Schwerbehinderung im Betrieb

Den Alltag erleichtern

Mit einer Behinderung im Betrieb ist es oft nicht einfach. Umso besser, dass es Betriebsräte und Vertrauensleute gibt, die sich für Beschäftigte mit Handicap einsetzen. Oftmals reichen kleine Veränderungen im Unternehmen oder Arbeitsablauf, um ihnen den Alltag zu erleichtern.

Nico Herzog

Arno Fischer, Betriebsrat bei Noelle+von Campe. Betriebsratsvorsitzender Arno Fischer ist erst seit drei Jahren im Betrieb, genießt aber das volle Vertrauen der Belegschaft. Rund 90 Prozent der Beschäftigten sind IG-BCE-Mitglieder.
07.10.2014
  • Von: Désirée Binder

Das Werksgelände des Behälterglasunternehmens Noelle+von Campe zieht sich zwei Kilometer durch den kleinen Ort Boffzen in Niedersachsen. Damit die Beschäftigten alles gut erreichen, stehen ihnen Fahrräder zur Verfügung. Arno Fischer, Betriebsratsvorsitzender im Unternehmen, ist heute aber zu Fuß unterwegs. Die Bewegung macht ihm nichts aus, nur beim Treppensteigen hat er Probleme. „Das machen die Gelenke einfach nicht mehr so gut mit“, sagt er. Der 53-Jährige leidet seit mehreren Jahren an einer rheumatischen Erkrankung.

Er ist einer von 15 schwerbehinderten der insgesamt 450 Mitarbeitern bei Noelle+von Campe und setzt sich für die Belange der Beschäftigten ein. „Das Unternehmen hat eine lange Tradition, nächstes Jahr feiern wir 150-jähriges Bestehen“, erzählt Arno Fischer. „Diese Tradition ist auch bei den Kollegen verankert. Deshalb setzen wir gemeinsam mit der Geschäftsleitung Projekte um, damit auch unsere schwerbehinderten Kollegen lange im Betrieb arbeiten können.“

Eines dieser Projekte ist eine neue Werkbank in der Formwerkstatt. „Die Arbeit in einem Glasbetrieb ist oft schwer und belastend“, sagt Arno Fischer. Deshalb wird für einen Kollegen eine höhenverstellbare Werkbank eingebaut, damit er die Werkzeuge ohne Probleme benutzen kann. Auch eine Stehhilfe wird zur Verfügung gestellt.

Auf seinem Weg durch den Betrieb wird der Betriebsratsvorsitzende an jeder Ecke begrüßt. Er ist erst seit drei Jahren im Unternehmen, aber hat schon das volle Vertrauen der Beschäftigten. „Ich war selbst etwas überrascht, als ich zum Vorsitzenden gewählt wurde“, sagt er. Jetzt schaut er, was vor allem für die schwerbehinderten Kollegen verbessert werden kann. „Viele schwerbehinderte haben schon bei Bewerbungen schlechtere Karten, dabei habe ich es so oft erlebt, dass gerade schwerbehinderte viel motivierter an die Arbeit gehen als die anderen Kollegen“, sagt Arno Fischer. „Das liegt einfach auch daran, dass viele es nicht als selbstverständlich ansehen, einen Arbeitsplatz zu haben.“

Nico Herzog

Pauline Tissen Pauline Tissen macht ihre Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin. Von ihrer Behinderung lässt sie sich dabei nicht beeinträchtigen.

Auch Pauline Tissen hat ihren Arbeitsplatz in der Glasfabrik. Die 20-Jährige macht bei Noelle+von Campe ihre Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin. Sie ist hörgeschädigt und seit diesem Jahr im Betrieb. Bevor sie sich für die Ausbildung beworben hat, hat sie hier ein Praktikum gemacht. Da das gut klappte, hat die Abteilung beschlossen, Pauline hier auszubilden. Das ging aber nicht ganz ohne Umstellung. „Damit ich alles verstehe, müssen meine Kollegen laut und deutlich sprechen“, erzählt Pauline. „Am besten ist, sie schauen mich an, dann kann ich von den Lippen ablesen.“ Anweisungen einfach durch den Raum rufen, geht nicht.

