Ein Tag mit der Werkfeuerwehr

Nah am Alarm

Ständige Alarmbereitschaft und 24-Stunden-Schichten: Der Traumberuf Feuerwehrmann geht auf die Knochen. Doch wie läuft ein Tag bei der Werkfeuerwehr eigentlich ab? Ein Ortsbesuch bei Henkel in Düsseldorf.

Christian Burkert

Wachabteiliungsleiter Ferdinand Seyfert beim Antreten der Besatzung in der Wache der Werkfeuerwehr Henkel. Um sieben Uhr morgens geht die Wachschicht los: Wachabteiliungsleiter Ferdinand Seyfert beim Antreten der Besatzung in der Wache der Werkfeuerwehr Henkel.
24.06.2013

Im Ernstfall haben sie drei Minuten. Drei Minuten von Alarmierung bis zum Einsatz vor Ort. Da muss jeder parat stehen, wissen, was er tut, die Ausrüstung griffbereit haben.

Feuerwehrmann Adolf Senk legt seine klobigen Stiefel und den schwer entflammbaren Anzug neben dem roten Einsatzfahrzeug, so dass er bei Alarm nur noch hineinspringen muss. In der anderen Fahrzeughalle öffnet Matthias Gießmann, ganz in Weiß, die Tür zum Rettungswagen, prüft den Defibrillator, der neben der Liege an der Wand hängt, und sieht nach, ob die Sauerstoffflasche für die Beatmung voll ist.

Sein Kollege Thomas Hilgers nimmt alle Spritzen und Medikamente aus dem Schränkchen und kontrolliert das Haltbarkeitsdatum. Alles vollständig und in Topzustand. Wache II der Werkfeuerwehr Henkel Düsseldorf ist bereit für einen 24-Stunden-Tag.

  • Wachabteiliungsleiter Ferdinand Seyfert beim Antreten der Besatzung in der Wache der Werkfeuerwehr Henkel.
    Foto: 

    Christian Burkert

    Um sieben Uhr morgens geht die Wachschicht los: Wachabteiliungsleiter Ferdinand Seyfert beim Antreten der Besatzung in der Wache der Werkfeuerwehr Henkel.

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Um sieben Uhr morgens geht die Wachschicht los, alle treten an zur Wachablösung. Zwei Wachmannschaften mit insgesamt 90 Mitarbeitern gibt es, die immer abwechselnd für die knapp 400 Gebäude in dem Industriegebiet verantwortlich sind. Firmen wie Henkel, BASF und Emery haben hier ihren Standort. "Das sind hochsensible Anlagen“, erklärt Adolf Senk, "das ist was anderes, als wenn draußen irgendwo eine Garage brennt.“

Deshalb haben sie als gesetzlich angeordnete Werkfeuerwehr auch so scharfe Regeln wie jene, in drei Minuten vor Ort zu sein. „Im Gegensatz zur Berufsfeuerwehr müssen wir uns auch finanziell rechnen“, sagt Senk. Die Arbeitszeit ist ausgefüllt mit den unterschiedlichsten Dienstleistungen wie die Pflege und Wartung der Feuerlöscher, aber auch internen Schulungen.    

Früher gab es nur reine 24-Stunden-Dienste, mittlerweile sind diese für die meisten der Belegschaft von Tagdiensten durchsetzt, in denen sie sich ohne Alarmbereitschaft solchen Aufgaben widmen können. Ihr Dienst endet dann zweimal Monat am Nachmittag.

Einer derjenigen, die heute Tagdienst haben, ist Sebastian Gilbert, Rettungssanitäter und Sachkundiger für Feuerlöscherprüfungen. Gerade wuchtet er in der Werkstatt einen Feuerlöscher in eine Maschine, die das restliche Pulver aussaugt, siebt und die richtig dosierte Menge wieder einfüllt. Seine Muskeln spannen sich, als er den geprüften Löscher verschließt und auf die Waage stellt: 17 Kilo. "Das ist schon körperlich anspruchsvoll“, sagt der 23-Jährige, "man muss sich viel bücken und Sachen heben.“

Christian Burkert

 Werkfeuerwehrmann Sebastian Gilbert überprüft die betrieblichen Feuerlöscher. Alles in Ordnung: Werkfeuerwehrmann Sebastian Gilbert (23), Rettungssanitäter und Sachkundiger für Feuerlöscherprüfungen, überprüft die betrieblichen Feuerlöscher. 
Der klassische Traumberuf geht in die Knochen: Alarmierungen Nachts, schwere Arbeiten, anstrengende Einsätze in voller Ausrüstung, dazu die Rettungsdiensteinsätze. Kein Wunder, dass Beamte der Berufsfeuerwehr gewöhnlich mit Anfang 60 in den Vorruhestand gehen, die meisten sind einfach nicht mehr einsatzfähig. Nur: die Werkfeuerwehrmänner müssen bis 67 arbeiten oder hohe Rentenabschläge hinnehmen. Und das, obwohl sie meist mehr 24-Stunden-Schichten arbeiten. 

