Nachhaltigkeitsinitiative Chemie hoch 3

Für eine gute Zukunft

Den Begriff “Nachhaltigkeit” mit Leben zu füllen - darum ging es bei einer Tagung der Initiative Chemie3 am 4. November in Berlin. “Lieferkettenmanagement, Transparenz, Ressourceneffizienz - Nachhaltigkeit in der Praxis” war der Titel der Veranstaltung, zu der rund 150 Teilnehmer kamen. Ein Schwerpunkt: die Erwartungen der jungen Generation.

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Chemikantin
05.11.2015
  • Von: Wolfgang Lenders

"Ich und meine Kollegen müssen verstehen, warum Nachhaltigkeit für die ganze Branche wichtig ist." Diese Forderung stellte Maximilian Höß, Vorsitzender der Jugendauszubildendenvertretung bei Roche Diagnostic, an die Versammelten. "Die Mitarbeiter wissen am besten: Wo kann man Dinge einsparen, wo optimieren." Eine Anregung, die IG-BCE-Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape gerne mitnahm. 16 junge Experten aus Verbänden, Wissenschaft, Politik und Unternehmen der chemischen Industrie hatten am Tag zuvor Erwartungen und Ideen zum Thema Nachhaltigkeit diskutiert; vier von ihnen trugen die Ergebnisse bei der Tagung vor.

Die Initiative Chemie3 ist weltweit einmalig, weil die drei Organisationen Verband der Chemischen Industrie (VCI), Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und IG BCE gemeinsam an der Umsetzung des Konzepts der Nachhaltigkeit arbeiten. Die Initiative müsse die Prinzipien in die Unternehmen hineinbringen, aber auch in der öffentlichen Debatte deutlich machen, dass sich die Chemie um das Thema kümmere, sagte Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des BAVC.

Utz Tillman, Hauptgeschäftsführer des VCI, setzt auf die Menschen in den Betrieben. Nachhaltigkeit könne nicht vom Management verordnet werden. "Jeder muss an seinem Platz Eigeninitiative entwickeln und Verantwortung übernehmen." Als bedeutendste Aufgabe der Gewerkschaft in dem Prozess nannte Petra Reinbold-Knape, das Augenmerk auf die Arbeitswelt zu richten.

Nachhaltigkeit hat nach dem Konzept der Initiative Chemie3 drei Dimensionen: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Die Dimensionen sind gleichwertig und lassen sich nicht isoliert voneinander betrachten. Nur wenn die Beteiligten sie alle beachten, handeln sie nachhaltig. Die Akzeptanz der Partner, dass sich die drei Dimensionen - und damit auch die soziale - gleichwertig bedingen, bezeichnete Reinbold-Knape als unschätzbaren Erfolg.

Die erste Herausforderung an die Initiative ist es, Nachhaltigkeit messbar zu machen. So hatte ein Workshop das Thema "Soziale Nachhaltigkeit messen". In diesem Bereich ist es schwer, exakte Kriterien zu definieren; aber es ist notwendig. "Wenn Menschen nicht wahrgenommen werden, werden sie sich an der Innovationsfähigkeit eines Unternehmens nicht beteiligen", sagte etwa Martin von Broock, Vorsitzender des Wittenbach-Zentrums für Globale Ethik.

Klar ist: Jetzt wird festgelegt, was das Handeln in der chemischen Industrie in Zukunft bestimmen wird. Deshalb ist es für die IG BCE so wichtig, dass sich ihre Forderungen, wie die Arbeitswelt aussehen soll, in den Kriterien wiederfinden. Das betrifft zum Beispiel den Bereich Ausbildung, aber auch die Weiterbildung während des Berufslebens. Und auch die Bezahlung. “Prekäre Beschäftigung ist nicht nachhaltig”, sagte Petra Reinbold-Knape während der Veranstaltung. Kurzum, die gesamte Situation am Arbeitsplatz.  Die Chemie-Sozialpartner BAVC und die IG BCE haben gemeinsam mit der Chemie-Stiftung Sozialpartner-Akademie das Projekt "Fortschritsindikatoren sozialer Nachhaltigkeit" auf den Weg gebracht.

Professor Dennis Lotter von der Europa Fachhochschule Fresenius entwickelt mit seinem Team Nachhaltigkeitsindikatoren für die Initiative. Er nannte vier Gütekriterien, die sie erfüllen müssen: Vollständigkeit, Wesentlichkeit, Transparenz und Messbarkeit. Das heißt, die Kriterien, die zur Messung der Nachhaltigkeit einmal herangezogen werden, müssen das gesamte Geschehen korrekt und nachvollziehbar erfassen. "Die Kennzahlen müssen erhebbar sein, sie müssen aussagen, was sie aussagen sollen", sagte Lotter.

Nachhaltigkeit darf nicht am Werkstor aufhören. Doch wie können Unternehmen sicherstellen, dass auch Zulieferer nachhaltig wirtschaften? Mit diesem Thema beschäftigte sich der Workshop "Nachhaltige Lieferketten gestalten". Die 2001 ins Leben gerufene Initiative "Together for Sustainability" beschäftigt sich damit, wie sich Nachhaltigkeit bei den Lieferanten messen lässt - und wie sich deren Handeln verbessern lässt. Als sehr wichtig sahen es die Teilnehmer etwa an, die Zulieferer nicht nur zu bestimmten Praktiken zu verpflichten, sondern auch die Ziele des Programms an sie zu kommunizieren. Es gehe darum, den Firmen zu helfen, die Vorgaben zu erreichen. Wenn ein Unternehmen allerdings überhaupt kein Verständnis zeige, müsse man auch bereit sein, die Geschäfte mit ihm abzubrechen.

Anlässlich der Tagung legte die Initiative Chemie3 ihren ersten Fortschrittsbericht vor. Dargestellt sind Aktivitäten und erste Resultate seit dem Start im Mai 2013. So steht zum Beispiel seit Oktober ein Nachhaltigkeits-Check für Mitgliedsunternehmen bereit. Der Bericht beschreibt auch, wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll. Wichtigstes Ziel: Bis 2017 sollen neue Fortschrittsindikatoren zur Nachhaltigkeit ausgearbeitet sein.

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