Fake News

Alles Lüge!

Fake News sind in aller Munde. Dabei sind Falschmeldungen nicht Neues. Doch dank des Internets verbreiten sie sich schneller als je zuvor. Stellt sich die Frage: Warum?

Sergey Nivens/Fotolia

Fake News sind in aller Munde.
30.01.2017
  • Von: Dirk Kirchberg
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Als am 15. Januar 2009 ein Airbus A320 plötzlich zur Notlandung auf dem Hudson-Fluss mitten in New York ansetzte, ahnte noch niemand, welche Auswirkungen dieses Ereignis auf die Art haben würde, wie wir heute Nachrichten wahrnehmen.

Das Foto vom US-Airways-Flug 1549 und der Textschnipsel „Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf einer Fähre, die versucht, Leute aufzusammeln. Verrückt.“ wurden zu einer Sternstunde für den Kurznachrichtendienst Twitter. Denn noch vor den sonst so schnellen klassischen Medien war es in diesem Fall ein Nutzer, der die Nachricht von der geglückten Notwasserung in die Welt trug.

Fake News sind nicht nur ein Medienproblem.

Sprung ins Jahr 2016: Der Unternehmer Donald Trump bewirbt sich um die US-Präsidentschaft und nutzt zum Verbreiten seiner Botschaften gern soziale Medien wie Twitter, Facebook und Instagram. Nicht selten umgeht er auf diese Weise unangenehme Fragen der etablierten Nachrichtenredaktionen. Und verbreitet selbst Falschnachrichten, heute als „Fake News“ in aller Munde. Das tat er aber auch schon vor Jahren, als er behauptete, US-Präsident Barack Obama wäre nicht in den USA geboren worden und zudem auch noch Muslim. Im Wahlkampf dann behauptete Trump, ein Demonstrant, der versucht hatte, während einer seiner Reden auf die Bühne zu stürmen, hätte Verbindungen zur Terrororganisation „Islamischer Staat“. In einer Poltiktalkshow darauf angesprochen, dass es keinerlei Beweise für seine Behauptung gibt, antwortet Trump lapidar: „Was weiß ich schon darüber?“

Während des Wahlkampfes publizieren Websites, die sich den Anschein geben, ebenfalls zu den klassischen Medien zu gehören, rund um Trumps haltlose Behauptungen weitere Fake News über Missstände und Skandale im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Und siehe da – Trump gewinnt die Wahlen, obwohl nahezu alle Meinungsumfragen klar seine Konkurrentin Hillary Clinton vorne sahen. Trump selbst führte seinen Sieg auf seine starke Social-Media-Präsenz zurück. Ob Fake News seinem Wahlerfolg zuträglich waren, wird wohl nicht abschließend geklärt werden können. Denn in die Köpfe der Wähler schauen – das können selbst die besten Umfrageprofis nicht. Es gibt aber Indizien: Eine Analyse des Medienunternehmens Buzzfeed zeigte, dass Fake News in den letzten drei Monaten vor der Wahl deutlich häufiger geteilt und kommentiert wurden als echte Nachrichten. Welche Fake News landete auf Platz 1? „Papst Franziskus unterstützt Donald Trump.“

Die gefälschten Nachrichten ließen die politische Debatte in den USA entgleisen. Und sie verunsicherten und spalteten die Bevölkerung. Stehen wir in Deutschland nun vor einer ähnlichen Veränderung?

Dafür muss erst einmal geklärt werden, was unter Fake News genau zu verstehen ist. Der Spiegel-Redakteur Fabian Reinbold kommt zu einem deutlichen Urteil: „Wir sollten von Fake News reden, wenn Falschinformationen absichtlich gestreut werden – und dabei so komponiert werden, dass sie Funktionslogiken sozialer Netzwerke ausnutzen.“ Soll heißen: Da sich diese falschen Informationen wie ein Virus über das Netz verbreiten sollen, setzen sie auf Reflexe wie Empörung und gefühlte Wahrheit und auf Reizthemen wie Migranten und Flüchtlinge, Kinder und Missbrauch, Krieg und Frieden.

