Nominierungen für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2016

"So geht Mitbestimmung!"

„Drückt mir die Daumen“, bittet Dr. Brigitte Bauhoff und zwinkert. Die Betriebsratsvorsitzende bei Roche Diagnostics in Mannheim ist nominiert für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2016. Und sie ist nicht die die einzige mit IG-BCE-Mitgliedsausweis: Von den insgesamt 14 Nominierten stammen vier aus dem Organisationsbereich der IG BCE. Mit welchen Projekten sie in die enge Auswahl kamen - das lest ihr in den Portraits.

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Wegweiser Mitbestimmung Wegweiser Mitbestimmung

Outsourcing, betriebsbedingte Kündigungen, Vorenthalt von Bonus-Zahlungen - Betriebsrätinnen und Betriebsräte schlagen sich zum Wohle der Beschäftigten oft mit allerlei unangenehmen Themen und drohenden Realitäten herum. Doch oft haben sie Erfolg, und den bekommen alle Beschäftigten zu spüren. Aber wer setzt sich da eigentlich ein? Und was erreichen die BRs in anderen Unternehmen?

Best-Practice für mehr Mitbestimmung - die will der der Deutsche Betriebsräte-Preis vermitteln. Er zeichnet vorbildliche BR-Arbeit aus. Auf dem Deutschen Betriebsrätetag (8. bis 10. November im ehemaligen Bonner Bundestag mit etwa 800 Betriebsrats- und GewerkschaftskollegInnen) stellen die Nominierten ihre Lösungs- und Handlungsansätze vor - wir haben mit einigen von ihnen vorab gesprochen. Neben Brigitte Bauhoff stellen wir euch Albert Kruft, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Solvay Deutschland, André Matta, Betriebsrat der BASF SE, und Ralf Hermann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Evonik Industries AG vor.

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Dr. Brigitte Bauhoff, Betriebsratsvorsitzende bei Roche Diagnostics Dr. Brigitte Bauhoff, Betriebsratsvorsitzende bei Roche Diagnostics
Dr. Brigitte Bauhoff und ihren Betriebsratskolleginnen und –kollegen ist es gelungen, mit einer Betriebsvereinbarung die Fremdvergabe, das Outsourcing der Logistik bei Roche Diagnostics zu verhindern, im Tarifvertrag Chemie zu bleiben und darüber hinaus die Logistik zukunftssicher aufzustellen.

Das Pharmaunternehmen Roche beschäftigt in Deutschland 15.000 Mitarbeiter, allein 8000 davon am Standort Mannheim. Vor zwei Jahren bestand die begründete Sorge einer Umstrukturierung. Denn in der Sparte Roche Diabetes Care wurde damals ein externes Speditionsunternehmen betraut. Im Diagnostika-Bereich wären die 400 Arbeitsplätze der Logistik vom Outsourcing betroffen gewesen. „Wir sahen, dass wir zu teuer waren, aber raus aus dem Tarifvertrag - das war keine Option“, erklärt die Betriebsrätin. So wurden frühzeitig Gespräche mit der Unternehmensführung aufgenommen, um die Logistik produktiver, besser zu machen. Herausgekommen ist ein ganzes Maßnahmenpaket mit den Themenkomplexen Führung und Zusammenarbeit, Qualifizierung, Gesundheit sowie Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort.

Auf der Haben-Seite stehen die Job-Garantie und die Tarifbindung bis Ende 2020. „Unser Ziel war es, zukunftssicher zu sein und durch vorausschauendes Handeln die guten Arbeitsbedingungen rechtzeitig zu sichern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten“, erklärt die 56-jährige promovierte Pharmazeutin. Wichtig ist der Betriebsrätin Bauhoff, die auch Mitglied des ehrenamtlichen Hauptvorstandes der IG BCE ist, der Bereich „Führung und Zusammenarbeit“. Durch den soll in der Logistik eine neue Unternehmenskultur des Miteinanders und der Wertschätzung etabliert werden. Das schwierige Betriebsklima zwischen Vorgesetzten und Angestellten, das Nebeneinander von befristeten Mitarbeitern und Leiharbeitern, all dies führte zu Spannungen – und  mitunter zu einem hohen Krankenstand. Die Betriebsvereinbarung soll dem unter anderem durch die Einführung von regelmäßigen Gesprächen und gegenseitigem Austausch entgegenwirken. Darüber hinaus sollen flexiblere Arbeitszeitmodelle Auftragsspitzen auffangen. Rund 60 Arbeitsplätze werden dennoch in den nächsten Jahren, ohne Kündigungen, sozialverträglich abgebaut. Beide Parteien, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sind sich jedoch einig, dass mit diesen Maßnahmen das Logistikzentrum von Roche Diagnostics auch über 2020 hinaus zukunftsfest gestaltet werden konnte.

