Nominiert für den Betriebsräte-Preis 2017

Betriebsvereinbarung? Nur im Doppelpack

Neuer Eigentümer, neue Software in der Personalabteilung. Und das möglichst schnell. So hatte sich das Unternehmen Venator Materials und Krefeld-Uerdingen das vorgestellt. Moment mal, sagte der Betriebsrat. Neue Personalsoftware? Haben wir denn auch eine vernünftigte Strategie für die Personalplanung?

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Stock-Fotografie-ID:468783600_alphaspirit Arbeitgeber und Betriebsrat bei Venator Materials setzten sich Meilensteine und vereinbarten Zeitpläne. Betriebsvereinbarungen gibt es nur im Doppelpack: Eine Vereinbarung zur Software- Einführung von „Workday“ kann nur geschlossen werden, wenn gleichzeitig eine Vereinbarung zur Personalplanung unterschrieben wird. Beide sind voneinander abhängig.

Eine wechselvolle Geschichte kennzeichnet den Betrieb, der heute als Venator Materials in Uerdingen Titandioxid herstellt. Nach mehreren Übernahmen kaufte 2014 Huntsman das Unternehmen und gliederte es in die Venator-Unternehmensgruppe ein. Der neue Eigentümer wollte seine eigenen Prozesse in dem Unternehmen einführen. Dazu sollte der Betriebsrat die Software „Workday“ genehmigen, ein Programm, welches die Abläufe in der Personalabteilung abbildet und steuert.

Etwa ein halbes Jahr nach der Übernahme durch Huntsman ging die Anfrage beim Betriebsrat ein, die Software der neuen Muttergesellschaft zu übernehmen und einzuführen. Der ganze Betrieb steckte jedoch noch in einer Art Findungsphase, und so betrachtete der Betriebsrat auch dieses Projekt zunächst nur einzeln. Doch je mehr sich das Gremium Gedanken über die Auswirkungen der Einführung machte, umso deutlicher wurde, dass das Unternehmen insgesamt eine neue Personalstrategie braucht – und nicht nur eine neue Software.

„Unsere Personalabteilung ist in globale Prozesse eingebunden, sie muss sich international mit Kollegen austauschen und braucht dazu moderne Arbeitsmittel“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Hans Hirche.

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Hans Hirche, Betriebsratsvorsitzender bei Venator Materials in Krefeld-Uerdingen
Also sollten zum Beispiel auch Stellenausschreibungen international vergleichbar sein. „Die Digitalisierung unserer Produktionsprozesse ist schon lange im vollen Gange, Industrie 4.0 machten wir schon, bevor darüber groß geredet wurde. Jetzt aber brauchen wir Personal4.0, um im Personalmanagement mithalten zu können.“ Also packte der Betriebsrat die Gelegenheit beim Schopf und begann mit der Geschäftsführung über eine neue Personalstrategie zu diskutieren.

Die neue Software mache nur im Rahmen eines Gesamtkonzeptes Sinn, argumentierte er und forderte eine Parallelität der Themen: Die Software sollte gleichzeitig mit der neuen Personalstrategie eingeführt werden. Parallel eben, und nicht unabhängig und unabgestimmt aufeinander. Die Einsicht, dass das sinnvoll ist, kam nicht sofort. „Es war ein langer Atem nötig, bis es in den Köpfen Klick machte“, blickt Lothar Steinwegs zurück, der als Betriebsrat dieses neue Projekt maßgeblich betreute. Nach zähen Verhandlungen kamen Betriebsrat und Geschäftsleitung zu einer Regelabrede. Sie vereinbarten also, nach welchen Regeln sie miteinander umgehen wollen.

Die eingeforderte Parallelität gewährleistet das Unternehmen nun so, dass bei der Einführung von Workday „Zug um Zug“ vorgegangen wird. Dieser Ausdruck wurde in den Verhandlungen prägend und findet sich an verschiedenen Stellen der Regelabrede wieder, um den Geist der Vereinbarung zu beschreiben.
Einen solchen Geist, eine grundsätzliche Ausrichtung festzuschreiben ist immer dann wichtig, wenn es im Rahmen der Umsetzung einer getroffenen Vereinbarung zum Streit kommt. Zudem wurden die Inhalte der Regelabrede einigungsstellenfähig formuliert. Arbeitgeber und Betriebsrat setzten sich Meilensteine und vereinbarten Zeitpläne. Betriebsvereinbarungen gibt es nur im Doppelpack: Eine Vereinbarung zur Software- Einführung von „Workday“ kann nur geschlossen werden, wenn gleichzeitig eine Vereinbarung zur Personalplanung unterschrieben wird. Beide sind voneinander abhängig. Hier wird wieder der Geist der Verhandlungen – „Zug um Zug“ – deutlich. „Ich bin froh, damit einen belastbaren Weg gefunden zu haben“, so Steinwegs. „Nur so können wir diesen langwierigen Pfad zielgerichtet beschreiten.“

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