Chat mit Ralf Sikorski

"Das Thema Verdichtung und Belastung schwelt seit langem"

Chancen und Risiken der fortschreitenden Digitalisierung, die zunehmende Arbeitsverdichtung und fragwürdige Befristungen: Im Live-Chat mit Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, kamen viele Themen zur Sprache. Eine Auswahl der Fragen und Antworten findet sich im folgenden Chat-Protokoll.

Stefan Koch

Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE
20.09.2017
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Ralf Sikorski
Ja, guten Tag und hallo. Ich freue mich auf die nächsten anderthalb Stunden.

smart90
Die Digitalisierung wird sicher viele Arbeitsplätze kosten, besonders, wenn man in die ferne Zukunft blickt. Wäre es da nicht sinnvoll, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen? Auch die Gewerkschaften sollten dafür trommeln, um den Arbeitnehmern einen besseren Schutz zu bieten.

Ralf Sikorski
Ich halte grundsätzlich das bedingungslose Grundeinkommen für den falschen Ansatz. Erstens verhindert es nicht die Fortschreitung der Digitalisierung der Arbeitswelt. Zweitens ist es glaube ich eher Aufgabe des Staates nach kreativen Lösungen zu suchen, Qualifizierung zu organisieren, damit Arbeitnehmer nicht im negativen Sinne bedroht sind. Das bedingungslose Grundeinkommen führt eher dazu, dass Arbeitslosigkeit finanziert wird und die Kreativität Menschen in die Arbeit zu bringen, verloren geht.

Schichti
Hängt ihr mit euren Arbeitszeitmodellen nicht der Entwicklung hinterher? Das digitale Zeitalter kennt keine Stechuhr. Wie wollt ihr darauf reagieren, um Industrie 4.0 nicht zu verschlafen? Denn sonst regeln das die Arbeitgeber 

Ralf Sikorski
Wir reagieren seit Jahren darauf. Und haben zu einer unserer Maximen in der Tarifpolitik das Thema Lebensphasenorientierte Arbeitszeit in den Mittelpunkt gestellt. Erst vor wenigen Wochen wurde im Tarifbezirk Nordost ein Tarifvertrag verabschiedet, der einen Arbeitszeitkorridor definiert, der auch in Form von individuellen Nutzbarkeiten geöffnet ist. Nichtsdestotrotz wird das Thema zukünftiger moderner Arbeitszeitmodelle vor allem auch in der betrieblichen Arbeit eine elementare Rolle spielen.

G. Freiter
Wie können wir im Bereich der Digitalisierung die Ausbreitung prekärer Arbeit verhindern?

Ralf Sikorski
Im Wesentlichen ist ein wichtiges Instrument zur Verhinderung weiterer Prekarisierung die Mitbestimmung bei der Gestaltung digitalen Wandels in den Betrieben. Und ein zweiter wichtiger Punkt wird die Qualifizierung der Beschäftigten sein. Hier ist jeder in der Verantwortung Staat, Unternehmen und die Beschäftigten selbst. Neben der betrieblichen Mitbestimmung lässt sich die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen im Wesentlichen auch durch eine stärkere Tarifbindung organisieren. Hierzu brauchen wir dringend politisches Handeln in den kommenden Jahren.

Josef fragt
Nehmen Sie Diskriminierung gegenüber älteren Arbeitnehmern wahr, weil sie keine digital natives sind?

Ralf Sikorski
Da ich selber zu der Altersgruppe gehöre, fühle ich mich weder diskriminiert noch werde ich es zulassen. Neben dem Umgang mit Technik zählt nach meinen Lebenserfahrungen vor allen Dingen auch Erfahrungswissen und spielt eine zentrale Rolle im Betrieb. Außerdem ist es ein Irrglaube zu unterstellen, das Lebensalter automatisch technologischer Kompetenz oder Nicht-Kompetenz zuzuordnen ist. Aber im Ernst: Für die Herausforderung der Zukunft wird es notwendig sein, in allen Altersgruppen zu qualifizieren und dies altersgerecht zu machen. Es gibt im Übrigen bereits heute gute Modelle in den Unternehmen, wo Wissenstransfer von jung zu alt mit Blick auf technisches Verständnis und Erfahrungswissen als Qualifizierungsprozess organisiert worden ist.

DieSteffi
Wie wollen sie der immer weiter um sich greifenden Zeitarbeit entgegen treten?

