Frauen machen Geschichte

90 Jahre Frauensekretariat – Die Rolle der Frauen in der Arbeitswelt

Die Frauen sind auf einem guten Weg: sich zu behaupten, sich durchzusetzen und die Rechte zu sichern, wie sie Männern schon lange zugestanden werden. Aber sie wären nicht so weit gekommen, hätte es nicht schon in der Vergangenheit Frauen gegeben, die sich für ihre Rechte stark gemacht und ihre Interessen selbst in die Hand genommen haben, im Betrieb, in der Gewerkschaft und in der Gesellschaft. Die IG BCE feiert in diesem Jahr 90 Jahre Frauensekretariat. Zeit und Anlass zurück zu blicken.

Evonik

In Zeiten von Krieg und Wiederaufbau ersetzten Frauen die Männer, doch an Karriere war zwischen 1935 und 1965 kaum zu denken.
01.09.2017
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Evonik hat der Rolle der Frau in der Arbeitswelt am Beispiel des eigenen Unternehmens jüngst eine ganze Ausstellung gewidmet. Unter dem Titel „VerSIErt – Frauen machen Geschichte bei Evonik“ zeigt sie, was sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts alles zugunsten der Frauen und Frauenrechte getan hat, berichten Frauen davon, wie sie ihre Arbeitssituation zu verschiedenen Zeitpunkten erlebt haben. Verblüffend sei, wie anders, fast unvorstellbar die Umstände vor noch nicht allzu langer Zeit gewesen seien und wie gravierend die Veränderungen, berichteten mehrere Besucherinnen unabhängig voneinander.  Andrea Hohmeyer, Leiterin des Konzernarchivs von Evonik und verantwortlich für die Ausstellung bringt es auf den Punkt: „Bei Betrachtung der Firmengeschichte aus Sicht der dort arbeitenden Frauen passiert es immer wieder, dass man sagt: Um Gottes willen, ist das entsetzlich. Wie konnte man denn so arbeiten?“. Frau konnte – und musste.

Man könnte sagen, dass mit Else Aldendorf alles begonnen hat. 111 Jahre ist es her, dass sie als erste Frau beim Evonik-Vorgänger Th. Goldschmidt einen Arbeitsvertrag als Büroangestellte unterschreibt. Eine Sensation, denn bis dato ist die vorherrschende Meinung, dass Frauen, denen man nicht einmal das Wahlrecht zugesteht, „ins Heim und an den Herd“ gehören. Die Verbindung aus Familie und Beruf ist im Bürgertum verpönt und unter manchen Umständen gar verboten. Als schließlich zunehmend Frauen beschäftigt werden, gilt das zunächst nur für solche, die ledig, also „Fräulein“ bleiben. Dennoch hat die chemische Industrie lange Zeit kein wirkliches Interesse daran, Frauen zu beschäftigen. Politische und wirtschaftliche Umstände geben oft den Ton an. In besonderer Absurdität zeigt sich dies in der Ideologie der NS-Zeit, als Frauen vor allem Hausfrauen und Mütter sein sollen und dennoch in der Zeit des 2. Weltkriegs als Arbeitskräfte – auch in der chemischen Industrie – dringend benötigt und deshalb zahlreich beschäftigt werden.

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Ein ganz normales Schreibbüro in Krefeld, das typisch für die Zeit vor 1914 gewesen sein dürfte.

Eine der großen Herausforderungen für die Beschäftigten generell, entsprechend auch für die Frauen, die noch relativ neu in der Arbeitswelt sind, besteht ab den 1950er Jahren darin, mit den rasanten Entwicklungen der Technologie im Arbeitsumfeld mitzuhalten. Immer neue Apparate und Abläufe sowie völlig neue Aufgabenfelder gilt es zu bewältigen. Eine weitere Hürde, die vor allem die Frauen betrifft, bildet die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit – ein Thema, das leider eine traurige Tradition begründet. Häufig reicht den beschäftigten Frauen das Geld kaum zum Leben. Auch Karriereleitern gibt es lange Zeit quasi nicht, Anerkennung müssen sich die berufstätigen Frauen auch bei den Vorgängergesellschaften von Evonik hart erarbeiten. Heide Margarete Bössler, eine der ersten Laborleiterinnen beim Evonik-Vorgänger Röhm, erinnert sich: „Nach Dienstreisen mussten wir immer eine Reisekostenabrechnung machen. Man bekam dann das unterschriebene Formular und musste sich das Geld an der Kasse abholen. Als ich zur Kasse ging, um das Geld zu holen, sagte mir die Dame dort: „Da muss der Herr Dr. Bössler selber kommen“. Woraufhin ich sie darauf hinweisen musste „Ich BIN Herr Dr. Bössler“.

