Schichtarbeit

Kaffee hilft durch die Nacht

Schichtarbeit belastet den Körper, die Familie und Freundschaften. Aber sie hat auch Vorteile – wenn Belegschaft und Geschäftsführung diese gemeinsam regeln. Jörg Nickel etwa schätzt unterschiedliche Schichten pro Woche. Denn so, sagt er, sieht er seine Kinder öfter.

Carsten Büll

Jörg Nickel arbeitet gern drei verschiedene Schichten in der Woche.
26.02.2013
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"Find mal ein Mädel, das Schichtarbeit gut findet, wenn sie selbst keine Schichtarbeit hat." – "Soziale Kontakte schwinden, Risiken wie Depressionen nehmen zu." – die Nutzer der IG-BCE-Facebook-Seite lassen an (ihrer) Schichtarbeit kein gutes Haar. Und doch ist der Wirtschaftsstandort Deutschland auf Arbeitnehmer wie sie angewiesen. Denn rund 16 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisten regelmäßigen Schichtdienst.

Auch Jörg Nickel, der als Maschinenführer bei Saint-Gobain Isover G+H im Werk Speyer die Rund-um-die-Uhr-Produktion von Mineralwolle-Dämmstoffen steuert. Mal früh, mal spät, mal nachts – drei verschiedene Schichten innerhalb einer Woche sind für ihn keine Seltenheit. Trotzdem zieht er diese Arbeitszeitorganisation festen wöchentlichen Schichten vor: "Der Körper gewöhnt sich so an keinen starren Schichtrhythmus, das macht die Umstellung von Nacht- auf Frühschicht leichter", sagt er. Genauso sieht es die Mehrheit seiner rund 120 Kollegen – deshalb haben Betriebsrat und Geschäftsleitung vor knapp zehn Jahren die bis dato vorherrschenden, wöchentlich gleichen Schichten abgeschafft.

Einem Familienvater wie Nickel ist das nur recht: "Sonst hätte ich bei einer Woche Spätschicht kaum etwas von meinen zwei Kindern". Überhaupt zeigen sich Arbeitnehmervertretung und Betrieb stark engagiert, die Schichtarbeit im Sinne von Mitarbeiter und Gesundheit zu gestalten. Beispiel Nachtarbeit: Damit die Arbeiter zwischen 22 Uhr und 6 Uhr weniger gegen ihr natürliches Schlafbedürfnis ankämpfen müssen, experimentierte Saint-Gobain Isover G+H mit höheren Beleuchtungsstärken.

Das Ziel: Symbolisiertes Tageslicht soll den Bio-Rhythmus der Mitarbeiter austricksen und gefürchtete Müdigkeitsattacken deutlich reduzieren. Denn die bekämpft Nachtschichtler Nickel bislang noch klassisch – mit Kaffee. Trotz des 1-Cent-Sozial-Tee-Angebotes, von dem der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Yves Geiger berichtet. Sein Ziel, damit den nächtlichen Koffeinkonsum im Sinne der Gesundheit zu reduzieren, muss er bei Jörg Nickel aber noch forcieren. "Wer nachts arbeitet, ist und bleibt eben eine Kaffeetante", sagt der gelernte Verfahrensmechaniker und lacht. Mit den im Schnitt alle zehn Tage wiederkehrenden Nachtschichten hat er wenig Probleme. Natürlich auch deshalb, weil seine Familie davon finanziell profitiert. Aber: "Gäbe es die Zuschläge nicht mehr, wüsste ich nicht, warum ich nachts noch arbeiten sollte."

Die Steuervergünstigung betrachtet er daher als "gerechten Ausgleich". Betriebsrat Geiger sieht das ähnlich, jedoch: "Geld alleine kann die gesundheitlichen Risiken dauerhafter Nachtarbeit nicht aufwiegen", sagt er und erzählt von einem Schichtspringer, der nicht viel älter war als der erst 31-jährige Nickel.

Der Körper des anderen Kollegen hat aber so früh seine Belastungsgrenzen gezeigt, dass dieser seinen Arbeitsplatz in die reine Tagschicht verlagern musste. Die wohl größte Herausforderung für viele Schichtarbeiter: das Privatleben und die sozialen Kontakte. "Wenn man die dritte Verabredung hat sausen lassen, weil die Arbeit ruft, machen das die, die von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten, nicht lange mit." und "Bei mir sind schon so einige Freundschaften flöten gegangen, weil ich nicht jedes Wochenende frei habe.", klagen Schichtarbeiter in Internetforen.

Jörg Nickel drückt es anders aus: "Als Schichtarbeiter lernt man schnell, was es heißt, oberflächliche Bekanntschaften von echten Freundschaften zu unterscheiden." Seine wahren Freunde richten sich nach seinen Schichtplänen – und nehmen bei der Planung privater Feiern ebenso wie seine Frau Nadja darauf Rücksicht. "Klar ist es schade, wenn mein Mann nur einmal im Monat ein Wochenende komplett frei hat. Aber wir haben uns bestmöglich damit arrangiert, gehen beispielsweise während der Woche gemeinsam ins Fitnessstudio."

Ihr Privatleben haben die beiden so organisiert, dass das Zusammensein der Familie im Vordergrund steht – etwa beim gemeinsamen Mittagessen. Mit Rücksichtnahme auf den Schichtplan findet es erst gegen 14 Uhr statt. Selbst dann, wenn anzunehmen wäre, dass Jörg nach geleisteter Nachtschicht und nachgeholtem Schlaf eher Lust auf ein Frühstück hätte. Er aber steckt zurück und isst mit den anderen: "Es geht doch nichts darüber, gemeinsam mit der Familie an einem Tisch zu sitzen."

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