Equal Pay Day 2017

Scheinbar gleichgestellt

Weniger Gehalt bei gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit - das ist ungerecht. Und doch klafft oft noch immer eine Lücke zwischen den Gehältern von Männern und Frauen. Allerdings nicht überall: Tarifverträge kennen keinen Lohnunterschied.

Fakten zur Lohnungleichheit
17.03.2017
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In Sachen Lohnungleichheit ist Deutschland europäischer Spitzenreiter. Bis zum Equal Pay Day am 18. März müssen Frauen rechnerisch umsonst arbeiten, während Männer schon seit dem 1. Januar voll bezahlt werden. Oder anders: Frauen verdienten 2016 durchschnittlich 16,26 Euro brutto pro Stunde, Männer 20,71 Euro. Nochmal anders: Der Lohnunterschied hat sich in der Bundesrepublik bei rund 21 Prozent verfestigt (EU-Durchschnitt: 16,4 Prozent). Wie kann das sein?

Strukturelle Unterschiede

Fast drei Viertel des so genannten "unbereinigten" Lohnunterschieds sind auf strukturelle Bedingungen zurückführen. Frauendominierte Tätigkeiten werden häufig schlechter bezahlt, außerdem steigen Frauen seltener in Führungspositionen auf als Männer. Das hängt mitunter damit zusammen, dass sie ihre Berufstätigkeit familienbedingt häufiger und länger unterbrechen und in (oft geringfügiger) Teilzeit arbeiten: Nur zehn Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren haben einen Vollzeitjob. (Väter: 83 Prozent). Viele Frauen stecken in der Teilzeitfalle fest. Vergleicht man Frauen und Männer, die gleichermaßen qualifiziert sind und einer vergleichbaren Tätigkeit nachgehen, beträgt die Lohnlücke immer noch sechs Prozent.

Tarife kennen keine Ungleichbehandlung

Deshalb fordert die IG BCE ein klares Bekenntnis zu Tarifverträgen und Tarifbindung. Denn Tarifverträge machen zwischen Frauen und Männern auf den gleichen Positionen keinen Lohnunterschied. "Von den Unternehmen erwarten wir, dass sie mit den Betriebsratsgremien mit Entgeltanalysen die Situation klären und geeignete Maßnahmen ergreifen", sagt Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE: "Da, wo es starke Mitbestimmungsstrukturen und Tarifverträge gibt, ist die Bezahlung insgesamt deutlich gerechter." Ganz anders sieht es in Betrieben und Branchen ohne Tarifbindung aus. Dort ist der Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen besonders groß.

Um die Lohnungleichheit an allen Fronten zu bekämpfen, fordern die Gewerkschaften im DGB

  • eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Kinder und Pflegebedürftige
  • die gleichberechtigte Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit
  • eine Reform der Minijobs
  • die Stärkung der Gesetzlichen Rentenversicherung
  • die eigenständige Existenzsicherung von Frauen als politisches Leitbild
  • den Abbau aller Fehlanreize im Steuer- und Sozialrecht, die dem Aufbau einer eigenständigen Existenzsicherung von Frauen entgegenstehen.

Lösungsansätze aus Berlin

Auch die Bundesregierung will etwas tun gegen die Lohnungleichheit. Der Entwurf des Lohntransparenzgesetzes wurde im Januar vom Kabinett beschlossen und wird jetzt im Bundestag beraten. Er sieht einen individuellen Auskunftsanspruch für Beschäftigte in Unternehmen ab 200 Mitarbeitern vor, umfasst Angaben zu Kriterien und Verfahren der Entgeltfindung und zum Bruttogehalt sowie bis zu zwei Entgeltbestandteilen einer Vergleichsgruppe des anderen Geschlechts.

Von Sachverständigen und Interessenvertretern wird der Entwurf höchst unterschiedlich bewertet. Die Union folgt der Argumentation der Arbeitgeberseite: Sie hält den Entwurf für ein "Bürokratiemonster" - ohne dass der individuelle Auskunftanspruch, Kernstück dieses Gesetzes, zusätzliche Bürokratie verursachen würde. Bei Inanspruchnahme ist lediglich die Bereitstellung bereits vorhandendenen Datenmaterials erforderlich. Die Bearbeitung des Auskunftsanspruchs werden in vielen Fällen sogar Betriebsrat oder Vertreter der Tarifvertragsparteien vornehmen. Tatsächlicher Streitpunkt beim Gesetzesvorhaben sind vielmehr die Einblicksrechte in Gehaltsstrukturen, die offenbar nicht gewährt werden sollen. Aus gewerkschaftlicher Sicht hingegen sollten die Unternehmen verpflichtet werden, ihre Entgeltpraxis zu überprüfen und Benachteiligungen systematisch abzubauen. Zumindest für Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten müssten betriebliche Prüfverfahren verbindlich vorgeschrieben werden.

"Transparenz und nachvollziehbare Entgeltsysteme leisten einen Beitrag zur Schließung der Entgeltlücke – das hat unter anderem die Hans-Böckler-Stiftung inzwischen mehrfach nachgewiesen", lobt Edeltraud Glänzer den Vorstoß. Sie hofft allerdings, dass im parlamentarischen Verfahren noch nachgebessert wird. "Der nun vorliegende Entwurf kann nur als erster Schritt gewertet werden. Angesichts der engen Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag und der immensen Widerstände auf Arbeitgeberseite, ist ein Signal gelungen, das in Kombination mit einem Rückkehrrecht von Teilzeitarbeit auf Vollzeit seine Wirkung entfalten wird."

Das Gesetz zur Weiterentwicklung des Teilzeitrechts sieht ein Recht auf befristete Teilzeit vor - und eine Umkehr der Beweislast: Der Arbeitgeber muss nachweisen, dass Arbeitszeitkontingente zur Verlängerung der Arbeitszeit nicht zur Verfügung stehen. Doch das kann nur ein erster Schritt sein. "Aus unserer Sicht wären mit einer Stärkung der Mitbestimmung und einer stärkeren Privilegierung von Tarifbindung deutlichere Verbesserungen zu erreichen gewesen", verweist Edeltraud Glänzer auf die positive Auswirkung der Mitbestimmung auf Lohngleichheit. "Eine Verständigung auf diese Punkte war mit den Arbeitgeberverbänden allerdings nicht zu erreichen."

Damit sich das endlich ändert, bleibt die IG BCE dran, sagt Glänzer: "Unser Ziel ist die Feier des Equal Pay Day am 1. Januar."

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