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Michael Vassiliadis

IG BCE rechnet mit angemessenen Lohnerhöhungen

Ohne eine konkrete Prozentzahl zu nennen rechnet IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis in einem Interview mit der "Rheinischen Post" (2.1.) für die Tarifrunde 2012 mit „angemessenen Lohnerhöhungen“ in der chemischen Industrie. Das Interview im Wortlaut:

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE
Foto: Martin Schlüter

RP: Das DIW hält einen Anstieg der Löhne von drei Prozent im Jahr 2012 für sinnvoll. Schließen Sie sich an?

Vassiliadis: Das ist eine gesamtwirtschaftliche Sicht. Die IG BCE orientiert sich in ihrer Tarifpolitik an den jeweiligen Bedingungen unserer Branchen. Insbesondere in der Chemie haben wir eine stabile Auslastung und sehr ordentliche Erträge. Es gibt zwar kleine Dellen bei den Aufträgen, aber wir sind weit weg von einer Krise. Es ist von daher nur zu berechtigt, mit angemessenen Lohnerhöhungen die Binnennachfrage zu stärken.

RP: 2011 lag Ihre Forderung zwischen sechs und sieben Prozent. Ein realistischer Zielkorridor für 2012?

Vassiliadis: Trotz der gegenwärtigen Turbulenzen um den Euro sehe ich langfristig keine großen Einbrüche. Wir werden das mit kurzfristigen Entwicklungen abgleichen und im Frühjahr unsere Forderungen aufstellen. Jetzt nur so viel: 2011 war ein gutes Jahr für die Unternehmen, das scheint sich fortzusetzen.

RP: DGB und BDA haben sich für eine Verlängerung der Kurzarbeitergeld-Regelung ausgesprochen. Das klingt nach Konjunkturpessimismus.

Vassiliadis: Die Bundesregierung hat aus unerklärlichen Gründen die laufende Regelung um drei Monate verkürzt. Das ist irritierend. Das Instrument verursacht Kosten doch nur, wenn es genutzt wird. Und im Augenblick sieht es nicht danach aus, als müsste man die Kurzarbeit wieder scharf schalten.

RP: Für die chemische Industrie haben Sie eine Regelung zur gleichen Bezahlung von Leiharbeitern und Stammbelegschaft ausgehandelt. Diese tritt aber erst in Kraft, wenn alle anderen DGB-Gewerkschaften nachziehen. Warum so wenig Mut?

Vassiliadis: Natürlich hätten wir für unsere Branchen durchmarschieren können. Dann hätten wir aber nur für einen relativ kleinen Anteil der Beschäftigten eine Regelung. Weil die gut ausgebildeten Leiharbeiter zwischen den Branchen hin- und herwechseln, muss es in der gesamten Industrie einheitliche Regelungen geben. Die IG Metall ist an dem Thema dran.

RP: Leiharbeiter sollen also nicht ab dem ersten Tag, sondern erst nach einer Frist den gleichen Lohn erhalten?

Vassiliadis: Natürlich muss der Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelten. Aber auch unsere Tarifverträge kennen Einarbeitungszeiten. Deshalb ist eine schrittweise Anpassung vertretbar. Wir haben Stufen von drei, sechs und neun Monaten vereinbart, sind aber offen für schnellere Lösungen.

RP: Verdi hat es schon abgelehnt, eine solche Vereinbarung zu treffen. Wäre es nicht sinnvoll, die Regelung ohne Verdi in Kraft zu setzen?

Vassiliadis: In der Industrie sind die Bedingungen völlig anders als etwa in der Systemgastronomie. Wenn die IG Metall bei ihren Verhandlungen vom Fleck kommt, dann kann ich mir vorstellen, dass wir unsere Regelung für die Chemie freischalten. Im Übrigen bleibt der Gesetzgeber in der Verantwortung für die Leiharbeit. Wir brauchen weiterhin eine gesetzliche Regelung des Grundsatzes gleiches Geld für gleiche Arbeit.

RP: Die Landesregierung NRW wünscht sich eine Neuordnung der Chemielandschaft. Sie auch?

Vassiliadis: Die deutsche Chemie ist im Umbruch. Mitte der 90er Jahre hat die Globalisierung Hoechst grob erwischt und Bayer zu schmerzhaften Anpassungen gezwungen. Nur BASF hatte sich rechtzeitig darauf eingestellt. Als Ergebnis haben wir nun in Deutschland um die großen Konzerne viele mittlere und kleinere Chemie-Unternehmen mit langfristig unklaren Perspektiven. Von daher macht es Sinn, über die Zukunft der Branche nachzudenken.