Ralf Sikorski
Wir müssen endlich dazu kommen, Zeitarbeit wieder dahin zurückzuführen, wozu sie ursprünglich mal gedacht war. Zur Abdeckung von Produktionsspitzen, für Vertretungstätigkeiten, ggf. auch für das eine oder andere sinnvolle Geschäftsmodell im Betrieb spricht nichts gegen Zeitarbeit. Die Tatsache, dass viele Unternehmen über Jahre Personalpuffer über Zeit und Leiharbeit aufgebaut haben, hat dazu geführt, dass dieses negative Bild entstanden ist. Deshalb ist sie auch in Zukunft über gesetzliche Maßnahmen, über mehr Mitbestimmung der Betriebsräte bei der Einführung von Leiharbeit, auf ein erträgliches Maß zurückzuschneiden.

dabrü
Bin jetzt gerade in meiner dritten Befristung. Nicht schön. Wenn die aber abgeschafft werden sollen (wie etwa die SPD fordert) dann stehe ich beim nächsten Mal ja gleich ganz auf der Straße. Hat daran mal jemand gedacht?

Ralf Sikorski
Natürlich! Grundsätzlich gilt schon jetzt, dass eine Befristung maximal drei Mal wiederholt werden darf. Wir tragen mit einigen der Parteien die konsequente Forderung nach Abschaffung der sachgrundlosen Befristungen. Damit Menschen wie Du erst gar nicht in eine solch missliche Situation kommen. Wenn Befristungen gesetzlich streng reguliert werden, wird auch die Ausweitung der unsäglichen Befristungen von Arbeitsverträgen zurückgehen müssen.

PeterL
Das ganze Gerede von mehr Flexibilisierung hängt mir wirklich zum Hals raus. Am Ende soll ich mehr arbeiten für das gleiche Geld. Und dabei sammelt mein Chef auch noch fröhlich meine Daten und das nennt sich dann Arbeit 4.0. Wie wollt ihr das verhindern?

Ralf Sikorski
In der Tat droht ein solches Horror-Szenario und gerade deshalb ist es wichtig daraufhin zu wirken, dass neue Technologien nicht nur für den wirtschaftlichen Profit genutzt werden sondern auch die Humanisierung der Arbeit, die aus einer solchen Produktivitätssteigerung erwächst, ermöglicht und finanziert wird. Flexibilität wird nur dann zur Win-Win-Situation, wenn sie mit Zeitsouveränität für die Beschäftigten einhergeht. Das zweite Thema, dass Du ansprichst, ist ebenfalls auf der Agenda ganz oben anzusiedeln: Arbeitnehmerdatenschutz wird in einer digitalisierten Welt eine völlig neue Dimension bekommen. Deswegen ist es richtig, dass zurzeit die Gesetzgeber auf EU und nationaler Ebene sich mit der Frage einer Modifizierung und Veränderung des Arbeitnehmerdatenschutzes befassen. Wir unterstützen dies ausdrücklich.

Ioannis
Ich habe ein Diensthandy von meinem Arbeitgeber erhalten, mit dem er meinen Standort bestimmen kann. Ich soll dies auch in der Freizeit dabei haben. Ich fühle mich überwacht. Ist das überhaupt erlaubt?

Ralf Sikorski
Grundsätzlich ist es natürlich nicht erlaubt Dein Handy insbesondere in der Freizeit zu überwachen. Sollte dies ein Arbeitgeber tun, handelt er strafbar. Die Lokalisierung von Mitarbeitern ist generell eine Frage der Ordnung im Betrieb, die nach dem Betriebsverfassungsgesetz nur mit Zustimmung des Betriebsrates zu regeln ist. Gleiches gilt für die Erreichbarkeit in der arbeitsfreien Zeit. Es geht den Arbeitgeber auf jeden Fall nichts an, wo Du dich in Deiner Freiheit aufhältst.

Herzmaschine
Herr Sikorski, Sie erwähnten die teilweise Übereinstimmung mit den Parteien. Mit welchen Parteien haben Sie bzgl. Digitalisierung und digitale Arbeit die meisten Übereinstimmungen? Wie bewerten Sie das Verhältnis der Gewerkschaften zur SPD, wie zur Linkspartei?

