Rückkehrrecht

Raus aus der Teilzeitfalle

Millionen von Frauen verharren in Teilzeit, weil ihnen viele Betriebe die Rückkehr zur Vollzeit verwehren. Ein neues Gesetz soll Abhilfe schaffen.

Stefan/iStock

Die Zahl der in Vollzeit arbeitenden Männer ist in etwa konstant geblieben, während sich die der Teilzeitfrauen fast verdoppelt hat.
30.01.2017
  • Von: Axel Stefan Sonntag
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Von den knapp 400 Anträgen, die viele engagierte Gewerkschafter zum vergangenen IG-BCE-Gewerkschaftskongress einbrachten, zog sich eine Forderung fast schon wie eine Art „Roter Faden“ quer über alle acht Sachgebiete hinweg: Der Auftrag an den Gesetzgeber, für Beschäftigte die Rückkehr von Teilzeit- auf Vollzeitarbeit zu garantieren.

Jetzt schafft Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles Fakten: Anfang Januar präsentierte sie einen Gesetzesentwurf, der nicht nur einen Anspruch auf eine befristete Teilzeit ermöglichen, sondern Arbeitnehmern gleichzeitig garantieren soll, später wieder 40 Stunden die Woche arbeiten zu können. „Damit wird eine jahrelange Forderung der IG BCE umgesetzt und die Ankündigung der Ministerin auf unserem Frauentag im Mai 2016 Realität“, lobt Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE.

Denn noch immer endet für viele Beschäftigte der Weg einer reduzierten Arbeitszeit, beispielsweise für Familien- oder Pflegeaufgaben, in einer Sackgasse. Das bekommen vor allem Frauen zu spüren: Sie „stellen deutschlandweit nur etwa ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten, aber rund 80 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigten“, analysiert die Hans-Böckler-Stiftung das Zahlenmaterial der Bundesagentur für Arbeit.

Tendenz stark steigend: Verglichen mit den Werten aus dem Jahr 2001, ist zwar die Zahl der sozialversicherungspflichtig in Vollzeit arbeitenden Männer in etwa konstant geblieben. Die Zahl der Teilzeit-Frauen hingegen hat sich fast verdoppelt.

Frauen wollen vorankommen - dürfen aber nicht

In dieser „Teilzeit-Falle“ stecken viele von ihnen unfreiwillig fest. Eine im vergangenen Spätjahr veröffentlichte repräsentative Umfrage im Auftrag des Bundesfamilienministeriums brachte zutage, dass jede dritte Frau, die Teilzeit arbeitet, beruflich vorankommen will. Und sogar 59 Prozent der Befragten wünschen sich ein gesetzliches Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit.

Bislang aber ist dies nur dort möglich, wo der Arbeitgeber mitspielt. Wie beispielsweise bei Evonik im badischen Rheinfelden. Nachdem Christina Lurati nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten ging, startete sie 2011 mit einem 50-Prozent-Pensum. Vergangenes Jahr erhöhte sie ihre Arbeitszeit auf derzeit 60 Prozent. Doch das Beispiel zeigt auch, wie sehr man auf den Betrieb angewiesen ist. „Die gesetzliche Regelung, die wir auch zweifelsfrei brauchen – das ist das eine“, kommentiert Petra Nürnberg, Vorsitzende der Vertrauensleute.

Hilfreich wäre für sie aber auch, wenn das neue Gesetz Praxistauglichkeit beweist: „Ich wünsche mir, dass Mitarbeiter gemeinsam mit dem Arbeitgeber die konkrete, stufenweise Rückkehr bis zur Vollzeit planen und fixieren können. Das käme übrigens auch der gesamten Teamkultur zugute“, lautet ihr Vorschlag.

Gute Ansätze wie bei Evonik sind so in Deutschland bislang noch nicht die Regel. Erst recht nicht im Mittelstand. Für Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, steht jedenfalls fest: „Derzeit stecken vor allem Frauen meist unfreiwillig über viele Jahre mit gravierenden Auswirkungen auf ihre berufliche Entwicklungschancen zurück. Negativ wirkt sich diese Arbeitszeit auch auf die eigenen Rentenansprüche aus“, kritisiert sie. „Mit dem Gesetzesvorhaben werden deutliche Verbesserungen erzielt und der Altersarmut von Frauen wirksam vorgebeugt.

Darüber hinaus wird ein wichtiger Beitrag für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie geleistet“, zählt Glänzer gleich mehrere Vorteile des Vorhabens auf.

Die Arbeitgeber ignorieren das. „Der Entwurf der Nahles-Beamten ist eine Überdosis Bürokratie. Die Regulierung erreicht das Gegenteil von flexibler Arbeitsgestaltung“, kommentierte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Der Vorschlag greife einseitig „in das Recht des Arbeitgebers ein, Lage und Dauer der Arbeitszeit im Betrieb zu bestimmen“. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen sei das Gesetz hinderlich.

Wirklich? Vorgesehen ist nämlich, dass es nur in Betrieben gelten soll, in denen mehr als 15 Arbeitnehmer tätig sind. Zudem soll ständiges „Arbeitszeit-Hopping“ eine Klausel verhindern: Nach Rückkehr zur ursprünglichen Arbeitszeit müssen Beschäftigte diese mindestens ein Jahr lang beibehalten.

Zudem: Das Rückkehrrecht auf Vollzeit ist Bestandteil des Koalitionsvertrags: „Wir unternehmen neue Anstrengungen für die Gleichstellung der Frauen, etwa durch die Einführung einer Frauenquote und durch das Recht, aus einer Teilzeitbeschäftigung wieder in eine Vollzeitstelle zurückzukehren“, heißt es da. Für die Arbeitgeber also nichts Neues.

Das Bundesarbeitsministerium teilt auf Anfrage von KOMPAKT mit, dass man natürlich noch vorhabe, das Gesetz in dieser Legislaturperiode in Kraft zu setzen.

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