Dazu kommt die Gesundheitsprüfung, der "Astronautentest“. Alle drei Jahre, ab einem Alter von 50 sogar jedes Jahr, müssen sie eine Prüfung, etwa von Augen, Gehör, Lunge und Ausdauer über sich ergehen lassen. Wer die nicht besteht, hat drei Monate Zeit, sich zu verbessern, sonst kann er im ungünstigstem Fall an irgendeine Stelle im Betrieb versetzt werden, mit entsprechenden Gehaltsverlusten. „Über diese Sachen verhandeln wir gerade in der Arbeitsgruppe “Werkfeuerwehr“ der IGBCE", sagt Senk, "und zwar mit Wirtschaft und Politik. Wir sind guter Dinge, dass wir das hinkriegen.“ Er ist auch Mitglied der Arbeitsgruppe Sport, die bei der Werkfeuerwehr darauf hingearbeitet hat, einen neuen Fitnessraum einzurichten und zweimal jährlich individuelle Trainingspläne für Mitarbeiter erstellen zu lassen.

Vor dem Gesundheitstest haben Thomas Hilgers und Matthias Gießmann keine Angst. Hilgers ist Ende 40, Gießmann Anfang 20, beide schlank und sportlich. "Man weiß ja, was auf einen zukommt“, sagt Hilgers, der mit Gießmann gerade den Rettungswagen samt  Geräten desinfiziert hat. "Die meisten, die anfangen, sind durch den Sporttest sowieso  fit“, fügt Gießmann hinzu.


Christian Burkert

Matthias Mausbach (20) bei der Überdrucklüfterprüfung. Unterdessen überprüft Matthias Mausbach die Überdrucklüfter.
Dieser Test steht schon am Beginn der 2009 eingerichteten dreijährigen Ausbildung zum Werkfeuerwehrmann. Gießmann erfuhr während des Abiturs von der neuen, schnelleren Ausbildung. "An die Arbeitszeiten musste ich mich erst gewöhnen, das schlaucht schon mal“, erzählt er, "aber dafür ist es besser als im Büro, und die Stimmung ist gut.“ 

Hilgers genießt den freien Tag nach jeder 24-Stunden-Schicht, auch wenn er Weihnachten oder Silvester arbeitet. “Geburtstage feiert meine Familie nach Dienstplan“, sagt er. Aber er weiß, dass der Beruf mit den Jahren härter wird: „Wenn ich mit 60 in den vierten Stock renne mit dem Beatmungsgerät“, sagt er scherzhaft, „dann brauche ich womöglich selbst die Beatmung.“

Heute ist jedoch eine ruhige Schicht. Ein Teil der Mannschaft fixiert auf einer Baustelle eine gelöste Plane, Gilbert repariert eine undichte Löschanlage. Senk sitzt vor seinen sechs Bildschirmen in der Redundanzleitstelle, wo zum Beispiel Gefahrenabwehrpläne erstellt, zur Not aber auch alle Aufgaben der Leitstelle übernommen werden können.

Chistian Burkert

Gemeinsam zu Tisch: Die Werkfeuerwehrmänner beim Abendessen im Pausenraum auf der Feuerwache. Gemeinsam zu Tisch: Die Werkfeuerwehrmänner beim Abendessen im Pausenraum auf der Feuerwache.
Hinter der Wagenhalle röhren Motoren der Pumpen und Entraucher, die gerade getestet werden. Ein paar Meter weiter simuliert ein junger Kollege für eine Schulung einen Flüssigkeitsbrand, den ein Kollege in Schutzkleidung mit dem Feuerlöscher schnell bezwingt. Gefahren einschätzen, den Umgang mit ihnen und der entsprechenden Schutzausrüstung üben, schafft Sicherheit. Trotzdem weiß man nie genau, was einen erwartet.  

Je eher man reagiert, desto besser. Deshalb nimmt die Feuerwehr nicht nur ihren Löschwagen mit zur Kantine, sondern hat auch immer den Melder griffbereit. So liegt Gießmanns Pieper selbst im Sportraum keine drei Meter entfernt von ihm auf einer Hantelbank, während er nach der Arbeit seine Fitness trainiert.

Im Ruheraum, wohin er sich nach dem Abendessen mit den Kollegen zurück zieht, muss er sich darum allerdings keine Gedanken machen. Fast könnte man den Raum für ein normales Mehrbettzimmmer, etwa einer Jugendherberge, halten. Doch zwei kleine Kästen an Wand und Decke haben es in sich: Das eine ist der Alarmgong, das andere das Alarmlicht. Wer hier lange arbeitet, hat die Feinheiten verinnerlicht. Erst knackt es, dann geht das Licht an, dann die Alarmdurchsage. "Meine Familie weiß schon, dass sie nachts kein Licht machen soll“, sagt Senk und lacht, "sonst bin ich schlagartig hellwach.“

Christian Burkert

Matthias Gießmann macht sein Bett im Schlafraum der Feuerwache. Fertig für die Nachtruhe: Nach dem Abendessen macht Matthias Gießmann, der heute 24-Stunden-Schicht hat, sein Bett im Schlafraum der Feuerwache. 

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