RP: Ist es Aufgabe des Landes, die Neuordnung zu organisieren?

Vassiliadis: Nein, der Staat kann einen solchen Prozess nur begleiten, nicht erzwingen. Zudem sichert Größe allein keinen wirtschaftlichen Erfolg, und der Teufel steckt im Detail.

RP: Lanxess hat schon mal Interesse an der Degussa (heute Evonik) signalisiert ...

Vassiliadis: Für jede Fusion gilt: Die Partner müssen zusammenpassen, sonst macht es keinen Sinn. Ich halte nichts von solchen Spekulationen. Das trägt nur Unruhe in die Belegschaften und die Branche. Lanxess, Evonik und andere sollten sich erst einmal darauf konzentrieren, organisch in Deutschland zu wachsen. Platz genug ist in Marl und Leverkusen. Damit würden die Konzerne am meisten für die Sicherung der hiesigen Arbeitsplätze tun.



RP: Evonik gehört der RAG-Stiftung, über deren neuen Chef seit Wochen gestritten wird. Land und IG BCE wollen Werner Müller. Ist der frühere Evonik-Chef noch durchsetzbar?

Vassiliadis: Bei der Suche nach einem neuen Chef wurden viele Management-Fehler gemacht. Mit Werner Müller haben wir nun einen Kandidaten, der die Anforderungen erfüllt: Er hat ein Unternehmen geführt, kennt die RAG und deren Aufgaben und versteht das Zusammenspiel mit der Politik.

RP: Ulrich Hartmann, Chef des Kuratoriums und für die Chefsuche verantwortlich, möchte den Vertrag von Wilhelm Bonse-Geuking verlängern.

Vassiliadis: Im Kuratorium haben wir uns darauf verständigt, den Vorstand neu zu besetzen. Die RAG-Stiftung braucht eine Führung mit Perspektive, um anstehende Aufgaben wie den Börsengang von Evonik zu bewältigen.

RP: Eon und RWE bauen Tausende Stellen ab, Eon schließt Kündigungen nicht aus. Was sagen Sie zum Vorgehen von Eon-Chef Teyssen?

Vassiliadis: Ich war und bin verärgert. Eon hatte zunächst weder mit den Arbeitnehmervertretern noch mit den Oberbürgermeistern der betroffenen Städte gesprochen. So geht das nicht. Richtig ist, dass die Fusionen der Vergangenheit noch nicht verdaut sind und dass es Doppelarbeiten im Konzern gibt. Aber solche Managementfehler kann man auch ohne Kündigungen heilen. Darauf setzen wir in den Verhandlungen.

RP: Die IG BCE verliert bei Eon und RWE an Einfluss. Längst stellen Verdi-Männer den Vize-Aufsichtsrats-Chef.

Vassiliadis: Für die Besetzung der Aufsichtsräte hat der Deutsche Gewerkschaftsbund klare Regeln. Bei Eon ist die IG BCE aber weiterhin eine gefragte Kraft. Wir sind vielleicht manchmal leiser als Verdi, aber nicht wirkungsloser. Darauf können sich die Arbeitnehmer verlassen.

RP: Die IG BCE fordert seit Langem ein Energieministerium. Das will nun auch die CSU. Wer käme aus Ihrer Sicht als Minister infrage?

Vassiliadis: Ich werde mich nicht auf eine Person festlegen. Wichtig ist, dass das Zuständigkeitswirrwarr zwischen Umwelt- und Wirtschaftsressort beseitigt und ein Energieministerium geschaffen wird. Das wollen inzwischen auch Teile der CDU. Nur so kann Energiepolitik aus dem Koalitionsstreit herausgehalten werden.

RP: Sie gelten als passionierter E-Gitarren-Spieler, sollen ja ein eigenes Tonstudio zu Hause haben. Was ist aus Ihrer Band No Time geworden?

Vassiliadis: Das Projekt gibt es noch. Zwar fehlt uns – wie der Bandname schon sagt – zum häufigen Spielen die Zeit. Für Feiern etwa zum 50. Geburtstag sind wir aber schnell wieder einsatzbereit.

RP: Wie sieht Ihr Repertoire aus: mehr „Wenn wir schreiten Seit an Seit“ oder doch eher „Smoke on the water“?

Vassiliadis: (lacht) „Smoke on the water“ trifft es besser. Allerdings haben wir auch schon mehrere marschmusiklastigen Arbeiterlieder in einer verjazzten Version eingespielt.

RP: Wann erscheint das erste Album?

Vassiliadis: Erst, wenn ich deutlich mehr Zeit habe. Und dann müssten wir uns einen neuen Bandnamen einfallen lassen.

 

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