Kommentar der stv. IG-BCE-Vorsitzenden Edeltraud Glänzer

100 Jahre Frauenwahlrecht: ein Ansporn weiterzukämpfen

Seit 1918 gilt in Deutschland das Frauenwahlrecht. Fraglos ein Meilenstein der Emanzipationsgeschichte. Die kürzlich in Hannover zu Ende gegangene IG-BCE-Gleichstellungskonferenz hat das Thema kritisch beleuchtet. Das eher ernüchternde Fazit: Frauen stehen auch nach 100 Jahren Gleichstellungsgeschichte – trotz aller Fortschritte, die wir gemeinsam erkämpft haben – noch längst nicht dort, wo sie stehen sollten. Ein Kommentar von Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE.

Stefan Koch

Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE
15.11.2018

Der 12. November 1918 gilt als Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland. Im Aufruf des Rates der Volksbeauftragten „An das Deutsche Volk" hieß es: "Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht aufgrund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen". Fortan hieß es im Reichswahlgesetz: „Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet haben.“

Seit dem 19. Januar 1919 – der ersten Wahl zur Deutschen Nationalversammlung nach Inkrafttreten des Frauenwahlrechts – bestimmen Frauen die politischen Geschicke Deutschlands mit. Und doch bleibt, bei aller Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz, noch viel zu tun, bis Frauen auch in den alltäglichen Bezügen – etwa in Familie und Arbeit – gleiche Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten haben wie Männer.  

Auf der gerade zu Ende gegangenen IG-BCE-Gleichstellungskonferenz belegte Christine Morgenstern, Leiterin der Abteilung Gleichstellung im Bundesfamilienministerium, die auch weiterhin bestehenden Handlungsfelder an eindrucksvollen Beispielen. So stellte sie fest, dass Frauen nach wie vor weniger Gehalt bekommen als Männer und seltener Führungspositionen erreichen.

Nicht nur für Morgenstern ein Grund, konsequent weiterzukämpfen – damit es zumindest „Schrittchen für Schrittchen“ vorangeht!

Eine weitere Rednerin, die Historikerin Frauke Geyken vom Archiv der deutschen Frauenbewegung, wiederum machte deutlich, wie viel Ausdauer nötig ist, um dauerhaft etwas zu erreichen. Schon rund 100 Jahre vor seinem tatsächlichen Inkrafttreten hat der Kampf um das Frauenwahlrecht eingesetzt, in Deutschland schleppender als etwa in England. Was zeigt: Echte Fortschritte brauchen Beharrlichkeit und eine langfristige Vision.

Lassen wir eine dieser engagierten Frauen, die mit unbeirrbarer Ausdauer zum Erringen des Wahlrechts beigetragen haben, selbst zu Wort kommen:
„Ich möchte hier feststellen: Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. Und ich betrachte es als eine Selbstverständlichkeit, dass ( … ) die Frau als gleichberechtigte und freie Staatsbürgerin neben dem Manne stehen wird."

Das sind selbstbewusste und kluge Worte einer Frau, der SPD-Abgeordneten Marie Juchacz, vor der Weimarer Nationalversammlung. Es ist der 19. Februar 1919, es ist die erste Rede einer Frau vor einem deutschen Parlament. Juchacz‘ Rede macht deutlich: Frauen haben niemals um Privilegien gekämpft, um etwas, für das es dankbar zu sein gilt. Im Gegenteil:  Sie müssen bis heute um Rechte und Chancen kämpfen, die eigentlich selbstverständlich sind!
Heute haben wir eine Bundeskanzlerin, eine SPD-Vorsitzende und sogar eine stellvertretende Vorsitzende der IG BCE. Könnten wir nicht eigentlich ganz zufrieden sein? Nein. Nicht in dem Wissen, dass wir eigentlich viel weiter sein könnten.

Vergessen wir nicht: Manchmal geht die Entwicklung auch einen Schritt zurück. Während etwa der Frauenanteil im Bundestag im Februar 2017 noch bei circa 37 Prozent lag, beträgt er seit Oktober 2017, eine Legislaturperiode später, nur noch knapp 31 Prozent.

Das verdeutlicht: Frauen müssen ihre Erfolge verteidigen, sich weiterhin für gleiche Chancen und Rechte einsetzen. Kein errungener Fortschritt bleibt wie selbstverständlich auch in Zukunft bestehen. Wir werden weiter couragiert und beharrlich kämpfen müssen.

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