Steinkohle

Wenn der Berg ruft

Tag für Tag - Schicht um Schicht fördern die Bergleute Tausende Tonnen Steinkohle. Allein die Arbeit unter Tage verdient Anerkennung genug. Doch gleichzeitig bereiten die Bergmänner die Schließung der Zechen bis 2018 vor. Verschieben Material und Maschinen – und verlassen sogar ihre Heimat.

Foto: Nicole Strasser
Mit schwarzen Gesichtern und leuchtenden Lampen strömen die Bergleute aus dem Förderkorb.
11.06.2012
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Man sieht Ergin Kinac an, wie sehr er mit sich ringt. "Bis Ende dieses Jahres muss ich mich entscheiden." Entscheiden, ob er sich eine andere Arbeit sucht und dafür abgefunden wird oder ob er sich vermitteln lässt. "Aber gehen muss ich." Und das fällt dem 35-Jährigen, der als Berg- und Maschinenmann auf dem Bergwerk Prosper-Haniel arbeitet, schwer. "Ich bin Prosperaner, habe hier meine Ausbildung gemacht und arbeite seit 20 Jahren auf dem Bergwerk." Ergin Kinac würde gerne bis zum Schluss bleiben und seinen Beitrag dazu leisten, dass Kohle gefördert wird, solange es möglich ist. "Das ist Ehrensache", sagt er. So denken sie fast alle unter und über Tage. Aber Kinac ist auch klar: Mit Frau und drei Kindern hat man Verantwortung.

Auf fünf Bergwerken wird in Deutschland noch Steinkohle abgebaut. Mehr als 12 Millionen Tonnen Kohle holten rund 20 000 Bergleute im Jahr 2011 aus dem Berg. Steinkohle deckt zu 19 Prozent den Energiebedarf der Deutschen. Mehr als zwei Drittel stammt aus Importen, auf die heimische Kohle entfallen 31 Prozent.

  • Foto: Nicole Strasser

    Gleich geht es runter: Bergleute auf Ibbenbüren warten zum Schichtbeginn auf den Förderkorb.

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Jahr für Jahr schrumpft der deutsche Steinkohlenbergbau. Anfang 2000 waren noch 58 000 Bergleute auf 17 Zechen beschäftigt. 2012 stellt nun neben dem Bergwerk West auch die letzte Zeche im Saarland die Förderung ein. So will es das Steinkohlenfinanzierungsgesetz von 2007.  Dieser Kompromiss wurde nach langem Ringen zwischen IG BCE, dem Steinkohlenunternehmen RAG, der Bundesregierung und den Kohleländern Nordrhein-Westfalen und dem Saarland geschlossen – er legt das Ende des subventionierten Steinkohlenbergbaus bis 2018 fest. Und selbst dieses Gesetz wurde 2010 von der EU-Kommission infrage gestellt. Doch gemeinsam mit der IG BCE haben die Bergleute die Absicherung des deutschen Kohlepaktes durch eine EU-Beihilferegelung erkämpft.

1977 geboren, ist Ergin Kinac einer von 1700 Bergleuten auf dem Bergwerk Prosper-Haniel, die 2018 noch zu jung sind, um in den Vorruhestand gehen zu können. "Wir sehen zu, dass jeder von ihnen woanders eine Arbeit bekommt", sagt Michael Sagenschneider, Pressesprecher auf dem Bergwerk Prosper-Haniel. Dazu bekommen die Bergleute Unterstützung vom Werk: Es gibt Personaler, die sich ausdrücklich um ihre Vermittlung kümmern – sogar Wünsche können geäußert werden. Und es gibt Absprachen mit regionalen Unternehmen wie Evonik, Thyssen-Krupp und der Kokerei Prosper. Ende März hat die RAG mit der Deutschen Bahn ein Kooperationsabkommen geschlossen.

Beide Seiten profitieren: Die Unternehmen können ihren steigenden Fachkräftebedarf decken und die Bergleute erhalten eine berufliche Perspektive. Sie sind gefragt. "Unsere Ausbildung gilt als sehr gut", sagt Sagenschneider. Trotzdem seien diese Umstrukturierungen "eine große Herausforderung, die ein großes Maß an Organisation und Koordination erfordert". Jeder arbeitet bis zum Anschlag, um Lücken so gut es geht zu schließen. "Wenn jemand von einem Tag auf den anderen gehen möchte, können wir ihn nicht halten", sagt der Pressechef. Da müssen dann die Bergleute, die bleiben, auch schon mal die Arbeit der Gegangenen mitmachen. #umbr

"Seit mehr als 30 Jahren kämpfen wir im Bergbau für unsere Arbeitsplätze ", erzählt Friedhelm Vogt. "Das Wichtigste war immer, dass keiner arbeitslos wird." Der Betriebsratsvorsitzende des Bergwerks West ist stolz, dass in all den Jahren der schmerzhaften Zechenschließungen nicht ein Bergmann entlassen werden musste. Möglich machen das Frührentenregelungen, Tarifverträge und die Flexibilität der Bergleute. Schließt eine Zeche, wechseln die Bergmänner auf eine andere. So geht das schon seit Jahrzehnten. "Früher hieß es, der Job sei sicher", sagt Gerrit Peters, Aufsichtshauer bei Auguste Victoria. 1983 hat er dort seine Ausbildung begonnen. "Aber schon seit 1990 heißt es immer wieder, dass der Bergbau nicht mehr lange existiert", erinnert sich der 45-Jährige. Er hat gelernt, damit zu leben. Aber jetzt wird es ernst.

