IG BCE aktuell 08-16

Der kleine Unterschied

Frauen werden noch immer schlechter bezahlt als Männer. Rund 21 Prozent beträgt die Lohnlücke. Gegen diesen Skandal kämpfen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten an. Zum Erfolg verhalfen dabei insbesondere Mitbestimmung und Tarifverträge. Enttäuschend, dass das Bundesfamilienministerium zur vermeintlichen „Lohngerechtigkeit“ nur wenig beizutragen hat.

Greg Brave/Fotolia

Lohnlücke
22.09.2016
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Dass Frauen in vielen Betrieben noch immer rund ein Fünftel weniger Lohn bekommen, mutet an wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten und ist in unserer modernen Gesellschaft untragbar. Nichts rechtfertigt aus Sicht der IG BCE die Abweichung vom Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.  Unsere Tarifverträge kennen keine Unterschiede nach Geschlechtern - sie gelten für jeden.

Ganz anders sieht es in Betrieben und Branchen ohne Tarifbindung aus. Dort ist der Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen besonders groß. Diese Tatsache hat das Bundesfamilienministerium zum Anlass genommen, ein „Lohngerechtigkeitsgesetz“ auf den Weg zu bringen. Der bislang vorliegende Referentenentwurf geht jedoch am Ziel vorbei.

Netter Name, schwacher Inhalt

„Lohngerechtigkeitsgesetz“ klingt zwar schön. Nach einer sozialpolitischen Errungenschaft. Nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Nach Gerechtigkeit. Doch leider trügt der Schein. Der Entwurf von Familienministerin Manuela Schwesig fordert lediglich, dass

  • Frauen das Gehalt männlicher Kollegen erfragen dürfen – anonymisiert versteht sich;
  • Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten zur Frauenförderung und Entgeltgleichheit Stellung beziehen müssen;
  • Unternehmen in eigener Verantwortung erwiesene Entgeltdiskriminierung beseitigen sollen.

Das Gesetz beträfe also nur rund zehn Prozent aller deutschen Betriebe – jene mit mehr als 500 Beschäftigten - und obendrein jene, in denen es wegen ihrer Größe ohnehin oft Tarifbindung und Mitbestimmung gibt. Ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit müsste genau auf der anderen Seite ansetzen. Bei den (oft kleinen) Betrieben und Branchen ohne Mitbestimmung und Tarifverträge! Abgesehen davon basiert das Gesetz auf der Freiwilligkeit der Unternehmen und verpflichtet nicht zur Beseitigung der Lohnlücke, sondern rät lediglich zur Supervision. Das „Lohngerechtigkeitsgesetz“ bringt also weder das eine noch das andere, weder gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit noch Gerechtigkeit. Stattdessen sorgt es für Bürokratieaufbau und beschneidet die Tarifautonomie.

Die Gewerkschaften kämpfen seit Jahrzehnten für Gleichstellung und gleichen Lohn für gleiche Arbeit – mit bindenden Verträgen. Tarifverträge garantieren eine geschlechtsunabhängige Entlohnung. Die Eingruppierung und Vergütung wird darin rein tätigkeitsbezogen festgelegt. Die Verträge sind transparent und können von allen Mitarbeitern jederzeit eingesehen werden.

Wissenschaftliche Erhebungen zeigen, dass die Differenz zwischen den Gehältern in Betrieben mit guter Mitbestimmung deutlich geringer ist. So hat die Bayer AG jüngst eine Darstellung der Entgeltstrukturen im Unternehmen unter Geschlechtergesichtspunkten sowie eine Analyse der Ursachen vorgestellt.

Die Bayer AG hat festgestellt, dass die bereinigte Entgeltlücke im Unternehmen bei 1,7 bis -0,6 Prozent liegt.

Wenn sie wirklich etwas gegen Lohnungleichheit tun will, sollte die Bundesregierung endlich das Rückkehrrecht von Teilzeit- auf Vollzeitarbeit garantieren und ein Lohngerechtigkeitsgesetz schaffen, das die nachweislich positive Rolle von Tarifverträgen und deren Funktion weiter stärkt, statt Gewerkschaften und Tarifverträge im Kernbereich der Tarifautonomie zu schwächen. Dann würde das Lohngerechtigkeitsgesetz seinen Namen verdienen.

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