Ralf Sikorski
Grundsätzlich befassen wir uns mit den Aussagen aller Parteien und mit Fokus auf die Tiefe zum Thema Arbeit und Arbeitswelt. Ergibt sich nicht zuletzt auch durch die intensive Bearbeitung im Ministerium von Frau Nahles eine Reihe von Überschneidungen mit der SPD. In der Frage des Ausbaus der Infrastruktur liegen fast alle Parteien nahe beieinander. Zur Frage der konkreten Ausgestaltung von Arbeit und dem Schutz der Beschäftigten finden wir von vagen Aussagen bei der CDU/CSU bis hin zur forschen Forderung der FDP nach Abschaffung der Regelungen des Arbeitszeitgesetzes (Ruhepausen, 8 Stunden-Tag) die gesamte Bandbreite

Ulli
Einen Betriebsrat … pfff. So was haben wir hier nicht. Der Chef kann doch machen was er will und einen Betriebsrat lässt er hier sicher nicht zu. Gibt es denn keine anderen Möglichkeiten uns zu wehren?

Ralf Sikorski
Es ist schon skandalös, dass im 21. Jahrhundert solche Zustände, wie Du sie beschreibst, immer noch möglich sind. Auch wir erleben bei der Erschließung neuer Betriebe, nicht immer, aber doch solche Arbeitgeber. Deshalb fordern wir seit langem die Erleichterung der Verfahren bei der ersten Wahl eines Betriebsrates sowie einen verbesserten Kündigungsschutz für diejenigen, die den Mut haben sich entsprechend aufzustellen. Und unsere Forderung gilt weiterhin das Arbeitgeber, die massiv mit Druck und Kündigungsandrohungen versuchen Betriebsräte zu verhindern, strafrechtlich verfolgt werden.

Begü
An menschenleeren Fabriken glaube ich auch nicht. Aber an Fabriken, wo Menschen wie Roboter vor ihrer Arbeit (z.B PC) sitzen und um sich herum nichts mehr wahrnehmen können aufgrund der immer höheren Arbeitsverdichtung.

Ralf Sikorski
Du sprichst einen ganz wichtigen Punkt an. Das Thema Verdichtung und Belastung ist der eigentliche Kern aus dem die Ängste der Beschäftigten wachsen. Dies übrigens nicht nur wegen der Digitalisierung, sondern eher weil das Thema Verdichtung und Belastung seit langem schwelt und nun droht noch weitere Dynamik zu bekommen. Ich glaube, wir müssen endlich begreifen, dass die Anatomie der Menschen nicht parallel mit technologischen Veränderungen verändert. Und deshalb ist es wichtig, nicht nur zu erkennen, dass z.B. das Thema psychische Belastungen enorm an Bedeutung zugenommen hat. Wir werden diesen Zustand nicht allein durch Präventionsmaßnahmen und Veränderung des Verhaltens verbessern, sondern wir müssen die Verhältnisse ändern. Dazu gehört auch die Diskussion über Entlastungsmöglichkeiten über technologischen Fortschritt.

Zuhauseistesschön
Also ich arbeite einmal in der Woche von zuhause und finde das genial. Ich kann etwas länger schlafen, habe keine Fahrtzeiten ins Büro (Kostenersparnis, kein Stress) und kann so auch mal nebenbei einen Handwerkertermin vereinbaren. Ich finde, jeder sollte ein Recht auf Home Office haben!

Ralf Sikorski
Ich danke Dir für diese Stellungnahme. Denn in der Tat ist es ein schöner Beleg dafür, dass durch Technik auch Vereinbarkeit leichter zu gestalten ist. Ich habe ja bereits vorhin darauf hingewiesen, dass ich hierin eine Chance zum Nutzen von digitalem Wandel sehe. Auf einen Punkt möchte ich allerdings hinweisen: Bei der Trennung von Arbeitszeit und Arbeitsort ist die Frage des Bemessens von Arbeitszeit außerhalb des Betriebes natürlich ein Punkt, über den wir zu reden haben und der, nicht wie in Deinem Beispiel, aber in anderen Beispielen häufig zu einer Mehrbelastung führen kann, weil die geleistete Arbeitszeit nicht sichtbar ist. Aber trotzdem ist es gut, dass es für Dich eine Hilfe ist.

Ralf Sikorski
Wie die Zeit ist schon rum...? Ich weiß, nicht alle Fragen konnten beantwortet werden, aber ich habe mich bemüht, auf möglichst viele von Euch einzugehen. Mir hat es Riesenspaß gemacht; ich hoffe Euch auch. Ich bedanke mich bei Euch - tut mir den Gefallen: Geht wählen und bleibt vor allen Dingen gesund. Bis bald, liebe Grüße!

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