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08.01.2016

Von: Axel Stefan Sonntag Alexander Reupke

Ausbildung

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Wenn die Schulzeit vorbei ist, beginnt für alle jungen Menschen ein neuer Lebensasbschnitt. Welchen Weg soll man einschlagen? Wir haben drei Auszubildende besucht, die am Anfang, der Mitte und dem Ende ihrer Ausbildung stehen. Sie sprechen über Respekt seitens der männlichen Kollegen, ihren persönlichen Weg zum "Traumberuf" und den Umgang mit "Hip-Hoppern" in der eigenen Berufsschulklasse.

Heike Rost

Jasmin Althen: Die einzige weibliche Auszubildende zur Maschinen- und Anlagenführerin in gesamt Rheinland-Pfalz. Jasmin Althen: Die einzige weibliche Auszubildende zur Maschinen- und Anlagenführerin in gesamt Rheinland-Pfalz.

Jasmin Althen: Platz da – hier komme ich!

Vor vier Monaten habe ich meine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer begonnen. Genauer gesagt: zur Maschinen- und Anlagenführerin! Ich bin nicht nur das einzige Mädel in meinem Ausbildungsjahrgang hier bei Schott, ich bin sogar die einzige Frau in gesamt Rheinland-Pfalz, die diese Ausbildung momentan durchläuft. Da bin ich schon ein bisschen stolz drauf… wenngleich das für mich nichts Besonderes ist, denn etwas Handwerkliches wollte ich schon immer lernen.

Hauptsache, etwas Handwerkliches

Zuerst dachte ich an eine Ausbildung zum Schreiner oder zum Kfz-Mechatroniker. Aber hier und da wird man als Mädel etwas komisch angeschaut, wenn man sich auf solche "Männerberufe" bewirbt. Das war bei Schott nicht ganz so. Klar, natürlich war auch Glück mit im Spiel, als mich das Unternehmen zum Einstellungstest und zum Vorstellungsgespräch eingeladen hat. Und natürlich konnte ich in meinem sieben Monate langen Praktikum schon vor Ausbildungsbeginn zeigen, was ich kann. Davon wissen die sechs Jungs in meinem Ausbildungsjahrgang. Probleme gibt es mit denen übrigens ganz und gar nicht. Im Gegenteil, manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass sie Respekt davor haben, sich als Mädel für solch einen Ausbildungsberuf nicht nur zu entscheiden – sondern ihn auch durchzuziehen. Und zwar ohne Sonderbehandlung! Denn bislang habe ich noch jeden Handgriff an meiner Anlage selbst hinbekommen. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, eine Frau zu sein – denn Jungs sind bekannterweise nicht immer Multi-tasking-fähig!

Das aber muss ich sein. Denn wenn ich die Schicht an meiner Maschine beginne, muss ich erst einmal checken, ob alles in Ordnung ist. Ob die Einstellungen alle korrekt sind. Ob irgendwelche Teile in den nächsten Stunden gewechselt werden müssen. Und so weiter, und so weiter. Das war am Anfang natürlich viel, das alles zu lernen. Aber in meiner "kleinen Bibel" – so nenne ich mein Notizbuch – kann ich immer nachschlagen, wenn ich einmal etwas vergessen haben sollte. Das kann in der Frühschicht, die bei uns um fünf Uhr morgens beginnt, allerdings öfters vorkommen. Ich glaube nicht, dass ich noch ein Mensch werde, der gerne nachts irgendwann zwischen drei und vier aus dem Bett muss… Da ist mir dann sogar die Nachtschicht noch lieber. Denn nachts zu arbeiten, das kenne ich aus dem Betrieb meiner Eltern.

Mit dem Schichtplan die nächste Party organisieren

Was leider ein echter Nachteil am Schichtsystem ist: Dass ich mich nicht mehr regelmäßig zu bestimmten Zeiten mit meinen Freunden treffen kann. Und das Tanzen aufgeben musste. Dem trauere ich noch immer ein bisschen hinterher, denn ich habe viel getanzt – Standard, Latein, sogar Hip-Hop. Das fing als Wahlpflichtfach in der Schule an und entwickelte sich als Hobby in einer gut gelaunten Truppe weiter. Wir waren sehr erfolgreich, haben auf verschiedenen Turnieren gleich mehrere Preise und Pokale abgeräumt. Aber gut, die Zeiten sind vorbei. Dafür aber weiß ich heute, auf welche Freunde wirklich Verlass ist. Denn während sich manch einer darüber beschwerte, dass ich ja nie Zeit hatte, fragen andere jetzt ganz gezielt nach meinem Schichtplan. Um dann die nächste Party am Wochenende organisieren zu können.

