Bergmännische Kultur

Kumpelkultur

Bergleute prägten die Kultur in den Revieren und darüber hinaus. Das Selbstverständnis der Malocher unter Tage schuf eine einzigartige Vielfalt.

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 Architektur- und Industriedenkmal Eine Kathedrale der Industriekultur: Die Zeche Zollverein in Essen ist heute Architektur- und Industriedenkmal. Seit 2001 gehört sie zum Welterbe der UNESCO.
27.02.2018
  • Von: Sascha Schrader

Mit dem Auslaufen des Steinkohlenbergbaus in Deutschland endet noch lange nicht die bergmännische Kultur in den vom Steinkohlenabbau geprägten Regionen. Das Ruhrgebiet, sprichwörtlich „auf Kohle geboren“, feiert seine von den Kumpeln geprägte Herkunft nicht erst seit der Bewerbung Essens zur Kulturhauptstadt Europas. Eine stellvertretende Bewerbung für alle Städte des Ruhrgebiets übrigens, denn Kulturhauptstadt kann nur eine Stadt werden, nicht eine ganze Region.

Doch was ist das eigentlich? Bergmännische Kultur? Richtig greifbar ist es nicht, aber in den entsprechenden Regionen doch deutlich zu spüren. Ein Stück weit ist es eine besondere Verbundenheit der Menschen, die über Solidarität hinausgeht. Vermutlich begründet in der gemeinsamen Arbeit unter Tage, bei der man sich und sein Leben in die Hände der Kumpel gibt. Dort unten kommt es auf jeden an. Niemand ist unwichtig. Und niemand wichtiger als ein anderer. Trotz aller Hierarchie.

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Stahlwerk und Förderturm Das Saarland hatte bis zur Angliederung an die Bundesrepublik eigene Münzen. Darauf geprägt und damit prägend für die Region: Stahlwerk und Förderturm.

Über Tage wird dieses Verhältnis zum Kumpel weitergelebt. Der Kumpel war und ist oft der Nachbar. Man feiert zusammen, grillt zusammen, geht zusammen ins Stadion. Verbunden über die Arbeit hinaus, in guten wie in schlechten Zeiten. Denn auch wenn es einem Kumpel schlecht geht, stehen die anderen automatisch für ihn ein. Wenn Solidarität von irgendjemanden erfunden wurde, dann war es mit Sicherheit ein Bergmann! Die als Bergbruderschaft 1260 in Goslar gegründete Knappschaft zeugt als älteste Sozialversicherung der Welt von der langen Fürsorgetradition unter Bergleuten. Und deren Familien.

Im Ruhrgebiet ist diese Solidarität besonders spürbar. Auch wenn es die üblichen lokalen Rivalitäten um die jeweiligen Kirchturmspitzen herum gibt, so steht man am Ende doch zusammen. Am liebsten im Stadion. Überhaupt: das Stadion. Im Ruhrgebiet gibt es nichts Wichtigeres als den Fußballverein. Egal ob Schalke 04, in Teilen des Ruhrgebiets auch als „Herne-West“ bekannt, Borussia Dortmund, entsprechend „Lüdenscheid-Nord“ genannt, oder einer der vielen anderen Vereine der Region. Respektiert ist jeder, denn: Am Anfang fast jedes Vereins stand das Bergwerk. Die Kumpel trafen sich „nach Schicht“ zum Fußball. Spielen und schauen.

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Unter Tage Kumpel und Fußball gehören zusammen: Die „Knappen“ des Schalke 04 sind regelmäßig unter Tage zu Gast.
Respekt ist auch so ein Wort, das Bergleute mit viel Leben füllen. Respekt für den anderen Menschen, egal, wo er herkommt und was seine Gründe sind, hier zu sein. Und so respektiert man auch alles, was die Menschen mitbringen. Traditionen und Glauben, Speisen und Meinungen. Ein vielfältiger Mix, der zusammen eine einzigartige Kultur hervorbringt. Bodenständig und ehrlich.

Das schlägt sich auch in der Sprache nieder. Die Bergmannssprache ist zwar oft derb, aber präzise. Missverständnisse sind unter Tage fehl am Platz. Und sie ist längst mehr als eine sogenannte berufsgruppenspezifische Fachsprache. Viele Begriffe haben ihren Weg in die Alltags- und Umgangssprache gefunden: „Vor Ort“ etwa meint eigentlich die Stelle, wo Kohle abgebaut wird. „Nach Schicht“ ist gleichbedeutend mit „Feierabend haben“. „Schicht im Schacht“ ist daher folgerichtig das Ende eines Betriebs, weil auf einer Zeche im Schachtbetrieb niemals Feierabend ist. Die Fördermaschine muss laufen.

Das ist die andere Seite. Die vorgeblich dreckige, stinkende Seite. Die sich nicht am Menschen orientierende Seite. Die Industrie. Genauer: die Montanindustrie. Überall, wo im großen Maßstab Steinkohle abgebaut wurde, siedelte sie sich an.

Doch auch diese Seite hat viel Kultur mitgebracht. Die größte Zeche der Welt, Zollverein, ist gleichzeitig eine Kathedrale der Industriekultur. Fast jedes Bergwerk im Ruhrgebiet und an der Saar war kein bloßes Industriegebäude, die Zechen waren in den Regionen die architektonischen Ikonen ihrer Zeit. Und so stehen sie heute zu Recht oft unter Denkmalschutz.

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Recklinghausen Das Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen.
Die Kultur lebt dabei oft in ihnen weiter. Sie dienen als Kulturzentren — oder als Kulisse für die Ruhrfestspiele. Dieses in bester bergmännischer Tradition begonnene Theaterfestival ist mittlerweile eines der größten und renommiertesten in Europa. Zurück geht es auf die Hilfe der Bergleute der Zeche König Ludwig. Im kalten Winter 1947 versorgten sie das Deutsche Schauspielhaus und die Hamburgische Staatsoper unter Umgehung der Besatzungsmächte mit Kohle. Zum Dank gastierten im darauf folgenden Sommer die Hamburger Staatsbühnen in Recklinghausen. Kumpel und Kultur, das gehört eben doch eng zusammen.

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