheint vielen Widerstand aufgrund der Zerschlagung der Gewerkschaftsstrukturen kaum mehr möglich.

Andere glauben, der "braune Spuk" werde sich von alleine erledigen. Vor allem Jüngere sehen in einem Generalstreik den Königsweg. Wieder andere gehen ins Exil, um von dort aus den Gedanken der Arbeiterbewegung hoch zu halten, oder leisteten Widerstand im Untergrund – unter Gefahr für Leib und Leben.

Eines der Opfer ist der langjährige Vorsitzende des Bergarbeiterverbandes Fritz Husemann. Einen Tag nach seiner Einlieferung ins KZ Esterwegen wird er "auf der Flucht" erschossen. Willy Scheinhardt war Gauleiter des Fabrikarbeiterverbandes in Hannover. Er wird im Oktober 1936 im Gestapogefängnis Hildesheim ermordet. Der christliche Gewerkschafter Heinrich Imbusch erliegt den Folgen von Verfolgung und Untergrund wenige Monate vor dem Kriegs-ende. Drei Namen, die stellvertretend
für die vielen Opfer stehen.

"Schafft die Einheit"

Die schreckliche Bilanz: Rund 150.000 politisch Andersdenkende, Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter wurden verhaftet, landeten in KZs oder Zuchthäusern, wurden verprügelt oder gar ermordet. Wie der stellvertretende Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Wilhelm Leuschner, setzten sie durch ihr Handeln mutige Signale. Vom Volksgerichtshof 1944 zum Tode verurteilt mahnte er noch einen Tag vor seiner Hinrichtung: "Morgen werde ich gehenkt. Schafft die Einheit!"  

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