Einer von uns

In Niedersachsen angekommen

Vahdettin Kilic, Betriebsratsvorsitzender bei Melos in Melle, hat in den vergangenen beiden Jahren Geschichten gesammelt.

Christian Burkert

31.03.2015
  • Von: Sigrid Thomsen

Zuerst kamen Vahdettin Kilic die Erzählungen seines Vaters in den Sinn, der vor gut 40 Jahren aus einem Dorf in der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland kam und ursprünglich gar nicht bleiben wollte. Dann die von Kollegen des Vaters beim Keramik-Hersteller Burton in der niedersächsischen Ortschaft Buer. Und ihren Kindern. Und deren Kindern. Entstanden ist dabei zuerst eine Ausstellung und dann ein ganzes Buch: »Angekommen – Buer und seine Gastarbeiter«, 230 Seiten mit Lebensgeschichten, Rezepten, Dokumenten und vielen Fotos. Im Frühjahr wird das Werk vom »Bündnis für Demokratie und Toleranz« preisgekrönt.

Die Idee des »Gastarbeiterkindes« Vahdettin wurde vom Netzwerk Jugendhaus und der Oberschule in Buer aufgegriffen: Sechs Jugendliche aus einer Arbeitsgemeinschaft der Schule führten die Interviews. »Sie fragen unbefangener als unsere Generation«, berichtet der 42-Jährige. »Dass wir auch etwas über die Sitten und Gebräuche aus der Heimat erzählen müssen, zum Beispiel wie man Mokka herstellt oder wie es auf Märkten zugeht, das ist dabei erst entstanden. « Manche Geschichte aus der eigenen Kindheit hat er bei der Arbeit am Buch erstmals gehört. Sein Ältester Salih, der in Paderborn studiert und selbst bereits Vater ist, hat vorher vom Leben der Großeltern nicht viel gewusst: »Jetzt erst verstehe ich Vaters Mahnung, wie gut wir es im Vergleich dazu haben.«

Für Integration hat sich Vahdettin Kilic schon lange engagiert – im Elternbeirat, im deutsch-türkischen Arbeitskreis, als Fußballtrainer der Jugend. »Meine Eltern haben das nicht gekonnt«, erzählt der Vater dreier Söhne, »Mutter hatte Sprachprobleme, Vater musste bis zu zwölf Stunden täglich arbeiten. Umso wichtiger ist es mir.« Mit Vater Kadir, Schwester Songül, Sohn Salih und dem dreijährigen Enkel Arda blättert er in seinem Buch wie im Familienalbum. Sie alle kommen mit Bildern, Geschichten und Ansichten vor. »Ich fühle mich angekommen, weil ich zum aktiven Leben hier ein Stück Nützliches beitragen kann«, schreibt der Kilic im Kapitel »Stimmen zum Ankommen«. Die Arbeit am Buch fehlt ihm jetzt schon. Doch Lesungen und Ausstellungen stehen noch an. Und die Preisverleihung.

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