Betriebsreportage Hahl Pedex

Die Vielfalt der Faser

Hahl Filaments in Munderkingen versorgt die Industrie mit Kunststofffasern für die unterschiedlichsten Produkte: von Zahnbürsten über Airbags bis hin zu Putzmaschinen.

Carsten Büll

Die Herstellung der Filamente, wie die Kunststofffasern auch genannt werden, geschieht in wenigen Sekunden. Die Herstellung der Filamente, wie die Kunststofffasern auch genannt werden, geschieht in wenigen Sekunden: Blitzschnell formt der Extruder, ein schneckenhausartiger Fleischwolf, aus den angesaugten, winzig kleinen und meist weißen Kunststoffteilchen dünne Fasern. 
01.07.2012
  • Von: Axel Stefan Sonntag

Wenn Sie sich die Frage stellen, wo überall Borsten zum Einsatz kommen, denken die meisten wohl erst einmal an Bürste und Handfeger. Diese  Segmente überlässt der Kunststofffaserhersteller Hahl Filaments in Munderkingen in der Region Ulm seit sechs Jahren beruhigt den Asiaten. In Schwaben konzentriert man sich stattdessen auf die Anwendungsbereiche, in denen sich Kunststofffasern rentabler vermarkten lassen.

Beispielsweise in Form von Borsten zur Metall- und Steinbearbeitung, etwa zum Schleifen von Marmorsteinen, als Fasern für die Automobilindustrie oder technische Borsten, wie sie etwa die Druckindustrie benötigt. Die Rohstoffe sind immer die gleichen: Polymere. Die kleinen Kunststoffgranulate von BASF, Evonik, Exxon oder Eastman Chemicals füllen fünf Silos auf dem Werkgelände. Hinzu kommen palettenweise Spezialpolymere im Rohstofflager. 

Die Herstellung der Filamente, wie die Kunststofffasern auch genannt werden, geschieht in wenigen Sekunden: Blitzschnell formt der Extruder, ein schneckenhausartiger Fleischwolf, aus den angesaugten, winzig kleinen und meist weißen Kunststoffteilchen dünne Fasern. Zusätzlich werden unter der enormen Hitze des Extruders Stabilisatoren und, gegebenenfalls, bunte Farben hinzugefügt. Das anschließende Wasserbad kühlt die Fasern ab, bevor sie in mehreren Durchgängen wechselweise gespannt und getrocknet werden. So werden die Filamente stabil, elastisch und bekommen Zugkraft.
Möglich ist auch, ihnen Eigenschaften wie UV-Beständigkeit und elektrische Leitfähigkeit zu geben – je nachdem, was die Auftraggeber fordern. 

Am Ende der 50 Meter langen Produktionsstraße kommen die ersten Mitarbeiter zum Einsatz. Sie sind vor allem dafür verantwortlich, die Qualität der Fasern zu prüfen. Ob diese beispielsweise tatsächlich die vom Kunden gewünschte Spannung aufweisen, misst Kunststoffformgeber Philipp Schweikert. "Der Kunde darf beim Abwickeln der teilweise bis auf 240.000 Meter aufgespulten Einzelfasern keine Probleme haben", sagt der 23-Jährige. 

Carsten Büll

Laborantin Inge Münch überprüft die Filamente auf ihre Reißfestigkeit. Laborantin Inge Münch überprüft die Filamente auf ihre Reißfestigkeit.
Laborantin Inge Münch prüft die Filamente auf ihre Reißfestigkeit. Dazu spannt sie die einzelnen Fasern zwischen zwei Klötze und setzt sie hoher Zugkraft aus. Ist der vorgegebene Wert erfüllt, gibt sie den Kollegen vom Versand grünes Licht. Kompromisse sind für Schweikert und Münch keine Option: Schließlich fertigen Automobilhersteller aus den Filamenten Sicherheitsgurte und Airbags. Auf die muss absolut Verlass sein. 

Im Zuge der Krise 2009 fehlten massiv Aufträge. "Wir hatten einen Einbruch von 70 Prozent", erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Reinhard Eppensteiner. Die Mitarbeiter bauten ihre Zeit- und Urlaubszeitkonten ab, kamen aber um fast zwölf Monate Kurzarbeit nicht herum. Trotzdem habe das Unternehmen keine Kündigungen ausgesprochen. Eine Strategie, die sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat: "Im Januar 2010 waren die Auftragsbücher von heute auf morgen wieder prall gefüllt. Hätten wir Leute entlassen, hätten wir das Ergebnis von 2010 nie erreicht." 

Geholfen habe auch, dass die Mitarbeiter alle Produktionsschritte beherrschten und flexibel und überall einsetzbar seien, und dass der jetzige Eigentümer ein Werk in Tschechien zugunsten des Standorts Munderkingen geschlossen habe. "Wir machen denselben Preis bei besserer Qualität", sagt Eppensteiner. Kein Wunder, dass Hahl jetzt an der Kapazitätsgrenze arbeitet. "Wir sind räumlich so eingeengt, dass wir jeden Zentimeter Platz nutzen", sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Norbert Schuh. "Man müsste ein ganz neues Werk aus dem Boden stampfen. Aber das überlegen sich unsere Anteilseigner sehr genau."

Carsten Büll

Die Fasern von Hahl werden in Form von Borsten zur Metall- und Steinbearbeitung benötigt. Die Fasern von Hahl werden in Form von Borsten zur Metall- und Steinbearbeitung, etwa zum Schleifen von Marmorsteinen, als Fasern für die Automobilindustrie oder technische Borsten, wie sie etwa die Druckindustrie benötigt.
Bereits viermal in zehn Jahren wurde der einstige Familienbetrieb verkauft. Das fordert Flexibilität von allen Beteiligten: "Zuletzt ist die Geschäftsführung an uns herangetreten und hat auf Umsetzung der Öffnungsklauseln im Chemietarifvertrag gepocht, um eine Million Euro einzusparen", sagt IGBCE-Sekretär Frank Plückelmann. Man ließ sich darauf ein, aber nicht ohne Gegenleistung: eine 450-Euro-Einmalzahlung für IG-BCE-Mitglieder.

Mehr über das Unternehmen

Nach oben