Es zeigt sich: Der Weg zur Veränderung ist hart und überaus steinig, und lässt lange auf sich warten. Erst in den 80er und 90er Jahren stellt sich nach langem Kampf und vielen Widerständen ein Umdenken in den Betrieben ein – trotzdem bleibt der berufliche Alltag noch lange holprig und mühevoll. 

Frauen haben sich insbesondere in Gewerkschaften für ihre Rechte engagiert

Heute sind Frauen aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Sie sind allgegenwärtig, besetzen sämtliche Ebenen in den Unternehmen und immer häufiger Führungspositionen. Dennoch begegnen ihnen zum Teil noch immer die gleichen, teilweise aber auch ganz neue Herausforderungen. Dort, wo keine Mitbestimmung oder Tarifverträge bestehen, sind Frauen noch immer schlechter bezahlt als Männer, sie tragen überwiegend Sorge für die Betreuung der Kinder und pflegebedürftiger Angehöriger, sind deshalb gezwungen, häufiger in Teilzeit zu arbeiten und entsprechend häufiger von Altersarmut betroffen als Männer. Aber sie wären heute auch nicht so weit, hätten sich nicht in den vergangenen 100 Jahren starke und mutige Frauen für die Frauenrechte engagiert – insbesondere in den Gewerkschaften.

1927 arbeitet eine Frau erstmals hauptamtlich: Anna Rabe-Zammert ist die erste hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin beim Fabrikarbeiterverband, der Vorläuferorganisation der IG BCE. Schon vor ihr gab es starke Frauen in der Arbeiter(-innen)bewegung, innerhalb der Gewerkschaftsbewegung waren ihre Anzahl und ihr Einfluss jedoch überschaubar. Das ändert sich jetzt. Anna Rabe-Zammert wird damit betraut, ein Frauensekretariat aufzubauen, Gewerkschaftspolitik für Frauen zu machen und weibliche Mitglieder zu werben.

Elisabeth Selbert, Sozialdemokratin, Juristin und eine der vier Mütter des Grundgesetzes, sorgt, als sie 1948 für die SPD in den Parlamentarischen Rat gewählt wird, unter anderem dafür, dass die Gleichberechtigung in Artikel 3, Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz verankert wird. Rose Marquart markiert den gewerkschaftlichen Neubeginn in der Frauenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als erste Frau im geschäftsführenden Hauptvorstand einer Einzelgewerkschaft, der damaligen IG Chemie-Papier-Keramik (CPK), von 1949 bis 1969 setzt sie sich vor allem für die Mitbestimmung ein und baut auf sämtlichen Ebenen der IG CPK Strukturen für die Frauenarbeit aus – gegen die Widerstände und das „Kostenargument“ der Männer.

Liesel Winkelsträter sorgt gleich zu Beginn ihrer Amtszeit 1969 dafür, dass die sogenannten Leichtlohngruppen – Lohnkategorien, die sich nach der Schwere der körperlichen Arbeit richteten – in der chemischen Industrie bis Mitte der 70er Jahre schrittweise abgeschafft werden und bringt die Werbeaktion „Zusammenhalt bringt Sicherheit“ auf den Weg. Sie steht stellvertretend für viele weitere Kampagnen, die die Frauen der IG CPK im Laufe der Zeit umsetzen.

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Chemielaborjungwerkerinnen während der Ausbildung bei den Chemischen Werken Hüls in den 1960er Jahren. Chemielaborjungwerkerinnen während der Ausbildung bei den Chemischen Werken Hüls in den 1960er Jahren.

1987 blickt die IG Chemie-Papier-Keramik bereits auf 60 Jahre Frauensekretariat zurück. Ein Frauenförderplan unterstützt die Gleichstellungsarbeit und Veronika Keller-Lauscher wird in den geschäftsführenden Hauptvorstand gewählt. Sie macht sich vor allem mit der Teilzeitkampagne Ende der 90er Jahre einen Namen. „Es ging darum, eine wirkliche Gleichberechtigung in den Köpfen zu erreichen und klar zu stellen, dass Teilzeit nicht nur ein Thema der Frauen ist, sondern genauso Männersache. Gerade im Hinblick auf den Übergang in die Rente war die Frage wichtig: um Perspektiven zu schaffen, gesunderhaltende Arbeitsbedingungen und einen gleitenden Übergang“, erinnert sie sich. In der IG Bergbau und Energie ist nach der Wiedervereinigung Gabriele Glaubrecht für die Frauenarbeit zuständig, in der Gewerkschaft Leder besetzen zahlreiche Frauen die mittlere Führungsebene.