 

Lynn Schröder: Den Alltag abwechslungsreich gestalten

Was mache ich bloß nach meinem Schulabschluss? Diese Frage hab ich mir in der 10. Klasse gestellt. Mir war klar, dass ich mich noch nicht festlegen wollte. Die Lösung: erstmal zwei Jahre Fachoberschule machen. Da ist das erste Jahr für Praktika vorgesehen – drei Tage Praktikum, zwei Tage Schule. Ich hab die Zeit dann genutzt um drei Praktika zu machen: in einer Gärtnerei, einem Modehaus und einer Kreiszeitung – jeweils für vier Monate. In diesem Jahr habe ich viele Erfahrungen gemacht.  Am besten hat mir immer der gestalterische Part gefallen. In der Gärtnerei die Gestecke zusammenlegen – das war schön. Aber im Modehaus die Schaufensterpuppen von A nach B schleppen … da ist die körperliche Arbeit gar nicht zu unterschätzen. Manche Mitschüler haben in der ganzen Zeit nur einen einzigen Betrieb kennengelernt. Ich hab mich dagegen bewusst für verschiedene Zweige entschieden, um meinen "Traumberuf" zu finden.

Stefan Koch

Lynn Schröder: "Die Herausforderung hat mich gereizt und die Chance, etwas anderes als die alltägliche Arbeit kennen zu lernen." Lynn Schröder: "Die Herausforderung hat mich gereizt und die Chance, etwas anderes als die alltägliche Arbeit kennen zu lernen."

Während der Schultage gab’s immer Projektarbeiten. Auch zum technischen Zeichnen. Irgendwann bin ich auf der Seite der Arbeitsagentur auf den dazu passenden Ausbildungsberuf gestoßen: technische Produktdesignerin.

Da mein Vater in Barnstorf arbeitet, kannte ich das Unternehmen Wintershall. Ich bewarb mich auf die Ausbildung dort und habe es schließlich geschafft: Zusage von Wintershall als Azubi. Als ich angefangen habe, war es schon eine Umstellung. Der Tag war immer länger als zu Schulzeiten. Das war noch entspannter … klar, aber die Arbeit macht mir mehr Spaß. Bestenfalls sucht sich doch jeder den Beruf aus, der ihm Spaß macht. Bei mir war’s jedenfalls so. 

Bei uns gilt Gleitzeit. Ich komme meistens schon gegen 7 Uhr – da habe ich mehr vom Tag. Als Ausgleich zur Büroarbeit mache ich dann viel Sport, gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und tanze Zumba.  

An einem Tag in der Woche gehe ich zur Berufsschule. Die meisten meiner Mitschüler sind männlich – wohl bedingt durch die Ausrichtung der Ausbildung, da ist technisches Verständnis gefragt. Deshalb war ich vor kurzem drei Monate in unserer mechanischen Halle eingesetzt. Sägen, feilen und bohren standen auf der Tagesordnung. Das war Millimeterarbeit.

"Jugendarbeit, das wär doch was für dich."

Irgendwann kam mein Ausbilder zu mir: „Jugendarbeit, das wär doch was für dich.“ Ich habe dann mit meinen Eltern gesprochen und ein paar Nächte darüber geschlafen. Dann habe ich gesagt: Das mache ich. Die Herausforderung hat mich gereizt und die Chance, etwas anderes als die alltägliche Arbeit kennen zu lernen. Nun bin ich eine von vier Jugend- und Auszubildendenvertretern. Wir haben einen super Draht zum Betriebsrat. Einer von uns nimmt immer an den Betriebsratssitzungen teil.

Nur schade, dass es hier bei Wintershall keinen Nachfolger für meinen Ausbildungsberuf gibt. Ich bin die letzte Auszubildende, die noch technische Produktdesignerin lernt. Der Grund: Hier vor Ort würde der Beruf nicht mehr gebraucht. Mein Vorgänger sollte am Ende seiner Ausbildung übernommen werden, entschied sich aber zu wechseln, um noch mal in einen anderen Betrieb reinzuschnuppern. Mein Ziel ist es erst einmal einen guten Abschluss zu machen. Wenn die Noten besser als drei sind, ist die Übernahme für ein Jahr gesichert.

David-Vincent Bollmann: Erst pauken, dann rudern

Nur noch wenige Wochen, und ich habe es gepackt. Dreieinhalb Jahre Ausbildung – und dann endlich Chemikant. Jetzt am Ende wurde es nochmal richtig stressig… zumindest, was die Prüfung in der Berufsschule angeht. Denn natürlich musste all das sitzen, was in den vergangenen Jahren so im Unterricht vorkam: Das 1x1 des Periodensystems, wie man Säure herstellt, Hin- und Herrechnen chemischer Gleichungen – alles bis ins Detail. Ich bin zwar mehr der Praktiker, aber die schulische Abschlussprüfung ist, das weiß ich jetzt, geschafft. Bestanden! Weil die Punkte noch mit der praktischen Prüfung (die ist am 21. Januar) 50 zu 50 verrechnet werden, kann ich mich eigentlich nur noch verbessern.

