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26.10.2018

Von: Sigrid Krings

Gleichstellungskonferenz „Die Charta bewegt“ in Hannover

Chancengleichheit: Wir haben schon viel erreicht

Kurzer Blick in die Vergangenheit, umfangreiche Bestandsaufnahme und zielgerichtete Aufstellung für die Zukunft: Unter dem Titel „Die Charta bewegt“ haben sich rund 50 aktive Frauen aus Betriebsräten sowie der Frauen- und Gleichstellungsarbeit zwei Tage lang intensiv bei der Gleichstellungskonferenz der IG BCE ausgetauscht. Sie waren aus unterschiedlichen Betrieben in ganz Deutschland nach Hannover gekommen. Unter zahlreichen Gesichtspunkten befassten sie sich mit der „Charta der Gleichstellung“ und mit den damit zusammenhängenden Gleichstellungsthemen. Ihr Fazit: Es wurde schon viel geschafft. Und: Chancengleichheit ist trotz aller Fortschritte und Erfolge noch nicht erreicht, die betriebliche und gesellschaftliche Realität ist noch nicht chancengerecht. Man muss sich weiter dafür einsetzen.

Gleichstellung: Ein Thema, das bei den Teilnehmerinnen Begeisterung auslöst, aber in der betrieblichen Wirklichkeit noch großes Potenzial hat.

Schon 60 Unternehmen haben die Charta der Gleichstellung unterzeichnet
„Wir sind ein starkes Netzwerk, unsere Stimme wird in Berlin gehört“, betonte Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE in ihrer Rede. Viel sei in den sechs Jahren seit Entstehen der „Charta der Gleichstellung“ schon erreicht worden: inzwischen haben 60 Unternehmen die Vereinbarung unterzeichnet. „Aber es reicht nicht, die Charta zu unterschreiben und sie dann abzuheften. Wir wollen, dass daraus Maßnahmen abgeleitet werden“, hob sie hervor. Wichtig sei es, nicht in ein Klagen und Jammern zu verfallen, denn dadurch komme man nicht weiter. „Unsere Aufgabe ist es, genau hinzuhören: Was wollen die Frauen eigentlich?“, sagte sie.

Wichtiger Erfolg der Gleichstellungsarbeit: Einführung der Brückenteilzeit
Als besonders wichtigen Erfolg der Gleichstellungsarbeit der IG BCE wertete Edeltraud Glänzer die am 18. Oktober 2018 vom Bundestag verabschiedete Änderung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG). Die Änderung beinhaltet , dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein Recht auf eine befristete Teilzeit („Brückenteilzeit“) haben. Für mindestens ein Jahr und höchstens fünf Jahre können Beschäftigte die Arbeitszeit absenken. Nach der beantragten Zeit kehren Beschäftigte auf die arbeitsvertraglich vereinbarte Arbeitszeit zurück. Auch das Entgelttransparenzgesetz bringe die Gleichstellung von Frau und Mann einen großen Schritt voran.

Kai-Uwe Knoth

Edeltraud Glänzer stellvertretende Vorsitzende der IG BCE: "Brückenteilzeit und Entgelttransparenzgesetz sind wichtige Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung."

Ja, man darf über Geld reden!
So ging es in den Diskussionen, Interviews und Workshops der folgenden Stunden vor allem um diese beiden Themen. Marion Hackenthal, Leiterin der Abteilung Frauen/Gleichstellung der IG BCE, und Doris Meissner, Abteilung Mitbestimmung der IG BCE, erklärten, was das Entgelttransparenzgesetz genau regelt, welche Rechte und Chancen es mit sich bringt. Die größte Chance des neuen Gesetzes sei es, dass das Thema in der Gesellschaft sichtbar werde. „Ja, man darf über Geld reden, macht das Thema in euren Unternehmen prominent!“, forderten sie die Zuhörerinnen auf. Anke Heinisch, Betriebsrätin bei BASF Personal Care and Nutrition GmbH in Düsseldorf, und Johanna Kürten, Bereichsbetriebsrätin bei der Covestro Deutschland AG in Leverkusen, betonten: „Teilzeit ist immer noch weiblich!“. Und oft sei nur eine Notlösung, in Teilzeit zu arbeiten. Wichtig sind beiden deshalb Teilzeit-Modelle, um auf Lebensereignisse flexibel reagieren zu können und den Einstieg in eine lebensorientierte Arbeitszeit zu ermöglichen. „Wir empfehlen in unseren Beratungen: Geht befristet in Teilzeit“.

