Arbeiten mit Behinderung

Alle zusammen

Schwerbehinderung ist für viele Menschen Teil ihres Lebens. Und ihrer Arbeit - wenn sie dabei unterstützt werden. Doch die Industrie bietet viel zu wenig Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung.

Carsten Büll

Voll im Leben: Klaus Rheingans mit seinen Kollegen der Chemischen Fabrik in Budenheim. Voll im Leben: Klaus Rheingans mit seinen Kollegen der Chemischen Fabrik in Budenheim.
01.07.2013
  • Von: Alexander Nortrup

Die Frau im Rollstuhl hat gut zu tun: Morgens trifft sie den Botschafter der USA, dann geht es zu einem Ausbildungszentrum für Forstwirte, schließlich am Nachmittag zur Einweihung eines neuen Blockheizkraftwerkes für eine Mercedes- Benz-Fabrik in Wörth. An manchen Tagen hat sie ein halbes Dutzend solcher Ortstermine, dazu leitet sie Kabinettssitzungen und nimmt aufmerksam an den Debatten im Mainzer Landtag teil.

Kaum Zeit zum Durchatmen also für Malu Dreyer, seit Januar 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Skeptiker unkten vor ihrer Wahl, sie könne das Amt gar nicht ausüben. Schließlich ist Dreyer chronisch krank, sie leidet unter Multipler Sklerose (MS), einer Erkrankung des zentralen Nervensystems. Vor sieben Jahren hat sie das in einer Pressekonferenz öffentlich gemacht. Die Krankheit kommt in Schüben, hat viele Ausprägungen. Manche Betroffene haben Hör- oder Sehprobleme, andere verlieren die Kontrolle über ihre Körperbewegungen. Malu Dreyer hat unter anderem Schmerzen beim Gehen, Spaziergänge werden für sie zum Kraftakt, regelmäßig nutzt sie einen Rollstuhl.

Thomas Frey/picture-alliance/dpa

Sie ist chronisch krank - und regiert ein Land: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Sie ist chronisch krank - und regiert ein Land: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).
Doch die SPD-Politikerin absolviert ihren anspruchsvollen Job mit Bravour. Sie regiert als Schwerbehinderte ein Land. "Die multiple Sklerose gehört zu meinem Leben, aber sie hat nichts mit meiner politischen Arbeit zu tun", sagt die 51-Jährige. Auf ihre Krankheit reduziert zu werden, ist für sie das Schlimmste.

Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert. Sie können nicht sehen, kaum hören, ihre Arme und Beine gehorchen ihnen nicht, sie sind schwer depressiv, haben Diabetes oder chronisches Rheuma. Schwerbehinderung ist vielfältig, wer sie auf Rollstuhlfahrer reduziert, irrt. Gesetzlich ist Deutschland bereits sehr weit darin, schwerbehinderten Menschen auch beruflich die gleichen Chancen wie gesunden Menschen einzuräumen.

Die Bundesrepublik hat die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung als erstes Land umgesetzt, Inklusion wird als oberstes Ziel am Arbeitsmarkt ausgegeben. Trotzdem arbeiten – im Gegensatz zur Ministerpräsidentin – viele Schwerbehinderte nicht in regulären Beschäftigungsverhältnissen. Ihre Arbeitslosenquote ist deutlich höher (2012: 14,1 Prozent) als die allgemeine (6,8 Prozent). Vom Aufschwung der letzten Jahre konnten sie kaum profitieren. Und das, obwohl in dieser Gruppe mehr Menschen Studienoder Berufsabschluss haben als bei nicht schwerbehinderten Arbeitslosen.

Dass sich daran etwas ändert, möchte auch Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. "Meiner Meinung nach ist dabei das Grundproblem, dass es in den Betrieben Vorbehalte gegen sie gibt. Leider oft nicht nur von den Unternehmen selbst, sondern auch zum Teil bei den nicht behinderten Arbeitnehmern. Das liegt vor allem daran, dass schon Kinder mit Behinderungen voneinander getrennt werden. Das fängt mit dem Sonderkindergarten an und geht dann in Schule und Ausbildung weiter." (Ein ausführliches Interview mit ihm finden Sie hier).

