Erdölindustrie

Zukunft ungewiss

Bis vor zwei Jahren gab es etwa 5000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern für die Öl- und Gasindustrie im norddeutschen "Texas". Doch Bohren in Deutschland lohnt sich heute kaum mehr. Viele Betriebe müssen Kurzarbeit anmelden. Ein Besuch bei der internationalen Tiefbohr GmbH der ITAG in Celle.

Helge Krückeberg

In der Halle, in der die Schieber gefertigt und montiert werden, herrscht zurzeit Kurzarbeit. In der Halle, in der die Schieber gefertigt und montiert werden, herrscht zurzeit Kurzarbeit.
27.01.2016
  • Von: Sigrid Thomsen

In der Schweißerei brennt kein Licht. Riesige Armaturen, die man beim Ölund Gastransport für Pipelines einsetzt, liegen am Rande der Halle im Dunkeln. "So sieht Kurzarbeit aus", sagt knapp Walter Haas, Betriebsratsvorsitzender bei der Internationalen Tiefbohr GmbH der ITAG in Celle. In der benachbarten Halle repariert ein Kollege sogenannte Preventer, rund und schwer und etwa so groß wie Tiefkühltruhen: "Die verhindern beim Bohren, dass Gas oder Spülung hochkommt. Sie gehören zu drei verschiedenen Bohranlagen, die zurzeit nicht laufen."

Walter Haas sitzt auch dem Gesamtbetriebsrat aller drei Gesellschaften der ITAG-Gruppe vor. Die Tiefbohr GmbH betreibt acht Bohranlagen im In- und Ausland und sorgt auch für Wartung und Reparatur.

Die Schweißerei gehört zur Maschinenfabrik ITAG Valves and Oilfield Products GmbH und produziert Ausrüstungen für Ölfelder in aller Welt, Komponenten für Bohrstränge, Molchhähne, Hochdruckleitungen. Nebenan drehen die Mitarbeiter der ITAG L&R GmbH besonders lange und runde Maschinenteile. Doch im Augenblick dreht sich nicht viel. Weil die Ölpreise so niedrig sind, stagniert die Nachfrage. Bohren in Deutschland lohnt sich nicht mehr.

Helge Krückeberg

Unsichere Zeiten für die Beschäftigten: Betriebsratsvorsitzender Walter Haas spricht mit einem Mitarbeiter. Unsichere Zeiten für die Beschäftigten: Betriebsratsvorsitzender Walter Haas spricht mit einem Mitarbeiter.

Das betrifft im Raum Celle nicht nur die ITAG-Belegschaften hart. Ihr Unternehmen ist 104 Jahre alt – so alt wie die industrielle Förderung von Öl, die die Entwicklung dieser niedersächsischen Landschaft nachhaltig geprägt hat. "Im Celler Raum wurde die Bohrtechnik maßgeblich weiterentwickelt", sagt Walter Haas, der selbst 23 Jahre lang am Bohrturm auf Montage war.

1858 wurde im nahe gelegenen Wietze erstmals Öl gefunden. Mit der Industrialisierung entstanden Firmen zu seiner Förderung und Verarbeitung. Und zum Bau von Maschinen und Werkzeugen dafür. Bis vor zwei Jahren gab es etwa 5000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern für die Öl- und Gasindustrie im norddeutschen "Texas". Ein Fünftel davon ist bereits weg, weiß Gewerkschaftssekretär Andreas Wieder.

Walter Haas kennt jeden der 88 bei der ITAG Tiefbohr GmbH im vergangenen Jahr entlassenen Kollegen persönlich. "Es war bitter, mit den Betroffenen zu sprechen", sagt der 55-Jährige, "das gönne ich keinem." Denn mit den speziellen Kompetenzen aus dieser Industrie könne man in keinem anderen Gewerbe anfangen. Und wie es in diesem weitergeht, sei völlig ungewiss. Das ist am schwersten zu ertragen – auch für die 122 Kollegen, die noch dabei sind.

Helge Krückeberg

Bis vor zwei Jahren gab es etwa 5000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern für die Öl- und Gasindustrie in Norddeutschland. Bis vor zwei Jahren gab es etwa 5000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern für die Öl- und Gasindustrie im norddeutschen "Texas". Ein Fünftel davon ist bereits weg.

An den Ölpreisen aber lässt sich in Celle nicht drehen. Auch Wirtschaftssanktionen, die die Geschäfte beeinträchtigen, liegen außerhalb der Wirkungsbereiche von Lokalpolitik und Gewerkschaftsarbeit. Einfluss nehmen wollen Arbeitgeber wie Arbeitnehmer jedoch auf die Verabschiedung eines Gesetzes zum so genannten Fracking, einer Methode zum Gewinnen von Erdgas.

In Tiefen von mehreren Tausend Metern wird dabei Gestein aufgebrochen, indem man Sand und Chemikalien mithilfe von Druck und Wasser hineinpresst. Durch die so offen gehaltenen Risse kann schwer zugängliches Gas dann leichter entweichen und gefördert werden. "Wir machen das seit Jahrzehnten", sagt Walter Haas. "Fracken war immer Teil des Bohrens."

Neu, so Haas, sei die Idee, auch im Schiefergestein in Tiefen von weniger als dreitausend Metern auf diese Weise Gas zu gewinnen. Das habe Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen und Umweltorganisationen zu Protesten veranlasst. Ihrer Sorgen um Grundwasser und Gesundheit wegen werde nun gar nicht mehr gefrackt.

Helge Krückeberg

Bohrleitungen für Ölfelder in aller Welt Bohrleitungen für Ölfelder in aller Welt

Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ein Gesetz auf den Weg gebracht, das "unkonventionelles" Fracking im Schiefergestein vorerst nur probehalber und mit wissenschaftlicher Begleitung erlaubt. "Konventionelles" Fracken im tiefen Gestein wird mit Auflagen zum Umweltschutz versehen.

Während der Debatten warfen Betriebsräte der betroffenen Unternehmen ihre Sicht in die Waagschale: sie sammelten Unterschriften, schrieben Abgeordnete an und luden Politiker ein, sich von der Sicherheit der umstrittenen Technologie zu überzeugen. Das Fracken, so hoffen sie, könnte ihre Branche am Leben erhalten. Es sei längst ein Standardverfahren, heißt es in ihrer Ende 2015 an die Bundestagsfraktionen verschickten "Celler Erklärung". Und: "Die Innovationskraft der Bohrindustrie ist auch ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der erneuerbaren Energien."

Doch noch ist das Gesetz nicht verabschiedet. Ohne klare Regeln wird nicht investiert. Den Betriebsräten geht die Geduld aus: "Selbst ein schlechtes Gesetz wäre gut für uns", sagt Walter Haas. "Dann geht es jedenfalls irgendwie weiter."

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