Tendenzen Hambacher Forst

Der Horror von Hambach

Steine fliegen, Autoscheiben zerbersten, Molotow-Cocktails brennen: Der Hambacher Forst im Rheinischen Revier ist der am heftigsten umkämpfte Wald in Deutschland. Radikale Aktivisten liefern sich hier regelmäßig Auseinandersetzungen mit der Polizei. Und zielen auch auf die Beschäftigten des Tagebaus von RWE Power. Die Beschäftigten sind verunsichert, sie haben Angst vor der Gewalt. Ein Ortsbesuch. 

Frank Rogner

Marcus Schulz arbeitet in der Konzernsicherheit von RWE Power.
04.05.2018
  • Von: Bernd Kupilas
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Oben in der Baumkrone leuchtet eine blaue Zeltplane. Sieht unbewohnt aus, das Baumhaus. Als Marcus Schulz sich langsam nähert, hört er einen Ruf. „Haut ab!“, schallt es aus der Baumbehausung. „Es ist doch jemand drin“, sagt Schulz zu dem Trupp von Sicherheitsleuten, die ihn begleiten. Aufmerksam schauen sie sich um, verlieren die Behausung im Baum nicht aus den Augen. In diesem Wald fliegen schnell Steine. Es hat auch schon Fäkalien geregnet. Auf dem Waldweg unterhalb des Baumzeltes haben die Waldbesetzer eine Barrikade gebaut, etwas unbeholfen sieht das Gebilde aus: ein paar Eisenstangen und mit Beton gefüllte Autoreifen. Schulz winkt ab, nicht weiter wild, will er mit seiner Handbewegung sagen. „Das haben wir mit einem Radlader schnell weggeräumt.“ 

Willkommen im Hambacher Forst. Das hier ist kein Wald – es ist eine Kampfzone. In den Bäumen haben sich sogenannte Waldschützer eingenistet. Ein Zeltlager von Umweltaktivisten ist ganzjährig bewohnt. Sie wollen verhindern, dass der Wald zugunsten des Tagebaus abgeholzt wird. „Wenn wir im Wald Arbeiten verrichten müssen, machen wir das nur noch unter Polizeischutz“, sagt Marcus Schulz. Der 43-Jährige ist bei der Konzernsicherheit von Tagebau-Betreiber RWE Power für den Bereich Aktivismus und Sonderprojekte zuständig. Er ist ein bedächtiger Mensch, er spricht ruhig und besonnen. In den Augen mancher Umweltaktivisten ist er ein Klimakiller, weil er für ein Braunkohlenunternehmen arbeitet.
Schulz kann über diese Weltsicht nur den Kopf schütteln. Er tut das ohnehin oft, wenn er von den Zuständen im Hambacher Forst erzählt. Etwa von den Aktivisten, die sich die Fingerkuppen mit Säure verätzen: So kann die Polizei keine Fingerabdrücke nehmen und abgleichen. Werden sie festgenommen, schweigen sie, Ausweispapiere haben sie nicht dabei. Das führte jüngst zu einer kuriosen Situation: Das Amtsgericht Kerpen verurteilte zwei junge Männer, obwohl der Richter nicht einmal ihre Identität kannte. “Einer scheint spanischer Herkunft zu sein“, schrieb die Lokalpresse. Schulz schüttelt den Kopf.

Frank Rogner

"Zur Arbeit gehe ich mit einem mulmigen Gefühl", sagt Daniel Sutter, der seinen Leuten im Vorfeld alles aus der Erde holen muss, was der Bagger nicht verdauen könnte.

Daniel Sutter, 32, ist für die Arbeiten im sogenannten Vorfeld zuständig. Das ist der Bereich zwischen der Abbruchkante und dem Waldrand: ein Stück Niemandsland am Rande der Kampfzone, mehrere 100 Meter breit, aufgeschüttete Erdwälle, provisorische Autowege. Sutter muss mit seinen Leuten im Vorfeld alles aus der Erde holen, was der Bagger nicht verdauen könnte: Straßenschilder, Kanalröhren, alte Leitungen. „Viele Kollegen haben ein mulmiges Gefühl, wenn sie zur Arbeit gehen“, sagt Sutter, „mir geht es da nicht anders.“ Sutter steht auf Brücke 106, einer ehemaligen Autobahnbrücke. „Das hier ist unser Stützpunkt“, erklärt er. Unterhalb der Brücke schaut Sutter auf ein doppelt eingezäuntes Gelände mit Stacheldrahtkrone, es wird Tag und Nacht von einem Sicherheitsdienst bewacht, in der Dunkelheit von Scheinwerfern erleuchtet. “Hier stellen wir Bagger und anderes Gerät ab“, sagt Sutter. Immer wieder attackieren Aktivisten die Gerätschaften, zum Beispiel mit Molotow-Cocktails; die so entstandenen Schäden gehen mittlerweile in die Hunderttausende. „Nachts sieht es ein bisschen aus wie an der ehemaligen innerdeutschen Grenze“, ergänzt Sicherheitsexperte Schulz.

Frank Rogner

Sicherheitsexperte Marcus Schulz mit Nagelbrettern, Stahlkrampen und sonstigen Fundstücken, die die radikalen Baumschützer auf den Waldwegen unter Laub versteckten. 