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Albert Kruft, Gesamtbetriebsrats- und Eurobetriebsratsvorsitzender beim Chemikalienhersteller Solvay. Albert Kruft, Gesamtbetriebsrats- und Eurobetriebsratsvorsitzender beim Chemikalienhersteller Solvay.
Albert Kruft ist Gesamtbetriebsrats- und Eurobetriebsratsvorsitzender beim weltweit agierenden Chemikalienhersteller Solvay. An elf Standorten in Deutschland arbeiten rund 2500 Beschäftigte. Die außertariflichen Angestellten erhalten üblicherweise einen leistungsabhängigen Bonus, der unter anderem von den Finanzzielen des Unternehmens abhängt. Für die tariflichen Mitarbeiter in Deutschland wurde in der Vergangenheit eine Erfolgsbeteiligung stets abgelehnt. Das empfand der gelernte Chemielaborant Albert Kruft schlicht als ungerecht: „Der Mitarbeiter in der Produktion ist genauso wichtig wie die Führungskräfte und ebenso für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich.“ Über den Gesamtbetriebsrat wurde das Thema in den europäischen Betriebsrat gebracht, der dann in Verhandlungen mit der Geschäftsführung in Brüssel erreichen konnte, ein weltweites System der Leistungsbeteiligung zu etablieren – und zwar für alle. „Wir konnten die Geschäftsleitung davon überzeugen, dass es für Solvay ein Mehrwert ist, alle Mitarbeiter weltweit zu beteiligen“, erläutert der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Kruft. Ein Stück praktische, gelebte internationale Solidarität.

Die Bonuszahlungen messen sich am Finanzergebnis des Unternehmens und berücksichtigen die Kaufkraft sowie die Bruttolohnsumme der verschiedenen Länder. Nach erfolgreicher Testphase im Jahr 2014 wurde im letzten Jahr  - da es sich um eine weltweite Vereinbarung handelt - erstmalig ein Vertrag darüber auf dem neu gegründeten Solvay Global Forum unterzeichnet. Koordinator des globalen Betriebsratsgremiums bei Solvay ist seit 2014 Albert Kruft.

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Betriebsrat André Matta, BASF SE Ludwigshafen Betriebsrat André Matta, BASF SE Ludwigshafen
35.000 Mitarbeiter arbeiten am Verbundstandort Ludwigshafen für den Chemiekonzern BASF SE. Dass diese Beschäftigten mit Zuversicht in ihre berufliche Zukunft blicken können, liegt auch an der Standortvereinbarung die Betriebsrat André Matta und seine Kolleginnen und Kollegen mit der Unternehmensführung ausgehandelt haben. Herzstück der Vereinbarung ist die Sicherung der Arbeitsplätze: Bis 2020 wird es für die Belegschaft am Standort Ludwigshafen keine betriebsbedingten Kündigungen geben. „Das ist schon ein dickes Brett“, bemerkt Matta, der auch Vorsitzender im Bezirksvorstand der IG BCE Ludwigshafen ist. „Dass ein Unternehmen heutzutage ein solche Zusage macht und somit Sicherheit schafft, ist fast schon einzigartig. Durch eine gute Sozialpartnerschaft und mit der Unterstützung der IG BCE ist uns das gelungen.“ Mit der Vereinbarung zur  Standortsicherung gehen auch milliardenschwere Investition in die Modernisierung und Erhaltung, sowie in Forschung und Entwicklung einher. Die Stärkung der eigenen Ausbildung im Sinne der Nachwuchsförderung und die Einführung eines Gesundheitsmanagements sind weitere Schritte in der Vereinbarung, um den Standort der BASF SE zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

