Europäische Industriepolitik 2020

Chancenreicher Innovationsmotor Nanotechnologie

Ihre Dimensionen sind winzig, ihr Potential dagegen riesig: Nanomaterialien bieten bisher nicht ausgeschöpfte Entwicklungsmöglichkeiten für die europäische Forschung und Entwicklung. Sie bieten zahlreiche Chancen etwa in der Medizin, der industriellen Produktion und in Energiefragen. Mehr als 100 Akteure aus Unternehmen, nationalen Verbänden, Bundesministerien und Europäischer Kommission kamen im Europäischen Haus in Berlin zusammen, um den Dialog zu verstärken.

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Nanotechnologie
10.04.2014
  • Von: Susanne Schneider-Kettelför

"Nanomaterialien sind nicht so unerforscht, wie oft angenommen", sagte Otto Linher, stellvertretender Abteilungsleiter in der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission in Brüssel. Linher befasst sich seit vielen Jahren mit der europäischen Gesetzgebung zur Nanotechnologie: "Seit 20 Jahren gibt es auf diesem Gebiet gezielte Untersuchungen. Es gibt Testmethoden, die zur Risikobewertung herangezogen werden können und es steht fest, dass Nanomaterialien keine grundsätzliche Tendenz haben, für Menschen und Umwelt gefährlich zu sein."

Aktuell finde seitens der Europäischen Kommission die zweite Überprüfung der Rechtsvorschriften zu Nanomaterialien statt, so Otto Linher. Die europäische Chemikalienverordnung REACH werde als bestmöglicher Rahmen für das Risikomanagement von Nanomaterialien angesehen, wenn sie als Stoffe oder Gemische auftreten. Doch es brauche eine Überarbeitung der REACH-Anhänge, Verbesserungen bei den Sicherheitsdatenblättern in der Praxis und Leitlinien für den Arbeitsschutz. Es blieben Informationslücken.

Martin Müller vom Öko-Institut in Freiberg antwortete auf die Frage nach der Nachhaltigkeit der Werkstoffe, dass Materialien und Werkstoffe existieren würden, die für die geforderte Funktionalität und über den gesamten Lebenszyklus betrachtet zu einer Umweltentlastung und mehr Lebensqualität führen und ökonomisch tragfähig sind. Müller schlug vor, bei der Entwicklung eines Stoffes einen Nano-Nachhaltigkeits-Check einzuführen, mit dem die Stärken und Schwächen sowie der Chancen und Risiken analysiert werden sollten. Als aktuelle positive Anwendungsbeispiele beschrieb Müller den von der BASF entwickelten Erhärtungsbeschleuniger für Beton X-Seed und das elektrisch dimmbare Glas von EControl-Glas.

Susanne Schneider-Kettelför

Nanotechnologie Panel 9.4.14 Nur im Dialog können die Chancen der Nanotechnologie verbessert werden - darin waren sich die Vertreter der verschiedenen Institutionen einig.
Iris Wolf, IG-BCE-Bereichsleiterin für Forschung, Innovation und Technologie, unterstrich, dass die Unternehmen und die Politik den diffusen Ängsten vor Risiken von Innovationstechnologien mit einem offenen Dialog und mit verantwortlichem Handeln beim Arbeitsschutz begegnen müssten - auf der Grundlage solider wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nur so könne die Nanotechnologie als echte Chance für Entwicklungen etabliert werden. In Zukunft müsse die Gesellschaft das Potential dieses Innovationsmotors sehen. Etwa 40 Prozent des Umsatzes mit Nanotechnologie entfallen laut Wolf auf Unternehmen der Chemieindustrie. Es gehe um den Aufbau, die Gestaltung und die Sicherung von Zukunftsarbeitsplätzen in Europa. Die Nanotechnologie sei dabei ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Dass das Thema Nanotechnologie viele Aspekte hat, machte die anschließende Diskussion deutlich. So stellte sich für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin die Frage, ob bei der Sicherheitsforschung tatsächlich die Partikelgröße und somit die Nanomaterialien der richtige Fokus seien. Ein anderer Aspekt ist etwa die Registrierung von Nanomaterialien. Ein Vertreter der Autoindustrie forderte ein vereinfachtes Nanoregister, während der Bundesverband der Verbraucherzentrale für gleich zwei Register plädierte: eines für die Behörden zur Risikoabschätzung und eines für die Verbraucher mit verständlichen, verwertbaren Information.

Aus der mittelständischen Industrie regte sich energischer Widerstand: Mit weiteren bürokratischen Auflagen werde den Unternehmen die Luft für Innovationen genommen. Fortschritte wie die Nanotechnologie dürften nicht stigmatisiert werden, betonte der Vertreter eines Chemiekonzerns; Europa brauche dringend ein neues innovatives Technologiezentrum. Auch für Otto Linher von der Europäischen Kommission ist klar: „Es muss in Europa darum gehen, wirklich die Innovationen zum Marktprodukt zu entwickeln. In diesem Punkt liegen wir noch weit hinter der USA.“

Die Akzeptanz der Nanotechnologie in der Bevölkerung war ein großer Diskussionspunkt. Verbraucher wollen Informationen, nicht Bestandsaufnahmen, lautete der Tenor. Ein Problem sei, dass die Nanotechnologie in den Medien nur auf den Wissenschaftsseiten und somit weit entfernt von der Lebenswelt der Verbraucher auftauche. Die "Verbraucher Initiative" etwa fordert von den Unternehmen, transparenter zu ihren Produkten zu kommunizieren – schließlich würde umgekehrt immer gefordert, dass der Nutzen der Nanotechnologie in der Öffentlichkeit stärker betont werden solle. Die Organisation einer guten Kommunikation sei eines der aktuell wichtigsten Themen.

Otto Linher stimmte dem zu: „In der öffentlichen Diskussion muss vor allem die Frage beantwortet werden, wie Nanomaterialien einzuschätzen sind. Allein die Informationen, in welchen Produkten Nanomaterialien enthalten sind, riskiert Verunsicherung von Konsumenten, und ist nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen."

Der Gebrauchswert muss klar werden, bekräftigte Iris Wolf, auch die Unternehmen der chemischen Industrie müssten stärker daran arbeiten – so wie etwa die BASF mit ihrem Nano-Dialog.

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