"Wir möchten, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Schwerbehinderungen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden", sagt auch IG-BCE-Vorstand Egbert Biermann. "Sie sollen stattdessen genauso ihre Chance im Arbeitsleben bekommen wie andere auch. Die Schwerbehindertenvertretungen arbeiten jeden Tag daran, das in den Betrieben konkret zu gestalten. Sie bekommen dabei von der IG BCE jede erforderliche Hilfe. Wichtig ist: Inklusion ist eine große Herausforderung, die es zu meistern lohnt. Alle sind aufgefordert, durch ihr Wirken dazu beizutragen, dass sie immer mehr zur Normalität wird." 

Die IG BCE unterstützt die gewählten Schwerbehindertenvertreter nach Kräften, bietet Seminare und eine Jahrestagung in ihrem Halterner Bildungszentrum an, dazu in einigen Bezirken regionale Arbeitskreise. Mancherorts fällt das auf fruchtbaren Boden.


Carsten Büll

Klaus Rheingans fährt Rad und kann mit seiner künstlichen Hand fast alles machen. Klaus Rheingans fährt Rad und kann mit seiner künstlichen Hand alles tun, was seine Kollegen auf dem Wertstoffhof auch machen.
In Budenheim zum Beispiel, einem kleinen Ort bei Wiesbaden. Dort ist die Chemische Fabrik (CFB) der größte Arbeitgeber. Hier werden vor allem Phosphate hergestellt; Skeletterkrankungen aufgrund harter körperlicher Arbeit, aber auch wegen schlechter Sitzhaltung bei Bürojobs stehen weit oben in der firmeninternen Krankheitsstatistik. 

"Wer jahrelang schwer geschleppt hat, spürt es eben irgendwann im Rücken. Wir machen zwar Sportangebote und Schulungen", sagt Schwerbehindertenvertreter und Betriebsrat Hans-Peter Seliger. "Aber die werden leider zu wenig genutzt." Das Unternehmen legt großen Wert auf das Miteinander von gesunden und behinderten Menschen: Von den 700 Mitarbeitern haben 140 einen Behinderungsgrad von 30 Prozent oder mehr.

Das ist kein Zufall – wer nach einer Erkrankung oder einem Unfall zurückkehrt, wird sehr individuell betreut. Oberstes Ziel: Die Arbeitskraft erhalten. Auch mit Schwerbehinderung. Klaus Rheingans profitiert davon. Er hatte 1996 einen Arbeitsunfall: Beim Reinigen einer Produktionsanlage geriet er mit der rechten Hand zwischen zwei sich drehende Metallteile. Seine Finger, das Handgelenk und Teile des Unterarms wurden zerquetscht und zudem in einer 90 Grad heißen Suspension verbrüht. Zwar stoppte ein FI-Notschalter die Anlage, aber da war es für die Hand des damals 20-Jährigen bereits zu spät. "Das Gewebe war verkocht, es war nichts zu retten", sagt er.

Bis heute hat er keine klaren Erinnerungen an den Unfall, stand mehrere Tage unter Schock. Eine Woche lag er auf der Intensivstation, nach drei Wochen stellten die Ärzte dann fest, dass nur die Amputation der Hand bliebe. "Dann macht sie halt ab", sagte er damals lapidar. Heute hat er eine künstliche Hand, mit der er greifen, drücken und vieles tun kann, das mit einer gesunden Hand auch geht.

Carsten Büll

Klaus Rheingans sortiert mit seinen Kollegen alle ausgeleerten Verpackungen. Klaus Rheingans arbeitet auch nach dem Unfall, bei dem er eine Hand verlor immer noch in "seiner" Fabrik – nun eben auf dem Wertstoffhof. Er sortiert mit seinen Kollegen alle ausgeleerten Verpackungen, verfrachtet sie von Hand in eine Presse und fährt die Paletten mit dem Stapler weg.
Die Reinigung von Produktionsanlagen machen inzwischen andere, Klaus Rheingans arbeitet aber immer noch in "seiner" Fabrik – nun eben auf dem Wertstoffhof. Er sortiert mit seinen Kollegen alle ausgeleerten Verpackungen, verfrachtet sie von Hand in eine Presse und fährt die Paletten mit dem Stapler weg.

