Gewerkschaftsgeschichte Teil 4

Jahre des Umbruchs

Drei Jahrzehnte voll einschneidender Ereignisse: Der Mauerbau, der erste Mensch im All, das Ende der Ära Adenauer sowie die neue deutsche Ostpolitik. Das Jahr 1968 gibt einer ganzen Generation ihren Namen. Dann krempelt die Ölkrise die Wirtschaft um. Und das Beste zum Schluss: Die deutsche Einheit.

Fotoarchiv Ruhr Museum

Unvergessen: Schwarze Fahnen an der Ruhr als Zeichen bergmännischer Proteste gegen Zechenschließungen.
02.07.2015
  • Von: Rudi Heim
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Zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird deutlich, dass marktwirtschaftliches Handeln allein keine Garantie für eine funktionierende Wirtschaft darstellt. Struktur- und Konjunkturkrisen stellen sich ein. Auf Arbeitskräftemangel folgen Zeiten ständig steigender Arbeitslosigkeit. Mit der ersten Großen Koalition Mitte der 1960er beginnt die Zeit, in der der Staat – wie auch von Gewerkschaften gefordert – korrigierend eingreift. Der Ölboom Ende der 60er-Jahre und damit zusammenhängende Fehleinschätzungen führen zu einer Krise im Steinkohlenbergbau: Zechenschließungen, Entlassungen, Zukunftsangst. Der Gewerkschafter Josef Büscher kann Zeit seines Lebens die "Phalanx der schwarzen Fahnen" als Zeichen bergmännischen Protestes nicht vergessen. Erst unter dem Dach der Großen Koalition siegt die Einsicht. Es kommt – gerade auch auf Drängen der IGBE – 1968 zur Gründung der Ruhrkohle AG.

Harten Tarifauseinandersetzungen

Und "die" Jugend? Politisch prägt bislang der Geist des Beharrens auf den Werten der Vergangenheit die Gesellschaft. Die jungen 68er bestehen auf ihrem Anspruch nach mehr Selbstständigkeit. Mit dem Spruch »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« können und wollen sie nichts mehr anfangen. Willy Brandt trifft den Nerv der Zeit mit seiner Forderung: "Mehr Demokratie wagen!" Gleichzeitig wachsen die Verteilungskonflikte. In allen Branchen der IG Chemie- Papier-Keramik kommt es zu harten Tarifauseinandersetzungen und auch Streiks. In der Chemie ist die Lage besonders schwierig. Zu unterschiedlich sind beispielsweise die Interessen zwischen Großunternehmen und kleineren Betrieben. Wer soll den Ton angeben? In den Konzernen findet sich manchmal ein Plus von bis zu 40 Prozent auf den Tarifvertrag. Das ist für die ganze Branche nicht erreichbar. Es bleibt ein schwieriger Weg, bis sich der Wert eines Flächentarifvertrags für alle durchsetzt.

Die IG Chemie versucht auf die neuen Anforderungen mit einer neuen Strategie, der betriebsnahen Tarifpolitik, zu antworten. 1971 kommt es zu einem großen Streik in der Chemieindustrie. Er bringt letztendlich eine Tariferhöhung von 7,8 Prozent und die Absicherung des 13. Monatsgehalts, damals kein einfacher Kompromiss.

Ölpreisschock und Weltwirtschaftskrise setzen 1973/74 dann andere Akzente. Massenarbeitslosigkeit droht. Jetzt geht es in der Tarifpolitik um den Erhalt von Arbeitsplätzen. Trotzdem: Die tarifpolitische Bilanz deutscher Gewerkschaften zwischen 1950 und 1974 kann sich sehen lassen: Die Reallöhne steigen um 364, die Nominallöhne gar um 727 Prozent. Trotz Ölkrise entwickeln sich diese 1970er unter Brandt und Helmut Schmidt zum Jahrzehnt sozialpolitischer Fortschritte. So steigen die Renten zwischen 1969 und 1976 um spürbare 103 Prozent. Hinzu kommen Verbesserungen im Arbeitsrecht, bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ein neues Jugendarbeitsschutzgesetz und eine Rentenreform mit einem Anstieg der Kleinrenten. Die flexible Altersgrenze wird eingeführt. Bessere Chancen endlich auch für Arbeiterkinder: Dank BAföG muss das Studium nicht mehr am Geld scheitern.

Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten wird aufgehoben

Die "geistig-moralische Wende" der 1982 beginnenden Ära Kohl bringt den massivsten Sozialabbau der Nachkriegszeit mit sich. Die Maßnahmen haben es in sich: Kürzung der Arbeitslosenunterstützung, höhere Zuzahlungen bei der Krankenversicherung, Aussetzung von Rentenerhöhungen, höhere Sozialversicherungsbeiträge und Wegfall des Schüler- BAföG. Es geht Schlag auf Schlag. Besonders die Änderung des Paragrafen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes zielt auf eine bewusste Schwächung der Gewerkschaften bei Streiks. Der IG Chemie gelingt nach langem Ringen ein tarifpolitischer Durchbruch. Sie setzt 1988 einen Entgelttarifvertrag durch, der erstmals die Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten aufhebt. Ein Meilenstein.

Unvergessen der wohl wichtigste Augenblick in der deutschen Geschichte, die Maueröffnung am 9. November 1989. IG Chemie, IGBE und die Gewerkschaft Leder unterstützen den gewerkschaftlichen Erneuerungsprozess Ost mit Rat und Tat. Doch trotz der Prophezeiung "blühender Landschaften" durch Bundeskanzler Kohl machen sich viele berechtigte Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Am 1. Juli 1990 tritt die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft. Dazu gehört auch, dass nun Tarifautonomie, Streik- und Mitbestimmungsrechte sowie Kündigungsschutz gelten. Der 3. Oktober wird der große Festtag: Hunderttausende feiern am Berliner Reichstag Deutschlands Wiedervereinigung. Das gp-magazin verkündet voller Erwartung: "Gemeinsam in die Zukunft ".

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