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15.06.2018

Von: Alexander Visser

Chemie hoch drei

„Es darf keine Verlierer geben“

„Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft rasend schnell, und auch in der Chemieindustrie sind viele Menschen davon betroffen“, sagte Michael Vassiliadis. „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Betroffenen nicht als Verlierer dastehen.“ Damit machte der IG BCE Vorsitzende den gewerkschaftlichen Blickwinkel auf das Thema „digitale Transformation“ klar, über das er mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und der Arbeitgeberseite debattierte. Die Runde traf sich am 14. Juni im Humboldt-Carré in Berlin Mitte im Rahmen der Initiative Chemie3, in der die Branche Zukunftsthemen diskutiert.

„Wir erleben gerade die Phase der Digitalisierung, in der diese den Alltag durchdringt. Die Digitalwelt und die Realwelt verbinden sich, alles wird smart“, sagte Wilhelm Bauer vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Deutschland sei auf vielen Feldern nicht Pionier, könne aber dennoch ein Gewinner des digitalen Wandels sein. „Aber es ist keine Zeit, allzu lange nachzudenken und Papiere zu schreiben. Wir müssen jetzt wirklich reinhauen und die Bedingungen für den Wandel optimieren.“ Dafür sei nicht zuletzt die Politik in der Pflicht. „2017 wurden nur 29 von den bereitgestellten 600 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur verbaut, das ist zu wenig“, kritisierte Bauer.

Die beiden geladenen Regierungsvertreter – Staatsministerin Dorothee Bär und Wirtschafts-Staatssekretär Oliver Wittke – hatten ihre Teilnahme in der Runde kurzfristig abgesagt, offenbar aufgrund der aktuellen Koalitionskrise. Alleinige Vertreterin der Politik war daher die Bundestagsabgeordnete Daniela Kluckert (FDP), stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur. Deutschland habe viele Chancen durch die Digitalisierung, doch beim Netzausbau sei das Land nicht schnell genug. „Viel zu oft blockieren Kommunen oder Behörden wichtige Infrastrukturmaßnahmen. Daher setzen wir die Regierung unter Druck, dafür zu sorgen, dass Regeln vereinfacht werden und mehr Schwung in den Netzausbau kommt.“

Es sei aber nicht nur entschlossenes Regierungshandeln gefragt, sondern auch das Engagement der Gesellschaft, hob Kurt Bock, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie, hervor. „Daher haben wir unter anderem 2013 die Initiative Chemie3 ins Leben gerufen, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam über Nachhaltigkeit und die Herausforderungen der Digitalisierung debattieren“.

Kai Beckmann, Präsident des Chemie-Arbeitgeberverbandes BAVC und Mitglied der Geschäftsleitung von Merck, warnte vor zu viel Pessimismus. „Es sollte nicht als erstes die Zahl der Arbeitsplätze genannt werden, die wegfallen. Denn es entstehen ja auch viele neue Jobs, wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen.“ Übrigens müsse sich nicht nur die Arbeitnehmerseite auf Veränderungen einstellen, ebenso die Führungsetagen. „Heute können viele Jobs auch an externen Arbeitsplätzen, zum Beispiel von zu Hause aus, erledigt werden. Die Arbeitnehmer sind nicht mehr alle in Sichtweite! Daran müssen sich einige Arbeitgeber noch gewöhnen.“

„Die Sozialpartner müssen sich jetzt den Veränderungen, die die Digitalisierung bringt, stellen“, betonte Michael Vassiliadis. Zum Beispiel auch durch zukunftsfähige Anpassungen von bewährten Instrumenten wie der dualen Ausbildung. „Die Chemiebranche hat schon viele Veränderungsprozesse erlebt, viele Berufe sind verschwunden. Aber die Rationalisierungsschübe haben auch die Wettbewerbsfähigkeit der Chemische Industrie erhalten.“