Vertrauensleute

"Wir müssen das Ruder mit in die Hand nehmen"

Nasenpolitik, ungleiche Bezahlung und Behinderung der Betriebsratswahl: Die IG BCE baut beim Fotofinisher ORWO Net in Wolfen Vertrauensleutestrukturen auf und will in den kommenden Wochen Tarifverhandlungen starten.

Felix Abraham

ORWO-Net-Betriebsratsvorsitzender Lars Hönig und Betriebsrätin Elisa Höbold. Können auf breite Unterstützuing bauen: Betriebsratsvorsitzender Lars Hönig und Betriebsrätin Elisa Höbold.
25.09.2013
  • Von: Susanne Schneider-Kettelför

„Als wir im Mai auf einem Seminar die Vertrauensleute gewählt haben, war klar, dass wir sie nicht öffentlich machen würden“, sagt Elisa Höbold, Produktionsmitarbeiterin und Betriebsrätin beim Fotofinisher ORWO Net GmbH in Wolfen mit rund 300 Beschäftigten: „Dafür sind die Konflikte rund um die Betriebsratswahl noch zu präsent und zu stark. Nur wir fünf Betriebsräte sind der Geschäftsführung auch als Vertrauensleute bekannt.“

Im November 2012 hatten bei ORWO Net erstmals Betriebsratswahlen stattgefunden, nachdem sich Beschäftigte mit der Bitte um Unterstützung an die IG BCE gewandt hatten. Die Kandidaten der IG BCE erreichten die Mehrheit im Betriebsrat, obwohl die Geschäftsführung im Vorfeld alles daran setzte, gewerkschaftlichen Einfluss im Unternehmen zu verhindern und sogar so weit ging, einem der Akteure der Betriebsratswahlen eine fristlose Kündigung ins Haus zu schicken. „Waghalsige Behauptungen wurden in dem Schreiben aufgestellt“, sagt Elisa Höbold. „Das Arbeitsgericht hat zwar die Kündigung einkassiert und für wirkungslos erklärt. Das Beispiel zeigt aber, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen hatten.“

"In kurzer Zeit haben wir viele Mitglieder geworben und denen gesagt, dass wir das Ruder mit in die Hand nehmen müssen, wenn wir etwas ändern wollen", sagt Betriebsratsvorsitzender Lars Hönig. "Unser Arbeitgeber betreibt eine Art Nasenpolitik im Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen und bei den Löhnen. Es ist schleierhaft, warum manche Kolleginnen und Kollegen viel, manche weniger verdienen. Früher wurden häufig am Freitag Sonderschichten für Samstag beordert. Es war klar, dass wir eine Interessenvertretung brauchen."

In Betrieben wie ORWO Net muss die gewerkschaftliche Stärke  weiter ausgebaut werden. Das steht für Erhard Koppitz, IG-BCE-Bezirksleiter in Halle-Magdeburg, fest. Der Schlüssel sind dabei für ihn die Vertrauensleute: „Gerade in den Unternehmen kleiner und mittlerer Größenordnung erleben wir häufig Konflikte mit den Geschäftsführungen, wenn wir mit dem Vorhaben von Betriebsratswahlen erstmals in ein Unternehmen gehen. Es gibt Gewohnheiten in den Unternehmen, bisher lief alles ohne Mitbestimmung. Die Arbeitgeber sind meist nicht erfreut, wenn sie plötzlich mit gewerkschaftlichen Forderungen und einer Interessenvertretung umgehen müssen. Dann ist es wichtig, schnell gewerkschaftliche Strukturen aufzubauen, die über Mitgliederversammlungen und den Betriebsrat hinausgehen.“

Bei ORWO Net will die  IG BCE in den kommenden Wochen nun Verhandlungen für einen Haustarifvertrag aufnehmen. Eine Tarifkommission unter Vorsitz von Bezirksleiter Erhard Koppitz ist gebildet, die Forderungen sollen in Kürze dem Arbeitgeber vorgelegt werden. „Eine unserer zentralen Forderungen wird die nach einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde für alle Beschäftigten sein", sagt Erhard Koppitz. "Darüber hinaus wollen wir in einem Manteltarifvertrag auch die Arbeitsbedingungen regeln.“

Für eine funktionierende Kommunikation zwischen der IG-BCE-Tarifkommission und den Beschäftigten ist mit den Vertrauensleute gesorgt, auch wenn nur die Betriebsräte unter ihnen öffentlich bekannt sind. Betriebsratsvorsitzender Lars Hönig: „Die Kolleginnen und Kollegen dürfen bei uns nicht ohne weiteres von einem Bereich des Unternehmens in einen anderen gehen." Das erschwere die Kommunikation, aber sie funktioniere dennoch, so Hönig. "Wir haben unsere Vertrauensleute gut über den Betrieb verteilt.“

Vertrauensleuteprojekt in kleinen und mittleren Unternehmen
Die IG BCE Halle-Magdeburg und das Qualifizierungsförderwerk Chemie haben Anfang 2013 ein Projekt gestartet, das gezielt den Aufbau von Vertrauensleutekörpern in kleinen und mittleren Unternehmen bis 500 Beschäftigten (KMU) vorantreibt und aus dem Investitionsfonds der IG BCE gefördert wird. Die Vertrauensleute sind Botschafter für die IG BCE im Betrieb, werben Mitglieder und sind potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten für den Betriebsrat. Sie werden im Rahmen des Projektes besonders geschult. Der IG-BCE-Bezirk Halle-Magdeburg schildert in einem Film unterhaltsam Erfahrungen rund um Betriebsratswahlen in kleinen und mittleren Unternehmen.

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