100 Jahre Frauenwahlrecht: komplizierter Entstehungsprozess
Der zweite Tag der Gleichstellungskonferenz stand ganz im Zeichen eines wichtigen Jahrestags: 100 Jahre Frauenwahlrecht werden am 12. November 2018 gefeiert. Um einen Überblick darüber zu geben, wie die Entwicklung in Deutschland vonstatten gegangen ist, referierte die Historikerin Frauke Geyken vom Archiv der deutschen Frauenbewegung zu Kampf und Realität um das Wahlrecht im historischen Kontext. „Die Geschichte ist ein Prozess, der schon rund 100 Jahre vorher begonnen hat“, wusste Geyken. In Deutschland sei dieser komplizierte Prozess aber sehr viel ruhiger vorangeschritten als beispielsweise in England. „Aber auch in Deutschland war man langfristig erfolgreich“. Eine der ersten Frauen, die hierzulande aktiv wurden, war die im Jahr 1819 geborene Schriftstellerin Louise Otto. Die erste Partei, die das gleiche Wahlrecht für alle in das Parteiprogramm aufnahm, war 1891 die SPD. Bei der ersten Wahl am 19. Januar 1919 verzeichnete man eine Wahlbeteiligung der Frauen von 83 Prozent. 300 Frauen hatten sich zur Wahl gestellt, 37 wurden schließlich gewählt.

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    Kai-Uwe Knoth

    50 aktive Frauen aus Betriebsräten sowie der Frauen- und Gleichstellungsarbeit haben die Konferenz besucht, darunter Anke Heinisch, BR-Mitglied BASF Personal Care and Nutritition GmbH ...

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Gleichstellung ist weiterhin kein Selbstläufer
Ein kraftvolles und umfangreiches Grußwort richtete Christine Morgenstern, Leiterin der Abteilung Gleichstellung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, an die Frauen. Sie stellte fest, dass Frauen nach wie vor weniger Gehalt bekommen als Männer und seltener in Führungspositionen anzutreffen seien. 49 Prozent betrage die Einkommenslücke zwischen Frau und Mann im Laufe des Lebens. „Wir streiten weiter dafür, dass wir die tatsächliche Gleichberechtigung erreichen“. Dazu brauche man weiterhin viel Kraft und Energie. Gleichstellung sei kein Selbstläufer, auch wenn es im aktuellen Koalitionsvertrag das umfangreichste Kapitel darstelle. „Das zeigt: Das Thema steht sehr weit oben auf der Agenda“, so Christine Morgenstern. Es gehe „Schrittchen für Schrittchen“ voran. Gleichzeitig warnte sie eindringlich davor, dass einmal erworbene Rechte wieder verloren gehen könnten. „Heute müssen wir stärker und anders kämpfen. Die Errungenschaften unserer Vorkämpferinnen müssen wir bewahren und weiterentwickeln“.

Kai-Uwe Knoth

Hat das Format organisiert: Marion Hackenthal, Abteilungsleiterin Frauen/ Gleichstellung

Betriebsratswahl 2018 – der Anteil der Frauen nimmt weiter zu
Bevor es zum Schluss der Veranstaltung in den weiteren Erfahrungsaustausch ging, richtete Edeltraud Glänzer erneut das Wort an die Anwesenden. Mit etwas über 29 Prozent Frauen in den Betriebsratsgremien sei der Anteil der Frauen auch bei dieser Wahl leicht gestiegen. Er entspricht in etwa dem Anteil der Frauen an der Beschäftigung. „Beim Betriebsratsvorsitz ist noch Luft nach oben“, so Edeltraud Glänzer. Der Anteil der weiblichen Betriebsratsvorsitzenden beträgt ca. 20 Prozent. Mit dem Frauenkolleg, Mentoring Programmen und zahlreichen Veranstaltungen in den Regionen haben viele engagierte Menschen daran mitgewirkt, den Anteil der Frauen im Betriebsrat zu erhöhen. „Nach der Wahl ist vor der Wahl“, sagt Edeltraud Glänzer und fordert die Anwesenden auf, bis zur nächsten Betriebsratswahl noch mehr Frauen zu motivieren und darauf gezielt vorzubereiten, um den Schritt in das Ehrenamt zu gehen.