Oben auf Brücke 106 zeigt Sutter auf einen Container. „Das ist unser kleines Museum “, schmunzelt er. Drinnen liegen auf zwei Tischen Fundstücke aller Art: etwa Nagelbretter, Stahlkrampen und sogar eine einbetonierte Mistgabel, die die radikalen Baumschützer auf den Waldwegen unter Laub versteckten – damit Einsatzfahrzeuge der Polizei, der Feuerwehr oder von RWE sich einen Platten fahren. Als Anfang Januar eine 21-jährige Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes einen leichten Schlaganfall erlitt, kam der Notarztwagen an den Barrikaden auf der Zufahrtstraße nicht vorbei. In den Kronen von Bäumen, die gefällt werden sollen, verstecken die Aktivisten Stahlstangen – kippt der Baum, droht dem Holzfäller Lebensgefahr. An Seilen befestigte Steine finden sich in Oberleitungen der Eisenbahnstrecken, auf denen die Kohle transportiert wird. Auch hier: Lebensgefahr für den Lokführer. 

Der Betriebsratsvorsitzende Matthias Dürbaum, 30, zeigt Fotos von den Folgen solcher Attacken: die Scheibe im Führerhaus einer Lok – zersplittert. „Die Leute haben Angst“, sagt Dürbaum. „Wir haben Kollegen, die sagen: Ich will nicht mehr als Lokführer arbeiten.“ Die Statistik ist erschreckend: 170 solcher sicherheitsrelevanter Vorfälle, manche kleiner, manche größer, hat der Sicherheitsdienst von RWE im vergangenen Jahr 2017 gezählt – im Schnitt also gibt es an jedem zweiten Wochentag einen Vorfall. Gerade erst haben die Behörden bestätigt: RWE darf ab dem Herbst wieder im Wald roden – die Auseinandersetzungen dürften dann eher schlimmer werden.

Frank Rogner

Einbetonierte Mistgabeln, Schleudern, Steine.

Beliebte Ziele sind Autos. Zuletzt traf es die Scheiben eines Wagens von Tierökologen, die im RWE-Auftrag unterwegs waren. Sie verteilen Metalleimer im Wald, um Eidechsen aufzusammeln und auf der anderen Seite des Tagebaus in den rekultivierten Gebieten wieder anzusiedeln. Artenschützer werden von Baumschützern attackiert. Was soll das? Was treibt die Aktivisten zu solchen Taten? Spielen sie gerne Krieg? Marcus Schulz holt tief Luft: „Ein Spiel ist es auf jeden Fall nicht. Dazu ist es viel zu ernst.“ Zuletzt kam zu Ostern wieder ein Kollege des Sicherheitsdienstes zu Schaden. Eine 20-jährige Aktivistin bedachte ihn mit mehreren Tritten. Später trat dieselbe Aktivistin auf der Wache einer Polizistin so heftig an den Kopf, dass die Beamtin ins Krankenhaus musste. „Im Wald haben mittlerweile die Linksautonomen das Sagen“, sagt Schulz. „Denen geht es nicht um die Bäume, denen geht es um einen Systemwechsel.“

“Wir haben nichts gegen Protest – aber gegen Gewalt.“

Betriebsratsvorsitzender Dürbaum sieht das ähnlich. „Bei vielen Aktivisten geht es nur um Protest und darum, Gewalt auszuleben. “ Entsprechend steige die Sorge in der Belegschaft, ein Gefühl von Ohnmacht mache sich breit. „Unsere Leute fühlen sich als Opfer von Gewalt – physisch, psychisch, aber auch medial.“ Dass wenige radikale Umweltaktivisten die Schlagzeilen beherrschen, frustriert die Beschäftigten bei RWE. „Die Leute sagen sich: Wir machen hier seit Jahrzehnten eine wichtige Arbeit, wir sorgen für Strom. Und dann werden wir in der Öffentlichkeit als Buhmänner dargestellt. Das tut zusätzlich weh.“ Schmerzhaft finden die Beschäftigten auch, dass Aktivisten oft nicht zur Verantwortung gezogen werden. Frust schieben freilich hilft nicht, betont “Wir haben nichts gegen Protest – aber gegen Gewalt.“ der Betriebsratsvorsitzende. Seit einiger Zeit unterhält die IG BCE einen regelmäßigen Draht zu den Umweltaktivisten – jedenfalls zu denen, mit denen man reden kann. „Wir suchen als Gewerkschaft den friedlichen Dialog“, sagt Dürbaum. „Wir haben nichts gegen Protest. Als Gewerkschaft gehört Protest zu unserer DNA. Aber wir haben etwas gegen Gewalt.“ Im Umgang mit Gewalt gibt es eine klare Vorgabe für die RWE-Beschäftigten: Kommt es zu einem Vorfall, sollen sie sich sofort zurückzuziehen und in Sicherheit bringen. Ruhe bewahren, deeskalieren. Lieber alles stehen und liegen lassen, als dass irgendjemand zu Schaden kommt. 

Die Furcht aber bleibt; sie wirkt bis in die Familien hinein. Seine Frau, sagt Konzernsicherheitsmitarbeiter Schulz, frage ihn morgens öfter besorgt: „Du gehst aber heute nicht wieder in den Wald, oder?“ 

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