Was Schwerbehindertenvertretungen bewirken können

Auch mit Handicaps geht's weiter

960 Schwerbehindertenvertretungen (SBV) im Bereich der IG BCE fördern unter anderem die (Wieder-)Eingliederung von Menschen mit Handicaps in den Betrieb. So wie die SBV von 3M.

Markus J. Feger

Nach einem Schlaganfall mit Anfang 40 änderte sich das Leben von Frank Lüdemann brutal.
30.08.2017
  • Von: Hans Nakielski
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Mit Anfang 40 änderte sich das Leben von Frank Lüdemann, damals Gabelstaplerfahrer bei 3M in Hilden, brutal: "Es begann mit einem unheimlichen Kribbeln im Fuß", berichtet er. "Dann war ich weg". 17 Tage lag er im Koma. Als er wieder zu sich kam, konnte er nicht sprechen, gehen oder selbstständig essen. Nach einem Schlaganfall war er fast vollständig gelähmt.

Doch die Wochen und Monate in der Klinik, der stationären Reha und der Therapien zu Hause brachten Fortschritte: Inzwischen kann sich der mittlerweile 49-Jährige wieder bewegen. Nur das Gehen und Stehen macht ihm noch Probleme – und manchmal auch das Halten des Gleichgewichts.

18 Monate war Lüdemann nach seinem Schlaganfall "raus", wie er sagt. Er wurde als schwerbehindert anerkannt. Die Rentenversicherung bot ihm die Erwerbsminderungsrente an. "Das wären aber nur rund 1.000 Euro gewesen", berichtet er. "Ich habe doch eine Frau und zwei Kinder!" Und: "Ich bin ein Kämpfertyp. Ich wollte wieder arbeiten".

Bei 3M in Hilden haben sich damals alle Verantwortlichen zusammen mit der Schwerbehindertenvertretung getroffen und überlegt, was getan werden kann. Die Lösung: Frank Lüdemann bekam einen Job im Büro. Nun kümmert er sich um Zertifikate für Produkte des Multitechnologieunternehmens, das in Hilden unter anderem reflektierende Folien für Schilder und Befestigungssysteme für Autos herstellt.

Die SBV hat dafür gesorgt, dass er auch einen Behindertenparkplatz direkt am Werkseingang und einen speziellen orthopädischen Schreibtischstuhl bekam. Außerdem sorgte sie für ein Fahrrad mit drei Rädern und einer Lastenkiste. Damit kann Lüdemann die weiten Wege in den Produktionshallen und auf dem Betriebsgelände leicht und sicher bewältigen.

Markus J. Feger

Die SBV hat dafür gesorgt, dass Frank Lüdemann die weiten Wege in den Produktionshallen und auf dem Betriebsgelände leicht und sicher bewältigen kann.

"Wir wissen ganz gut, mit welchen Hilfen wir Schwerbehinderte unterstützen können und wo wir sie herbekommen", erklärt Daniel Ubber. Der 59-Jährige ist Schwerbehindertenvertreter im Werk Hilden, wo es derzeit 82 schwerbehinderte und ihnen gleichgestellte Menschen gibt. Zugleich ist Ubber auch Betriebsrat und Gesamtschwerbehindertenvertreter der 3M Deutschland GmbH. In den acht Werken gibt es derzeit 304 Schwerbehinderte.

"Die Gesamt-SBV wird aktiv, wenn es etwa um Betriebsvereinbarungen geht", berichtet Ubber. "Gerade handeln wir eine neue ‚Inklusionsvereinbarung‘ aus. Sie wird die bisherige ‚Integrationsvereinbarung‘ ablösen." Darin steht zum Beispiel: "Behinderte Bewerber erhalten bei gleicher Qualifikation die gleichen Chancen wie Nichtbehinderte, einen Ausbildungsplatz bei 3M zu erhalten."

"Wir haben ihn genommen, weil er gut war"

Profitiert hat davon Steffen Roeloffs (23). Er ist hochgradig hörgeschädigt. "Ohne Geräte bin ich quasi taub", erzählt er. Ein "Cochlea-Implantat" verhilft ihm zum Hören. Nach seinem technischen Abitur hatte sich Roeloffs 2015 bei 3M um eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik beworben. Seine Schwerbehinderung hatte er offen angesprochen. Er konnte sich gegen etliche nicht-behinderte Bewerber durchsetzen. "Wir haben ihn genommen, weil er gut war", erzählt Ausbildungsleiter Rainer Krüger. Gerade hat der 23-Jährige seine Ausbildung im Betrieb abgeschlossen. Jetzt bringt er sein duales Studium der Elektrotechnik zu Ende und jobbt parallel weiter als Werkstudent bei 3M.

Daniel Ubber, der als Diabetiker selbst schwerbehindert ist, dringt darauf, dass noch mehr Behinderte eingestellt werden: "Das Einstellungsverfahren läuft nicht so, wie ich mir das wünschen würde", sagt er. "Ich weiß oft nicht, ob bei den Bewerbern Schwerbehinderte dabei sind", bemängelt er. Das soll sich ändern.

Für seine Arbeit als Schwerbehindertenvertreter hat Ubber nun endlich mehr Zeit. Bisher musste er – trotz seiner Tätigkeit für die Schwerbehinderten in Hilden und im Gesamtunternehmen – noch 30 Prozent regulär arbeiten. Anfang 2017 trat eine Gesetzesänderung in Kraft. Danach muss eine Vertrauensperson für Schwerbehinderte freigestellt werden, wenn der Betrieb mindestens 100 (vorher: 200) schwerbehinderte Menschen hat. Bei 3M in Hilden sind es zwar nur 82. "Aber ich habe deutlich gemacht, dass meine bisherige 70-Prozent-Freistellung nicht reicht."

Seit Mai gibt es deshalb für ihn die 100-Prozent-Freistellung. "Darum habe ich ein halbes Jahr gekämpft und zwischendurch habe ich mich selbst freigestellt, aber den Arbeitgeber zuvor immer informiert", berichtet Ubber mit ein wenig Stolz.

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