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Ralf Hermann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei der Evonik Industries Ralf Hermann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei der Evonik Industries
Um die Zukunft machte sich auch Ralf Hermann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei der Evonik Industries, Gedanken. Und zwar ganz konkret: um die Zukunft seines Gremiums. Denn im Zuge der Umsetzung des Demografietarifvertrages der IG BCE wurde auch die Situation im Gesamtbetriebsrat analysiert. Dabei wurde eine Entwicklung deutlich: Mehr als die Hälfte der Mitglieder werden nach dem Jahr 2018 nicht mehr Teil des Betriebsrats sein. Um auch nach 2018 noch ein starkes Gremium der Interessenvertretung zu haben, musste also gehandelt werden. Entsprechend entwickelte Ralf Hermann mit seinen Kolleginnen und Kollegen eine „demografiefeste“ Nachfolgeplanung des Gesamtbetriebsrats der Evonik Industries in der Wahlperiode von 2014 bis 2018, die den reibungslosen Übergang der Interessenvertretung für die Evonik-Beschäftigten sicherstellen soll. Hierzu wurde gemeinsam mit der IG BCE eine innovative Weiterbildungsstrategie unter dem Stichwort „GBR 2020“ initiiert. Mehr jüngere und weibliche Mitglieder in die Betriebs- und Aufsichtsräte – die betriebliche Mitbestimmung bei Evonik hat sich dafür stark gemacht. „In den vergangenen zwei Jahren ist es uns gelungen, die Gremien deutlich zu verjüngen und den Anteil der Frauen unter den Mandatsträgern zu erhöhen. Beides ist Voraussetzung dafür, die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Evonik auch in Zukunft schlagkräftig vertreten zu können“, unterstreicht der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Hermann.
Die Preisverleihung findet am 10. November in Bonn, im alten Plenarsaal der „Bonner Republik“, statt. Der Preis ist eine Initiative der  Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ in Kooperation mit dem DGB, der Otto-Brenner-Stiftung und dem Deutschen Betriebsräte-Tag. Seit 2009 werden auf diese Weise das Engagement und die erfolgreiche Arbeit von Betriebsräten prämiert, die sich nachhaltig für den Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen oder für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Unternehmen einsetzen. Schirmherrin des Betriebsräte-Preises ist in diesem Jahr die Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles. „Betriebsrätinnen und Betriebsräte leisten wertvolle Arbeit für die Beschäftigten wie für die Unternehmen und Betriebe. Ihr Engagement verändert regelmäßig die Arbeitsbedingungen und schafft Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung der Ziele beider Betriebsparteien“, erklärt die Ministerin im Vorfeld und unterstreicht aus Sicht der Politik den Wert der Mitbestimmung. Welche Betriebsratsmaßnahmen und Initiativen letztlich die vorderen Plätze belegen, wer einen der begehrten Preise bekommt, das entscheidet eine Fach-Jury zusammengesetzt aus Vertreterinnen und Vertretern der Gewerkschaften und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie erfahrenen Praktikern.

Von der IG BCE sitzt Günther Schölzel, Leiter der Abteilung Mitbestimmung, am Jury-Tisch. Für ihn ist der Preis vor allem ein Medium, „um die kreative Kraft von Mitbestimmung auch über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus zu vermitteln“. Denn es fehle oftmals die öffentliche Anerkennung für gute Betriebsratsarbeit. Auch deswegen ist die Preisverleihung der feierliche Höhepunkt am letzten Tag des Deutschen Betriebsräte-Tages. Die dreitägige Konferenz vom 8. bis zum 10. November in Bonn dient vor allem dem Erfahrungsaustausch und der Vernetzung untern den Akteurinnen und Akteuren der Arbeitnehmervertretung aus den verschiedenen Branchen.

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