Fremdenfeindlichkeit

Alltagsrassismus oft hilflos ausgesetzt

Über die rassistisch motivierten Straftaten des Nationalsozialistischen Untergrunds wurde viel in den Medien berichtet. Doch wie weit verbreitet ist der Alltagsrassismus in Deutschland? Jedenfalls weiter als man gemeinhin annimmt, das zeigt eine aktuelle Studie der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates.

RapidEye/istockphoto

Hände
20.03.2014
  • Von: Alexander Reupke

Ob am Arbeitsplatz, in Vereinen oder auf der Straße - Alltagsrassismus kommt in vielen Teilen der Gesellschaft vor. Diese Erfahrung machte Bayram Turgut. Als auf der Arbeitsstätte seiner deutschen Frau bekannt wurde, dass sie schwanger war, wurde sie von einigen Mitarbeitern gemieden. „Die Türken nehmen uns die deutschen Frauen weg!“, war dabei die verletzendste Äußerung eines Kollegen.

Als die Turguts ihre Tochter in einem katholischen Kindergarten anmelden wollten, wurden sie mit den Worten abgelehnt: „Die Plätze bekommen wir mit unseren eigenen Kindern voll!“

Es sind Situationen wie diese, die Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder erleben. Und sie werden durch Thesen wie die des ehemaligen Berliner Finanzsenators und Ex-Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin befeuert. In der Studie der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates wird kritisiert, dass  in öffentlichen Debatten durch „Rassismus angefeuerte Hassreden“ auftauchen, „ohne dass sie immer eindeutig verurteilt werden“. Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich abwurde von mehreren Medien veröffentlicht. In der folgenden Diskussion erhielten Sarrazins rassistische Äußerungen erhebliche Unterstützung, so die Experten des ECRI.

Auch sehr gut integrierte Menschen scheinen nicht vor Alltagsrassismus geschützt zu sein. Fremdenfeindliche Bemerkungen treffen auf die Zustimmung von 25,1 Prozent der Bevölkerung. Das ergab eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2012.

So nimmt es auch der in Bayern lebende Aziz Ay wahr. Obwohl er seit 1976 in Deutschland lebt, fühle er sich immer noch nicht heimisch. Er arbeitet in einem Betrieb aus der Chemiebranche mit vielen griechisch- und türkischstämmigen Mitarbeitern. Seiner Meinung nach habe sich aber seit den 60-er Jahren viel verbessert. Als einen Grund macht Ay die mittlerweile besseren Sprachkenntnisse der Migranten aus.

Die ECRI beurteilt gute Sprachkompetenzen als einen wichtigen Baustein für eine gelungene Integration. Die Experten fordern von Deutschland, sich verstärkt dafür einzusetzen, dass Kinder mit Migrationshintergrund den Kindergarten  und die Vorschule besuchen. So sollen sie bereits frühzeitig und dauerhaft die deutsche Sprache lernen. 

Laut ECRI wird der Begriff Rassismus in Deutschland häufig zu eng ausgelegt und nur mit organisierten Gruppen verbunden. Der Alltagsrassismus gerate dabei aus dem Blick. Zu diesem Ergebnis kam bereits ein UN-Bericht aus dem Jahr 2009 des Sonderberichterstatters Githu Muigai.

Die Experten bescheinigen Deutschland in einigen Bereichen Fortschritte gemacht zu haben. So wurde der sogenannte Nationale Aktionsplan für Integration überarbeitet. Junge Menschen wurden besser über die Gefahren von Neonazis und rechtsextremen Organisationen aufgeklärt.

Abschließend fordert die ECRI Deutschland in ihrem Bericht auf, aktiver gegen  Rassismus vorzugehen. Bayram Turgut begrüßt diese Forderung: „Es gibt viele Migranten, die dem Alltagsrassismus hilflos ausgesetzt sind.“

Der Verein „Mach meinen Kumpel nicht an!“ setzt sich bereits seit 25 Jahren gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein. Der von der IG BCE und anderen Gewerkschaften unterstütze Verein ist Kooperationspartner der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Diese finden vom 10. bis 23. März 2014 statt. Bundesweit wird es über 800 verschiedene Veranstaltungen geben.

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