Lorraine Boogich/Getty Images

Spaltet die Nation: US-Präsident Donald Trump.

Wichtig ist, dass nicht Meldungen gemeint sind, die sich aufgrund fortschreitender Recherche später als falsch herausstellen, wie es in vielen Fällen von Terroranschlägen passiert. Denn da scheinen die Medien besonders kurzatmig von „Breaking News“ zu „Breaking News“ zu hecheln, weil sie sich anscheinend in einem ständigen Alarmzustand befinden. Eine besonders zynische Sicht auf Nachrichten lautet: „If it bleeds, it leads.“ Wenn es also schön blutig ist, wird es zum Aufmacher. Und da man in jüngster Zeit vermehrt das Gefühl hat, es würde eigentlich immer gerade irgendwo knallen, müssen die eh schon schlechten Nachrichten noch eine Spur schlechter und schneller werden. Hauptsache, die Aufmerksamkeit der Nutzer widmet sich nicht einem anderen Kanal. Alles live und möglichst nah dran bitte. „Nachrichten sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist“, schreibt der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli. Ein kurzes Hoch, das am besten direkt ins nächste Hoch mündet.

Früher wurden TV-Sendungen im Falle eines besonders schwerwiegenden Vorfalls unterbrochen, es wurde kurz der Stand verlesen mit dem Hinweis, dass man sich wieder melden würde, sobald es etwas Neues – was in diesem Falle überprüfte Fakten meinte – zu berichten gäbe. Heute dagegen gibt es eine halbe Stunde nach dem Vorfall bereits dreiviertelstündige Sondersendungen, die sich dadurch auszeichnen, dass Moderatoren den geringen Nachrichtenstand wieder und wieder vortragen und Spekulationen mit dem Satz „Ich will ja nicht spekulieren, aber ...“ einleiten. So scheinen Medien heute zu funktionieren – und wohl auch viele Nutzer. Denn in diesem Fall gilt tatsächlich das, was sonst Neoliberale gern über „den Markt“ sagen – die Nachfrage regelt das Angebot. Und wir, die Nutzer, konsumieren. Wir schalten nicht ab, wir bleiben auf Empfang. Und dann teilen und senden wir selbst, auf Twitter, auf Facebook und auf all den anderen Plattformen.

"Fake News sind absichtlich gestreute Falschinformationen." Fabian Reinbold, Spiegel-Redakteur

Halten wir fest: Breaking News sind Nachrichten, die sich entwickeln und sich ändern können, teils drastisch. Und Fake News sind Meldungen, die entweder aus politischem Interesse als Propaganda eingesetzt werden oder aus geschäftlichem Interesse als Honigfalle – denn mit Beiträgen, die sich rasant im Netz verbreiten, lassen sich hohe Werbeeinnahmen erzielen. So erwirtschafteten zwei Brüder aus Georgien bis zu 6000 US-Dollar mit Werbung, die sie auf ihren mit Falschmeldungen vollgepackten Webseiten platziert hatten. Einer der Macher, Beqa Latsabidze sagte der New York Times: „Für mich geht‘s nur ums Geld.“

Das Problem mit den Fake News ist also nicht nur ein Medienproblem, sondern vor allem ein Menschenproblem. Denn wir als Gesellschaft bestimmen, was wir lesen – und was wir online teilen. Wir treiben dabei in einem nicht endenden Strom aus Nachrichten. „Ich wollte die Nachrichten verfolgen“, schrieb der Heidelberger Lyriker Bruno Ziegler schon 2007, „jetzt verfolgen sie mich.“

Selbst die skeptischsten Internetnutzer sind sicherlich schon mal einer falschen Meldung auf den Leim gegangen. Den Machern der Webseite „Der Postillon“ gelingt das laufend. Der Unterschied ist aber, dass der Postillon Satire ist – durchaus nicht immer auf einen Blick erkennbar. Man muss genauer hinsehen. Auf einer Erklärseite schreiben die Macher: „Alles, was im Postillon steht, ist Satire und somit dreist zusammengelogen. Alle auftauchenden Charaktere sind fiktional, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Das sollte eigentlich offensichtlich sein, obwohl zahlreiche Kommentare darauf hinweisen, dass vieles hier für bare Münze genommen wird.“