Ihr Arbeitsplatz musste für Pauline aber nicht extra angepasst werden. „Nur eine Sache fehlt auf meinem Schreibtisch“, sagt sie. „Ich habe kein Telefon. Telefonieren klappt nicht so gut. Aber ich kann ja alles per Mail erledigen.“ Was vielleicht noch für Pauline eingebaut wird, ist ein optisches Signal für den Feueralarm. „Aber erst mal probieren wir morgen aus, ob ich ihn nicht doch hören kann“, erzählt die 20-Jährige. Beeinträchtigen lässt sich Pauline von ihrem Gehör nicht und den anderen Azubis steht sie in nichts nach. „Gerade mache ich meine Grundlagenkurse für die 3-D-Programme am Computer.“ Im Januar hat sie ihren letzten Kurs dazu und dann darf sie endlich ihre ersten eigenen Gläser designen. „Bis jetzt habe ich Stöpsel berechnet. Die sind sehr wichtig, weil mit ihnen getestet wird, ob Gläser dicht sind oder nicht.“ Am 3-D-Drucker hat sie den Prototypen schon gedruckt. „Er passt perfekt“, freut sie sich. „Deshalb wird er in vier Wochen produziert und in der Produktion eingesetzt.“

Nico Herzog

Walter Heuse Walter Heuse ist seit 40 Jahren im Betrieb und sagt: "Was ich aus gesundheitlichen Gründen nicht kann, dort helfen mir meine Kollegen."

In der Produktion der Glashütte ist es sehr heiß und laut. Ohne Sicherheitsschuhe, Helm und Gehörschutz darf sich hier kein Beschäftigter aufhalten. Weil Arno Fischer seine Ausrüstung nicht mit dabei hat, nimmt er einen kleinen Umweg und besucht heute noch seine Kollegen in der Warenannahme. Das kleine Büro teilen sich Walter Heuse und Wolfgang Meyer. Beide sind schwerbehindert.

Walter Heuse arbeitet fünf Stunden am Tag, macht Laborfahrten, besorgt Material und hilft in der Warenannahme. Seit seinem Bandscheibenvorfall und einigen Operationen ist er zu 70 Prozent berufsunfähig. „Deshalb hab ich hier im Büro einen extra Stuhl für meinen Rücken“, sagt er. Auch bei seinem Lieferwagen durfte er mit aussuchen. „Ich bin ja zusätzlich noch sehr groß, da hab ich mir einen ausgesucht, in den ich auch gut reinpasse“, sagt der 59-Jährige und lacht. Seit 40 Jahren ist er jetzt schon im Betrieb und für ihn ist klar: „Was ich aus gesundheitlichen Gründen nicht kann, dort helfen mir meine Kollegen.“ Hat er grade nicht so viel zum Ausliefern, hilft er seinem Kollegen Wolfgang Meyer in der Warenannahme.

Nico Herzog

Wolfgang Meyer Der Schwerbehindertenvertreter Wolfgang Meyer lässt sich bei der nächsten Wahl nicht mehr aufstellen: "Das Zepter soll jetzt jemand Jüngeres übernehmen."

Der ist Vertrauensmann für die Schwerbehinderten und hat bei einem Unfall sein Bein verloren. Was genau passiert ist, behält er lieber für sich. „Damals habe ich hier noch als Dreher gearbeitet“, sagt der 59-Jährige. Die Maschine wurde dann extra für ihn angepasst, ein Hebekran und eine Hebebühne wurden installiert. Seit 38 Jahren ist er im Betrieb, 25 davon war er Betriebsrat. „Jetzt mache ich noch den Bürokram. In die Produktion will ich jetzt auch nicht mehr zurück“, sagt er. „Das ist mit der Zeit ja noch viel anstrengender.“ Seine Pläne für sein Berufsleben sind jetzt auch schon überschaubar. „Ein Jahr hab ich noch vor mir, dann gehe ich in Altersrente für Schwerbehinderte und in drei Jahren dann richtig in Rente.“ Bei der Schwerbehindertenvertreterwahl im Oktober lässt er sich nicht mehr aufstellen. „Das Zepter soll jetzt jemand Jüngeres übernehmen.“

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