9. Betriebsräte-Jahrestagung

"We are no robots"

„Guten Morgen, Kollege Roboter!“ – ist das ein utopischer Gruß? Nicht unbedingt: Arbeit 4.0 ist nicht einfach nur von der Digitalisierung, sondern auch vom wachsenden Automatismus geprägt. Ein Thema, das bei der 9. Betriebsräte-Jahrestagung am 12. und 13. Oktober 2016 im hannoverschen Gewerkschaftshaus für Diskussion sorgte.

Nick Neufeld

13.10.2016
  • Von: Marcel Schwarzenberger
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Es gebe längst viele Manufacturing-Bereiche, die mit Robotik zu tun hätten. „Die Themen Industrie und Arbeit 4.0 muss man rechtzeitig angehen“, betonte IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis zum Auftakt der Betriebsräte-Jahrestagung. Und genau das macht die IG BCE, auch mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr - weil die Politik zukunftsfähige Rahmenbedingungen für die Arbeitswelt schaffen muss. Für die konkrete Sacharbeit in den Unternehmen sorgen die Betriebsräte, für die 2018 neue Wahlen angesetzt sind.

Technik und Mensch

Anfang September bejubelte das Magazin Wirtschaftswoche 3D-Drucker, Roboter und vernetzte Maschinen als Boten einer Revolution der industriellen Produktion – zur „Freude des Kunden“ und des Industriestandorts Deutschland. Mehr Skepsis offenbarten die Autoren des Beitrags „Mensch gegen Maschine“ in der zeitgleich erschienenen Ausgabe der Zeitschrift Der Spiegel. Nicht mehr nur in der Werkhalle, auch in der Verwaltung und in Büros werde die Digitalisierung zunehmend qualifizierte Beschäftigte treffen und krisensicher anmutende Jobs gefährden, schrieben sie. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Und das ist der Punkt, an dem Betriebsräte gestaltend eingreifen können – und müssen.

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Kein Experte kann derzeit exakt voraussagen, wie sich die Arbeitswelt in fünf oder 15 Jahren wandelt. Für die Beschäftigten in sämtlichen Branchen der IG BCE – sei es Energie, Bergbau, chemische Industrie sowie Papier-, Keramik- oder Glasindustrie – gebe es entscheidende Fragen. „Verstehen die Unternehmen unter Industrie 4.0 nur Technologien oder auch Investitionen in die Menschen?“, laut Vassiliadis eine entscheidende Frage.

Ständige Umstrukturierungen, um Raum für neue Technologien und Produkte zu schaffen, prägen das Arbeitsleben heute. Das bringt für Beschäftigte neue Arbeitsorganisationen, aber auch neue Belastungen und Probleme durch Arbeitsverdichtung mit sich. Betriebsräte müssen unter anderem ihre klassischen Aufgaben den neuen Bedingungen anpassen. Verlässliche Arbeitszeitmodelle soll es auch in Zeiten geben, in denen Smartphones, Datenbanken und Software zur Entgrenzung von Arbeit regelrecht einladen. „Der Einsatz von Technik darf sich nicht gegen die Beschäftigten richten“, betonte Vassiliadis. „Arbeit 4.0 geht nicht mit einer Betriebsverfassung 2.0“, ergänzte die stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende Edeltraud Glänzer. Die Gewerkschaften wollen unter anderem mit der „Offensive Mitbestimmung“ auch Lücken in der betrieblichen Mitbestimmung schließen, die durch den gegenwärtigen Wandel entstanden sind.

Aufgaben für Betriebsräte

Der demografische Wandel birgt neben anderen auch dieses Problem in sich: den Fachkräftemangel. Darauf müssen Betriebe reagieren. Betriebsräte können hier ansetzen, wie die Arbeitnehmervertreter bei SCA Hygiene Products in Mannheim gezeigt haben. Der Betriebsrat war 2015 für den Deutschen Betriebsrätepreis nominiert, der in diesem Jahr im November erneut vergeben wird. Eine stark energie- und kapitalintensive Branche wie die Papierindustrie stehe durch die Digitalisierung zunehmend unter Druck, berichtete Betriebsrat Uwe Dörzenbach. Bei SCA reagierte man unter anderem mit Schließungen von Produktionsbereichen. Der Betriebsrat setzte sich als Verhandlungspartner auf Augenhöhe mit der Konzernführung direkt auseinander. Man traf Standortvereinbarungen und unterstützte Investitionen in neue Bereiche. Die Idee dahinter: Gut ausgebildete Beschäftigte, die von Umstrukturierungen betroffen waren, sollten – soweit ihren Wünschen entsprechend – innerhalb des Unternehmens neu eingesetzt werden. Auch Altersteilzeit und Abfindungsregelungen wurden vereinbart. Letztendlich bewahrte der Betriebsrat die Belegschaft vor betriebsbedingten Kündigungen in dreistelliger Höhe. Geschafft hat das ein Gremium aus 17 Arbeitnehmervertretern. Nur fünf von ihnen sind als Betriebsrat von ihrem eigentlichen Job freigestellt. Schnelle und gründliche Informierung der Belegschaft sei Teil des Prozesses gewesen, sagte Dörzenbachs Kollegiun Aysel Öktem. „Wir sind auch in die Nachtschichten gegangen.“

Gute Arbeitsbedingungen zu gestalten sei Kollektivarbeit, sagte Stefan Soltmann, der ab November die Abteilung Mitbestimmung der IG BCE leitet. Ob in Fragen der Datensicherheit, der Gesundheit am Arbeitsplatz oder bei der Gestaltung flexibler Arbeitszeiten - gerade bei Letzterem gebe es neben Risiken auch Chancen. „Es gibt Regelungen zu Arbeitszeiten“, betonte Soltmann, allerdings sei mangelnde Kontrolle noch ein anzupackendes Thema. Eine Chance sei hingegen die Entwicklung zu mehr Arbeitszeitsouveränität.

Unterstützung für Betriebsräte, vor allem frisch nach der Wahl, bietet die IG BCE auch mit ihrer Gesellschaft für Bildung, Wissen, Seminar (BWS), die Seminare und Weiterbildungsprogramme organisiert. Geschäftsführerin ist IG-BCE-Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape. Diese Programme würden auch den neuen Möglichkeiten und Notwendigkeiten angepasst, sagte sie. Etwa mit Webseminaren und -videos. Lernen werde immer individueller. „Aber gewerkschaftliche Bildungsarbeit hat auch immer mit gewerkschaftlicher Kultur zu tun.“ Deshalb werde es auch künftig Bildungsveranstaltungen im Kollektiv geben. Vor Ort. Von Mensch zu Mensch.

Denn die sind eben keine Roboter.

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