Zur Anfangszeit der IG BCE – nach dem Zusammenschluss von IG Bergbau und Energie, IG Chemie-Papier-Keramik und der Gewerkschaft Leder 1997 – sind nur drei Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Frauen. Aber auch jetzt und trotz ihrer geringen Anzahl setzen sich die Frauen wieder und mit aller Stärke in einer männerdominierten Arbeitswelt dafür ein, dass Frauen sich in der Frauenarbeit qualifizieren können, Zugang zu den gewerkschaftlichen Gremien bekommen und Gewerkschaftspolitik mit gestalten können. Sie machen sich dafür stark, dass Frauen sich ihrer Qualifikation und ihren Interessen gemäß weiterqualifizieren können. Ein probates Mittel dazu ist die Vernetzung – eine Strategie, die bis heute trägt und eine wesentliche Stütze für die Gewerkschaftsarbeit in den Betrieben ist. 

Bis heute hat sich viel getan: Erstmals ist eine Frau stellvertretende Vorsitzende der IG BCE und mit der Initiative 30-30-30 wurde in der IG BCE der Grundstein dafür gelegt, dass mehr Frauen in den politischen hauptamtlichen Bereich, in Führungspositionen innerhalb der IG BCE und in die Aufsichtsräte kommen. Bis heute haben sich Frauen in den Gewerkschaften und mittels der Gewerkschaften immer wieder eingemischt, sind vorangegangen, haben ihre Interessen durchgesetzt. Egal, um welches Thema es geht: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gleichwertige Bezahlung, Frauenförderung, Chancengleichheit, Gute Arbeit, den Übergang von Voll- in Teilzeit und umgekehrt, sowie einen guten Übergang in die Rente: immer und überall haben sich Frauen für Frauen stark gemacht und setzen sie sich auch weiterhin für die Vertretung derer Interesse ein. Egal, ob hauptamtlich, im Betriebsrat, als Vertrauensfrau oder Schwerbehindertenvertreterin. Sie stehen damit in einer guten Tradition.

„Beharrlichkeit führt zum Ziel"

Edeltraud Glänzer, stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende: „90 Jahre Frauensekretariat stehen für das beeindruckende Engagement unzähliger starker und mutiger Frauen. Sie haben sich kontinuierlich entschieden und engagiert für Frauenrechte, Chancengleichheit und Gleichstellung eingesetzt und den Frauen in der Arbeitswelt und in unserer Gesellschaft den Weg bereitet. Unsere Erfolge von heute – mehr Frauen in der Politik, in Führungspositionen und im  hauptamtlichen Bereich – stehen in ihrer Tradition. Wir setzen sie fort:  mit unserer Charta der Gleichstellung und ihren sechs Handlungsfeldern sowie in unserer Offensive Frauen. Die Geschichte zeigt, dass es vom Engagement der Kolleginnen abhängt, wie erfolgreich Interessen umgesetzt werden können. Sie beweist auch: Beharrlichkeit führt zum Ziel. Mein Dank gilt dem Engagement unserer Frauen, ohne die wir heute nicht da stünden, wo wir stehen.“

„Wir achten beim Thema Diversity auf deutlich mehr Faktoren als auf eine Quote, die sich ausschließlich an der Frage „Mann oder Frau“ orientiert", sagt Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor von Evonik.  „Für uns ist Diversity Teil unserer Unternehmenskultur und ein Mehrklang aus unterschiedlichen Nationalitäten, Ausbildungsrichtungen, Berufserfahrung, Altersstrukturen und Geschlechtern – also Vielfalt in ihrer gesamten Breite. Ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen trägt wesentlich dazu bei.“

Andrea Hohmeyer, Leiterin des Konzernarchivs von Evonik und verantwortlich für die Ausstellung „VerSIErt – Frauen machen Geschichte bei Evonik“: „Als Historikerin und als Frau hat es mir schon immer besonders unter den Nägeln gebrannt, einmal die Frauen zu zeigen, die hinter den Männern gestanden haben, die das Unternehmen für lange Zeit vorangetrieben haben“.

Die Evonik-Ausstellung „VerSIErt – Frauen machen Geschichte bei Evonik“ wird vom 25. bis 29. September 2017 akkreditierten Gästen und Abgeordneten im  Europaparlament in Brüssel gezeigt. Vom 10. Otober bis 09. November 2017 ist sie im Haus der Geschichte des Ruhrgebietes in Bochum frei zugänglich. Begleitend findet vom 10. bis 11. Oktober 2017 ein wissenschaftliches Symposium zum Thema „Frauen in der chemischen Industrie: Arbeit und Organisation“ statt. Anmeldungen dazu sind bis zum 30. September 2017 über das Haus der Geschichte des Ruhrgebietes möglich.

Mehr zur Ausstellung auf der Website von Evonik. Dort findet sich auch ein Film zur Ausstellung.

Der Katalog kann kostenlos bezogen werden.

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