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02.05.2018

Chemie-Tarifrunde 2018

Es muss rappeln in der Kiste

Tarifrunde Chemie – Gewinne und Auslastung auf Rekordniveau, weitere Zuwächse bereits fest im Blick: Der Chemie-Industrie geht es glänzend, dank der Beschäftigten wird sie immer produktiver. Zeit für mehr Wertschätzung.

Verhandlungsführer Ralf Sikorski präsentiert die Forderungsempfehlung. Verhandlungsführer Ralf Sikorski präsentiert die Forderungsempfehlung.

Die entscheidenden Details lieferte Ralf Sikorski quasi aus dem Handgelenk. Mit einer Spraydose sprühte der Tarifvorstand schwarze Letter auf eine große Holzkiste. "6 %" stand auf der einen Seite, "Weil du es wert bist!" auf der anderen. Es sind die zentralen Botschaften, mit denen die IG BCE in die Tarifrunde 2018 gestartet ist.

Vor mehr als 100 Mitgliedern des Beirats präsentierte Sikorski, der im Sommer für die IG BCE die Verhandlungen führen wird, in Hannover die Forderungsempfehlung des Hauptvorstands. Sie bildet traditionell den Auftakt in die Tarifrunde für die 580 000 Beschäftigten der chemischen und pharmazeutischen Industrie sowie Teilen der Kautschuk und Kunststoffbranche. Es ist eine der größten Tarifverhandlungen in Deutschland, die Abschlüsse bewegen sich nicht selten über dem Bundesdurchschnitt. Seit dem Jahr 2000 sind die Tariflöhne in Deutschland um 48 Prozent gestiegen, in der Chemie dagegen um 55 Prozent.

Das liegt nicht zuletzt an der guten Entwicklung und hohen Wettbewerbsfähigkeit der Branche, die sie dem Einsatz der Beschäftigten zu verdanken hat. Seit Jahren zählen die Unternehmen aus der Chemie zu den verlässlichsten Gewinnbringern der deutschen Wirtschaft, noch dazu mit hohen Margen und Dividenden für ihre Aktionäre. Derzeit legen sie noch eine kräftige Schippe drauf. Produktion, Umsatz und Profite waren in der Branche bereits im vergangenen Jahr deutlich gestiegen.

Stefan Koch

"Weil du es wert bist!" lautet das Motto der Tarifrunde. "Weil du es wert bist!" lautet das Motto der Tarifrunde.

Allein die Dax-Konzerne aus dem Geltungsbereich des Chemie-Tarifs verdienten im vergangenen Jahr mehr als 25 Milliarden Euro – netto. Und ihren Aktionären schenken sie derzeit auf den Hauptversammlungen im Schnitt ein Dividendenplus von 22,5 Prozent.

Für 2018 wird mit weiteren Zuwächsen gerechnet, fast 4 Prozent bei der Produktion, rund 5 Prozent beim Umsatz. "Die Auslastung der Anlagen liegt auf Rekordniveau", berichtete Sikorski bei der Vorstellung der Forderungsempfehlung. In den vergangenen fünf Jahren ist sie um gut sechs Prozentpunkte auf mehr als 87 Prozent gestiegen – mit entsprechenden Folgen für die Arbeitsbelastung. "Die Beschäftigten sind es wert, dass ihre Leistung gewürdigt wird – nicht nur mit lobenden Worten, sondern auch in Euro und Cent", meinte der IG-BCE-Verhandlungsführer.

Der Hauptvorstand hat ein Forderungspaket geschnürt, das nicht nur eine Teilhabe der Beschäftigten am Erfolg der Branche sicherstellt, sondern auch den gewachsenen Wert ihrer Arbeit für die Betriebe dokumentiert. Die mit den Empfehlungen gespickte und besprühte Holzkiste wird nun symbolisch auf die Reise in die Gremien der IG BCE geschickt, wo in den kommenden Wochen über die Inhalte diskutiert wird. Mitte Juni folgt der Forderungsbeschluss durch die Tarifkommission – wenig später beginnen dann die Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Dann muss es rappeln in der Kiste.

Die Elemente der Forderungsempfehlung im Einzelnen:

  • Erhhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen um 6 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten

Es genüge nicht, dass die Manager derzeit landauf, landab vor die Belegschaften träten und sich für deren Einsatz und Engagement bedankten, sagte Sikorski. Das müsse sich auch nachhaltig auf dem Lohnzettel wiederfinden. "Am Ende ist nur Bares Wahres", so der Verhandlungsführer. Gleichzeitig dürfe die Kluft zwischen Kapital- und Arbeitnehmereinkommen nicht noch weiterwachsen. Eine Forderung von 6 Prozent sei vor dem Hintergrund absolut angemessen. Gleichzeitig sprechen derzeit viele volkswirtschaftliche Faktoren für eine kräftiges Plus: eine vergleichsweise niedrige Investitionsquote, ein Produktivitätswachstum in der Chemie von 1,4 Prozent, eine Inflationsrate von zuletzt 1,6 Prozent, eine Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die das Ersparte der Beschäftigten zusammenschmelzen lässt. Angesichts dessen hatte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis schon zu Jahresbeginn deutlich gemacht: "Es ist Zeit für Umverteilung."

  • Quantensprung beim Urlaubsgeld

Für Tarifbeschäftigte wie Auszubildende soll sich das zusätzliche Urlaubsgeld quasi verdoppeln. Der Hauptvorstand verlangt für Vollzeitbeschäftigte 40 Euro statt heute 20,45 Euro pro Urlaubstag und für Auszubildende 900 Euro statt aktuell 449,94 Euro. Eine entsprechende Anhebung sei "sozial und gerecht", sagte Sikorski. Die Höhe des Urlaubsgelds ist für alle Tarifbeschäftigten gleich. Von einer Anhebung profitieren die unteren Lohngruppen also weit überdurchschnittlich. In diesem Bereich habe es lange keinen spürbaren Sprung mehr gegeben, sagte der Tarifvorstand. Hier habe die Chemie-Industrie auch im Vergleich mit anderen Branchen Nachholbedarf. Im Chemie-Tarif wird das Urlaubsgeld zusätzlich zur Jahresleistung (95 Prozent des monatlichen Tarifentgelts) gezahlt.

  • Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen

Angesichts steigender Arbeitsbelastungen, rasant wachsender technologischer Veränderungen und dem verstärkten Wunsch der Beschäftigten nach mehr Zeitsouveränität will die IG BCE Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitsysteme weiterentwickeln. Die Beschäftigten sollten stärker darüber mitentscheiden können, wann und wie sie welche Aufgaben bearbeiten – auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebensphasen. "Der digitale Wandel ist eine der größten industrie- und tarifpolitischen Herausforderungen unserer Zeit", so Sikorski. "Wer die Menschen bei Veränderungsprozessen mitnehmen will, muss deutlich machen, dass dies auch eine Chance ist, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen." Neue Technologien könnten nicht nur effizienzsteigernd sein, sondern auch arbeitsentlastend wirken.