Gewerkschaftsgeschichte Teil 1

Malochen bis zum Umfallen

Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts: Das Leben in einer Klassengesellschaft führte zu immer stärkeren sozialen Spannungen. Zwischen 1873 und 1879 traf die wirtschaftliche Depression vor allem die Arbeiter. Um das nackte Überleben zu sichern, mussten Frauen und Kinder oftmals mitarbeiten. Die Arbeit war gefährlich, schlimme Unglücke keine Ausnahme, Arbeitssicherheit ein Fremdwort. Wurde einer verletzt oder krank, stand der nächste Bewerber bereits vor dem Werktor. Erster Teil der Rückblende auf 125 Jahre IG BCE.

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Schuhmacherwerkstatt um 1900 in Berlin Schuhmacherwerkstatt um 1900 in Berlin
07.04.2015
  • Von: Rudi Heim
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Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts: Einen gemeinsamen Staat gibt es noch nicht. Die politische Landkarte erinnert an einen Flickenteppich. Das Land wird regiert durch Fürsten und ein paar Könige. Landwirtschaft, Dörfer und Kleinstädte bestimmen das Landschaftsbild der ausgehenden Biedermeierzeit. Die Beschaulichkeit trügt. Gewaltige Umwälzungen stehen bevor.

Die erste Revolution war eine bürgerliche. 1848/49 gingen Teile des Bürgertums mit schwarz-rot-goldenen Fahnen auf die Straße, um sich für Freiheit und Demokratie starkzumachen. Das Militär knüppelte die Revolution nieder. Doch die gescheiterte Revolte besaß eine "gefährliche" Nebenwirkung. In vielen Köpfen nistete sich ein Virus ein: der Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft.

Gut ein Jahrhundert später als in England stellte die industrielle Revolution Deutschland auf den Kopf. Aus Knechten in der Landwirtschaft wurden ihrer Heimat entwurzelte Industriearbeiter, aus privilegierten Handwerkern Proletarier. Auch politisch änderte sich einiges: Das Deutsche Kaiserreich entstand, an der Spitze der preußische König, einge-fädelt von Reichskanzler Bismarck. Der preußische Staat gibt den Ton an: anti-demokratisch, autoritär, militaristisch.

Schwarze Listen für Bergleute

Die ersten Opfer des autoritären Systems und des sich gleichzeitig durchsetzenden Wirtschaftsliberalismus waren die Bergleute. Trotz harter Arbeits-bedingungen besaßen sie jahrhundertelang festgeschriebene Rechte und unterstanden dem Schutz ihrer Landesherrn. Aber mit der preußischen Bergrechtsreform von 1865 wurden sie zu lohnabhängigen Arbeitern, ausgeliefert den Gewinninteressen der Unternehmer. Der Staat zuckte jetzt die Achseln: Ob ihr ein Arbeitsverhältnis eingeht, ist ja eure freie Entscheidung. Frei? Andere Arbeit gab es so gut wie keine.

Obwohl die Arbeit unter Tage besser bezahlt wurde als andere Berufe, reichte es in der Regel nicht für die Versorgung einer Familie. Wer gegen Lohn- und Arbeitsbedingungen aufmuckte, verlor seinen Job und landete auf "schwarzen Listen". Kein anderes Bergwerk stellt ihn an. Trotzdem suchten Bergleute wie ganze Belegschaften in alter Tradition ihr Recht beim Landesherrn. Mit Bitten und Ersuchen. In der Regel vergeblich.

Diese Erfahrung machte auch Heinrich Kämpchen (1847–1912), Bergmann, erster echter Arbeiterdichter und aufgrund einer Streikbeteiligung selbst auf der schwarzen Liste. Seine persönliche Konsequenz, ein beschwörendes Gedicht: "Die Freiheit will errungen sein! Die Schönheit will bezwungen sein! Darum – leg’ Dich auf’s Bitten nie – Erringe und bezwinge sie!"

Das Leben in einer Klassengesellschaft führte zu immer stärkeren sozialen Spannungen. Zwischen 1873 und 1879 traf die wirtschaftliche Depression vor allem die Arbeiter. Um das nackte Überleben zu sichern, mussten Frauen und Kinder oftmals mitarbeiten. Die Arbeit war gefährlich, schlimme Unglücke keine Ausnahme, Arbeitssicherheit ein Fremdwort. Wurde einer verletzt oder krank, stand der nächste Bewerber bereits vor dem Werktor. Rente? Krankenversicherung? Unbekannt. Wer mit 50 von der Arbeit kaputt war und nicht mehr malochen konnte, war von der Unterstützung durch die Familie abhängig. Arbeitslosengeld? Sozialhilfe? Nein!

Oft waren Streiks erfolglos

Anlässe berechtigt Dampf abzulassen, gab es genug: Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, abgesenkte Löhne, Arbeitsunfälle und unzumutbare Wohnbedingungen. Die "Glücklichen", die Arbeit besaßen, mussten bis zu 90 Stunden wöchentlich arbeiten. Lokale Arbeitsniederlegungen, Streiks waren die Folge. Oft blieb der Erfolg aus. Engagierte Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiter wurden ausgegrenzt, bezogen Schläge, landeten in Haft. Handwerker- und Gesellenvereinigungen, die sich an die traditionellen Zünfte anlehnten, kamen und gingen wieder. Es fehlte die "Vernetzung".

Niederlagen waren bedrückend, aber nicht entmutigend. Sie führten zur Einsicht, dass sich die Arbeiter zu Gewerkschaften zusammenschließen mussten. Doch dieser Wille zur Gegenwehr löste heftige Reaktionen aus. Die Unternehmen weigerten sich, mit den Vertretern der Arbeiterbewegung überhaupt zu sprechen und ließen die Gendarmen prügeln. Die kaiserliche Politik reagierte zwischen 1878 und 1890 mit der Bismarck’schen Sozialistengesetzgebung. SPD sowie ihnen nahestehende Gewerkschaften war es untersagt, sich zu betätigen.

Ähnlich kritisch wurde auch die katholische Arbeiterbewegung betrachtet. Sie galten alle als "Reichsfeinde". Rund 2000 Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden strafrechtlich verfolgt, 1000 ihrer Wohnorte verwiesen und mindestens 851 Jahre Gefängnis verhängt.

Geburtsstunde reichsweiter Gewerkschaften

Die Politik des "Eisernen Kanzlers" zeigte Wirkung, aber eine andere, als er sich erhofft hatte. Politisch ausgegrenzte Handwerker und Facharbeiter schlossen sich in Bildungsvereinen zusammen, gründeten Sozialkassen, Rechtsschutz- und Sportvereine, um miteinander in Verbindung zu bleiben. Solidarität war das Gebot der Stunde. Schon vor dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1890 war klar: Die Zeit ist reif für eine solidarische Vertretung der Arbeiter im Kaiserreich. Die Geburtsstunde reichsweiter Gewerkschaften wie dem "Alten Verband" und dem "Fabrikarbeiterverband" war da. Die Zeit der Ausbeutung war noch längst nicht vorbei. Aber es war der mutige Beginn einer erfolgreichen Entwicklung. 

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