Fake News sind vor allem ein Menschenproblem

Wenn Nutzer auf den ersten Blick oder zweiten Klick nicht erkennen können, wer hinter einer Meldung steht und welche Absicht der oder die Macher verfolgen, ist das oftmals durchaus gewollt. Über Monate verbreitete etwa die Website der vermeintlichen Tageszeitung „Denver Guardian“ Meldungen, die erhebliche Empörung in den sozialen Netzwerken auslösten. Häufig fragten Nutzer, warum andere Medien diese Informationen verheimlichten. Und gaben sich oft selbst eine Antwort, nämlich dass es sich um eine große Verschwörung der Politik und der Medien handeln müsse. Dabei war die richtige Antwort auf die Frage profaner. Die real existierende Zeitung „Denver Post“ berichtete, dass es keine Zeitung namens „Denver Guardian“ gibt. Aber es gab einen Betreiber, der seiner Webseite den Anschein gab, eine seriöse Quelle zu sein – und er verdiente mit der auf der Webseite platzierten Werbung Zehntausende US-Dollar. Pro Monat. Je absurder die Schlagzeile, desto mehr Klicks. Eine einfache Rechnung zulasten der Gesellschaft.

Dabei sind Fake News nichts Neues. Schon lange vor dem Internet hatten manche Verleger begriffen, dass man mit Neugier und Neid viel Geld verdienen kann, als sie Klatschmagazine gründeten, die bis zum heutigen Tage die wildesten und meist frei erfundenen Geschichten auftischen. Diese Magazine, die von Mutmaßungen rund um Liebe, Hass, Eifersucht, Ruhm und Reichtum leben, verkaufen sich nach wie vor sehr erfolgreich. Aber auch seriöse Medien wollen ihr Stück vom Quotenkuchen. Neu sei, dass Fake News demokratisiert worden seien, sagt etwa der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller: „Der Weg von Falschmeldungen an die Öffentlichkeit führt nun nicht mehr zwangsläufig über Journalisten.“ Es sei prinzipiell jedem möglich, Fake News zu veröffentlichen und ein entsprechendes Publikum zu finden.

 Wenn statt der finanziellen Motivation eine politische zugrunde liegt, werden Fake News nochmals gefährlicher. Denn dann sollen die Nutzer nicht nur angelockt und mit ihrer Präsenz Geld verdient werden, sondern sie sollen empört und auf diesem Wege animiert werden, die vermeintlichen Informationen zu teilen und weiterzuleiten – und so den Boden zu bereiten für Veränderungen, die in einer gut informierten Gesellschaft sonst vermutlich nicht umsetzbar wären. Politisch Radikale aller Geschmacksrichtungen haben Fake News als modernes Instrument für ihre Absichten entdeckt. Denn schneller als über Social Media lassen sich Falschmeldungen nicht verbreiten.
Ob von rechts außen oder links außen – Fake News sind und bleiben Propaganda. Auch deutsche Politiker und Gewerkschaften müssen sich mittlerweile häufig mit absichtlichen Falschmeldungen auseinandersetzen. Je nachdem, welches Lager gerade aktiv ist, wird etwa Gewerkschaften abwechselnd vorgeworfen, sie würden Neonazis oder Linksradikale unterstützen.

"Populisten versuchen aus der Verunsicherung vieler Menschen politisch Kapital zu schlagen." Michael Vassiliadis, IG-BCE-Vorsitzender

Beide Vorwürfe sind absurd und schnell als Propaganda entlarvt, vergiften aber die Stimmung und damit auch die demokratische Debatte. Dann trauen sich Menschen plötzlich gegenseitig das Schlimmste zu.