Seine Handprothese ist ein Meisterwerk der Technik – aber dennoch auf den ersten Blick zu erkennen. "Ich bin inzwischen daran gewöhnt, dass mich Menschen anglotzen«, sagt Rheingans. "Manchmal frage ich sie, ob sie ein Autogramm haben wollen, aber meistens ignoriere ich das einfach. Kindern dagegen erkläre ich sehr gern, was mit meiner Hand los ist. Die sind ehrlich interessiert und haben keine Scheu." Wenn er bei ihnen richtig punkten will, lässt er seine Hand einmal um das Handgelenk kreisen. "Das kannst du mit deiner nicht", sagt er dann und lacht laut.

Sein Unfall kann heute wohl niemand anderem mehr passieren: Bei jeder Reinigung wird inzwischen eine Reißleine gezogen, die Maschine angehalten.


Carsten Büll

Sie hat den Durchblick - trotz schlechter Augen: Heike Ehscheidt. Sie hat den Durchblick - trotz schlechter Augen: Heike Ehscheidt.
Als Schwerbehinderte ist Heike Ehscheidt wahrlich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Dabei ist gerade das eines ihrer Probleme: Mit dem rechten Auge kann die 42-Jährige fast gar nicht mehr sehen, dort verbleiben nach einer Netzhauteinblutung nur noch 10 Prozent Sehfähigkeit. Auf dem linken Auge plagt sie mehrmals im Jahr eine Regenbogenhautentzündung, die mit einer Cortisontherapie behandelt werden muss. Sie hat zudem Morbus Bechterew, eine sehr schmerzhafte chronische Krankheit, die Hüfte und Rücken steif werden lässt und nur mit viel Ausdauer und Gymnastik gelindert werden kann.

Umso wichtiger ist für sie ihr Job beim Medizinlabordienstleister Bioscientia in Ingelheim, wo sie Urin- und Stuhlproben an andere Labore verschickt. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch und teure Spezialstühle erleichern ihr das Arbeiten. "Wir unterstützen sie, wo es geht", sagt Bioscientia-Schwerbehindertenvertreterin Barbara Rüth.

Carsten Büll

Barbara Rüth, Schwerbehindertenvertreterin bei Bioscientia. "In der Beratung ist es am wichtigsten, ein geduldiger Zuhörer zu sein", sagt Barbara Rüth, Schwerbehindertenvertreterin bei Bioscientia.
Im letzten Jahr blieb Heike Ehscheidt wegen einer Tablettentherapie monatelang zu Hause, hatte kaum Kontakt zu Freunden und Bekannten. "Da sind Beziehungen zerbrochen", sagt sie. "Einsam und krank, das war furchtbar."

Das Team ist klein, dass ihre Kollegen wenig Verständnis für häufige Krankheitstage haben, leuchtet Heike Ehscheidt ein. Arbeitszeit zu reduzieren sei aber auch schwierig, sagt sie: "Das ist finanziell eigentlich nicht drin." Ihr Hausarzt wundert sich bis heute, warum sie unbedingt arbeiten will. Die Arbeit mache ihr einfach großen Spaß, sagt sie: "Sie hält mich über Wasser, wenn die Schmerzen zu groß werden." 

Bernhard Moll

Marcel Hüppe fängt trotz Behinderung im Herbst eine Ausbildung bei Bayer HealthCare in Bergkamen an. Marcel Hüppe fängt trotz Behinderung im Herbst eine Ausbildung bei Bayer HealthCare in Bergkamen an. 
Das Miteinander von gesunden und schwerbehinderten Menschen im Betrieb – wie kann es gelingen? Indem früh angefangen wird. Marcel Hüppe ist dafür ein Beispiel. Der 18-Jährige ist körperlich und geistig behindert und fängt im September eine Ausbildung bei Bayer HealthCare in Bergkamen an. Er hat zunächst ein Praktikum gemacht, dann ein Berufsvorbereitungsjahr – nun weiß man genau, wo Marcel während der Ausbildung zum Lageristen gezielte Förderung brauchen wird. Und was er zurückgeben wird. "Er ist ein so positiver Mensch", sagt Betriebsrätin Eveline Leitmann. "Die Abteilung blüht förmlich auf, wenn er da ist."

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