Die Beschäftigten des Bergwerks West müssen das bald am eigenen Leib erfahren. Von den 2300 Bergleuten wechseln im nächsten Jahr 1900 zu den Bergwerken Auguste Victoria und Prosper-Haniel. "Für viele bedeutet das eine zusätzliche Belastung", sagt Friedhelm Vogt. Der Fahrweg verlängert sich, man kommt in ein neues Umfeld, trifft auf neue Kollegen. Viele Familien haben ihr Privatleben den Arbeitszeiten der Bergmänner angepasst. Wer holt plötzlich das Kind aus dem Kindergarten ab, wenn Papa später von der Schicht kommt, weil er längere Fahrzeiten hat? Und längere Wege bedeuten auch höhere Ausgaben für Benzin. "Wer sagt, der Bergmann sei nicht flexibel, weiß nicht, wie viel die Bergleute auf sich genommen haben", sagt Vogt.

Viel auf sich genommen – das hat auch Horst Ehrlich. Seit Anfang des Jahres ist der Saarländer in Ibbenbüren auf dem Pütt. Er ist allein gekommen, sein 16-jähriger Sohn ist bei der Mutter geblieben. "Das ist nicht einfach", gibt der gestandene Bergmann zu. Und dennoch hat er sich im Münsterland ein neues Leben aufgebaut. Er hat sich ein Haus mit Garten zugelegt und neue Freunde im Harley Club gefunden.

Horst Ehrlich ist einer von derzeit 350 saarländischen Bergleuten, die ins 460 Kilometer entfernte Ibbenbüren gewechselt sind, weil ihre Zeche Ende Juni schließt. "Ohne die Kollegen aus dem Saarland geht es nicht", sagt Peter Goerke-Mallet, Pressesprecher auf dem Bergwerk Ibbenbüren. Das Durchschnittsalter liegt bei 52 Jahren – jährlich gehen rund 130 Beschäftigte in den Ruhestand. "Wir haben einen enormen Personalbedarf. " Rund 500 Bergleute von der Saar kommen noch bis 2013 ins Münsterland. Nach heutigem Stand können die Saarländer den Personalbedarf bis zum Ende der Förderung 2018 decken.

Betriebsräte und Personaler beider Bergwerke stehen den Bergleuten mit Rat und Tat zur Seite, suchen nach einem passenden Einsatzgebiet und helfen bei der Wohnungssuche. Nicht jeder, der die Zeche wechselt, kann den gleichen Arbeitsplatz bekommen, den er auf seinem alten Pütt hatte. So wie Horst Ehrlich. Jahrelang hat der Saarländer, der  immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, im Kohleabbau als Strebmeister gearbeitet. Doch in Ibbenbüren wird die Kohle auf eine andere Art gefördert als im Saarland. Ehrlich hat jetzt eine neue Aufgabe bekommen: Seine Erfahrung von rund 20 Jahren unter Tage gibt er nun an die Auszubildenden weiter.#umbr

An der Saar geht im Juni eine Ära zu Ende. Unumkehrbar. Für Bernd Tosi, der fast 30 Jahre lang im Streb arbeitete, ist es "als ob man mir einen Teil meines Herzens ausreißt". Aufgrund der "von der IG BCE wirklich gut ausgehandelten Übergangsregelungen" kann der 49-Jährige in seiner Heimat bleiben. Das berufliche Aus soll die Familie jetzt wettmachen. "Mein Sohn wird fünf, daran stärke ich mich", so Tosi. Die letzten Tage und Wochen empfinden er und seine Kollegen als "nachdenkliches zu Ende Arbeiten".

Die tiefblau en Augen von Klaus Ruhnau beginnen zu leuchten. "Als junger Mann habe ich jedes einzelne Kabel hier angebracht", sagt der 48-Jährige und zeigt auf kilometerlange Stromleitungen in 885 Meter unter der Erde. In dem Stollen des Bergwerks West in Kamp-Lintfort kleben an vielen Geräten nun Schildchen mit der Aufschrift "zu Tage". Sie werden bald nach oben geholt. Denn während die Förderung noch in vollem Gang ist, wird in vielen Teilen des Bergwerks bereits der Rückbau vorbereitet. Auch über Tage ist das zu sehen. "Wir haben bereits hundert Quadratmeter große Lagerplätze geräumt", erzählt Betriebsrat Michael Hartwich.

Eine Herkules-Aufgabe ist der Umzug der Maschinen. Lokomotiven, die unter Tage zum Einsatz kommen, wechselten etwa von der Saar nach Ibbenbüren. Schließt ein Bergwerk, wird überprüft, welche Anlagen und Geräte auf anderen Zechen einsetzbar sind. So werden mehrere Tonnen schwere Abbaugeräte, Schilde, die mit hydraulischen Stempeln die Decke abstützen, und Lokomotiven verschoben. Was keine Verwendung findet, wird weltweit verkauft. Etwa auf einer Onlineauktion. 300 Geräte und Maschinen des Bergwerks Saar werden derzeit angeboten. Die Angebotspalette reicht von Bohrwerken und Fräsmaschinen bis hin zu Schweißgeräten und Öfen.

"Glück auf" dröhnt es aus allen Ecken. Mit schwarzen Gesichtern und leuchtenden Lampen strömen die Bergleute aus dem Förderkorb. Schichtende auf dem Bergwerk West. Die Stimmung ist ausgelassen. Und doch, ein bisschen täuscht der fröhliche Eindruck. "Es herrscht schon Traurigkeit", sagt Michael Hartwich. Der Betriebsrat ist sich sicher, dass es am Ende viele Tränen geben wird. Doch bis die Zeche schließt, werden die Bergleute täglich 12 000 Tonnen Kohle aus dem Berg holen. Zuverlässig – Schicht für Schicht.

 Sarah Heidel / Julia Osterwald / Axel Stefan Sonntag

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