Als etwa eine Grünen-Politikerin laut der Webseite des „Mosel Kurier“ Anfang Dezember um Verständnis für den ausländischen Mörder einer Freiburger Studentin warb, brach ein Sturm der Empörung im Netz los. Das Problem an der Meldung: Es gab weder die Politikerin noch das Zitat – und schon gar nicht den „Mosel Kurier“. Der Macher der Website, Christian Brandes, wollte die Medienkompetenz der Leser steigern, die nach dem Klick auf eine Überschrift darüber informiert wurden, dass die Meldung rein erfunden war. Das gelang aber nicht. Denn laut einer Studie der Columbia University teilen sechs von zehn Lesern Artikel, ohne diese vorher gelesen zu haben. So blieb die Aufklärung vermutlich meist auf der Strecke.

Selbst in einer so aufgeklärten Gesellschaft wie der unsrigen im 21. Jahrhundert gibt es nämlich viele Menschen, die alles glauben, was sie lesen. Vielleicht keine Überraschung, schließlich leben wir in einer Zeit, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich attestierte, in der gefühlte Wahrheiten leider wichtiger sind als Fakten. Und gerade im Internet ist es sehr leicht, sich in einer Blase zu verlieren, in der einem nur noch Dinge präsentiert werden, die den eigenen Interessen und Überzeugungen entsprechen. So werden die kritischen Stimmen immer weniger, bis sie irgendwann komplett verschwinden. Wenn dann noch absichtliche und politisch motivierte Falschmeldungen dazukommen, schließt sich das Weltbild.

„Populisten versuchen aus der Verunsicherung vieler Menschen politisch Kapital zu schlagen“, erklärte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis im Vorfeld der diesjährigen Bundestagswahl. „Das widerspricht unserer Vorstellung von demokratischer Kultur und rationaler Auseinandersetzung in der Sache.“

Nicht gleich auf Verbote setzen

Vielleicht müssen wir wieder skeptischer werden, nicht gleich der ersten Schlagzeile glauben: Wir müssen hinterfragen: Wer tischt uns da warum was auf? Und wir müssen wieder gelassener werden. Verbote, wie sie manche Politiker jetzt wieder reflexartig fordern, bringen wenig bis nichts im World Wide Web. „Bei Inhalten, die nicht klar illegal sind, sollten wir vorsichtig sein“, sagt der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland. „Das kann zu einer Art Zensur werden und auf die falsche Weise genutzt werden.“ Man müsse aufpassen, weil es da auch um Meinungsfreiheit gehe, so Jagland weiter.

Nun scheint selbst Facebook verstanden zu haben, dass man gegen Fake News vorgehen muss, auch wenn in Deutschland erst die Bundesregierung mit Bußgeldern drohen musste, wenn die Firma nicht entschieden gegen Verleumdungen und andere strafbare Inhalte auf der Plattform vorgeht. Das soziale Netzwerk versucht nun gemeinsam mit dem Recherchebüro Correctiv, Fake News als solche zu kennzeichnen und einen direkten Faktencheck anzubieten. Für David Schraven, den Correctiv-Geschäftsführer, sind Fake News „schon jetzt eine der großen Bedrohungen unserer Gesellschaft“. Er befürchtet, dass diese Bedrohungen in den kommenden Monaten noch massiver werden. „Aus diesem Grund sind wir entschlossen, so viel wie möglich zu tun, um Fake News zu bekämpfen“, erklärte Schraven, „unsere Demokratie darf nicht von Lügen und Lügnern missbraucht werden.“

Die bittere Wahrheit fasst der Journalist und Netzexperte Sascha Lobo so zusammen: „Fake News konnten nur durch eine Glaubwürdigkeitskrise der klassischen Nachrichten und Medien selbst zum übergroßen Problem werden.“ Dabei brauchen wir seriöse, vertrauenswürdige Medien, die nicht der nächsten möglichst saftigen Schlagzeile hinterherjagen, sondern Informationen überprüfen und einordnen; und sich dafür auch die nötige Zeit nehmen.

Als der US-Journalist Tom Brokaw 2012 auf die Veränderung der Berichterstattung durch soziale Medien angesprochen wurde, sagte er: „Wenn die Menschen abends die Nachrichten einschalten, wissen sie längst, was passiert ist. Sie wollen wissen, was es bedeutet.“

Heute müsste man wohl noch hinzufügen: Und sie wollen wissen, ob es überhaupt stimmt.

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