Jörg Nierzwicki

David-Vincent Bollmann: "Ich brauche solche Dinge, um einfach mal vom Job abzuschalten." David-Vincent Bollmann: "Ich brauche solche Dinge, um einfach mal vom Job abzuschalten."

Aber Arbeit ist nicht alles. Ich mach‘ in vielen Vereinen mit, zum Beispiel leite ich als Jugendwart im Ruderclub Bad Säckingen das Training im Sommer. Im Fastnachtsverein habe ich mich engagiert und mich in eine Künstlergruppe („Karussell der Künste“) eingebracht. Da wollen wir Kunst an Jugendliche ranführen. Und das funktioniert tatsächlich.

Ich brauche solche Dinge, um einfach mal vom Job abzuschalten. Denn es war schon viel, was ich alles lernen musste. Nicht nur die Chemie als solches. Es geht ja auch um Arbeitssicherheit, wie Maschinen funktionieren, zu Ausbildungsbeginn viele neue Gesichter auf einmal auseinanderzuhalten… und darum, früh aufzustehen! Jeden Morgen um sechs Uhr anzufangen, anfangs noch mit Bus und Bahn zum Job zu fahren… weil man kein Auto hat. Und sich zu ärgern, um 4 Uhr 30 raus zu müssen, obwohl die Strecke mit dem Auto gerade mal zehn Minuten dauert… Wenn man dann noch am Wochenende weg will, fehlt einem irgendwann der Schlaf. Besonders, weil der Körper sich ja daran gewöhnt hat, früh raus zu müssen.

Bunt gemischter Jahrgang

Aber gut, ist eben so. Trotzdem freue ich mich nach einem Wochenende dann doch, die Kollegen wieder zu sehen. Unser Jahrgang ist echt `ne coole Truppe. Manchmal ärgert es mich zwar, wenn die anderen in der Berufsschule mal bessere Noten bekommen haben als ich. Aber… dafür habe ich andere Stärken. Ich war Waldorfschüler und glaube, ein bisschen „soziale Kompetenz“ in unseren Jahrgang reingebracht zu haben. Einer aus meiner Gruppe war anfangs noch der Typ "Hip-Hopper". Von wegen "Krass Alter, jetzt erzähl ich Dir mal, was da voll abging". Und – mittlerweile hat er sich diese Sprache "voll" abgewöhnt. Das ist doch cool.

Das sind Erfahrungen, die ich aus meiner Ausbildung gerne mitnehme. Oder dass ich gelernt habe, handwerklich etwas hinzubekommen. Als meine Spülmaschine kaputt war, konnte ich sie selbst reparieren. Weil ich wusste, wie ich die Vakuumpumpe wieder in Gang bringe. Solche Handgriffe waren nämlich Bestandteil meiner Ausbildung und dem Werksunterricht, den wir einmal pro Woche im Betrieb bekommen. Fast schon so `ne Art zweite Berufsschule. Das funktioniert prima.

Engagement beim Thema Flüchtlinge

So richtig platzen tut mir die Hutschnur selten – es sei denn manch einer meckert rum, hat aber null Ahnung. Wie beim Thema Flüchtlinge. An der Berufsschule gibt es Typen, die selbst einen "Migrationshintergrund" mitbringen, dann aber rumnörgeln, weshalb Syrer ihr Land nicht verteidigen – sondern "weglaufen". Und bei uns Schutz suchen. Wenn man mit denen versucht zu diskutieren, stellt sich nach zwei Minuten heraus, dass sie noch nicht einmal den Unterschied zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen kennen. Ich finde es traurig wie viele Menschen, vor allem Junge, irgendwelchen Parolen folgen, anstatt sich selbst ernsthaft mit einer Sache auseinanderzusetzen. Genau deshalb gehen wir im Bezirksjugendausschuss an das Thema Flüchtlinge ran.

Wie es nun weitergeht? Naja, erst mal die Prüfung Ende Januar. Und dann? Immerhin gibt es zumindest eine mündliche "Vereinbarung", dass H. C. Starck Azubis unbefristet übernimmt, wenn das Schulzeugnis besser als "Drei" ist und Ausbilder und Betrieb einen positiv bewerten. Das alles sollte ich packen! Und danach… mal schauen!