Marcha Negra: Spanische Bergleute kämpfen um ihre Jobs

Eine Perspektive für Edurne?

Es ist ein sonniger Nachmittag in dem asturischen Dorf La Felguera im Norden Spaniens. Die sechs Jahre alte Edurne Ramudo spielt unbekümmert im Wohnzimmer. Sie weiß nicht, warum ihr Vater seit Mai 2012 nicht mehr zur Arbeit geht.

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Familie Ramudo aus La Felguera Maria Jose Argüelles, Ehefrau von Javier Ramudo, mit ihrer Tochter Edurne Ramudo und der Schwiegermutter Carmen Rodriguez. Ihr Mann ist Minero in der dritten Generation.
09.07.2012
  • Von: Carmela Negrete Christian Ditsch
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Die Familie will das Kind nicht belasten, aber es bekommt dennoch mit, dass nicht alles in Ordnung ist. Der versprochene Sommerurlaub musste abgesagt werden. „Aber wir werden auf jeden Fall wegfahren, meine Liebe” sagt ihre Mutter. María José Argüelles (35), versucht alles, damit ihre Tochter nicht zu viel vom Schicksal ihres Vaters mitkriegt. Ihr ist nur zu klar, dass die Zukunft ihres Kindes von den aktuellen Ereignissen abhängt.

Das spanische Industrieministerium hat im Mai eine Kürzung von 64 Prozent der Bergbausubventionen verkündet. Das bedeutet, so die Betreiber, dass alle Minen im Prinzip sofort geschlossen werden müssen, statt erst 2018, so wie von der EU beschlossen. Von den erwarteten 300 Millionen Euro wird jetzt nur etwa ein Drittel in den Kohlebergbau fließen. Auch wenn im vergangenen Jahr ein Vertrag zwischen den Gewerkschaften und der Regierung unterschrieben wurde, in dem die Sicherung der Kohle zugesagt wurde.

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Maria Jose Arguelles und ihr Ehemann Javier Ramudo Maria Jose Argüelles und ihr Ehemann Javier Ramudo. Javier ist Minero in der dritten Generation

Edurnes Vater Javier Ramudo (29) arbeitet in der nahegelegenen Kleinstadt Langreo in der Mine Pozo Carrio als Elektromechaniker. Seit dem 29. Mai 2012 ist er zusammen mit den Kollegen in allen spanische Kohle-Minen in einem unbefristeten Streik getreten. Die Folgen dieses Streiks sind bei Javier Ramudo und seiner Familie nach knapp fünf Wochen schon sichtbar. Den letzten Lohn hat er nicht mehr erhalten. Für seine 45-Stunden-Woche 700 Meter unter Tage bekommt er 1.100 Euro netto. Im Dorf von Javier kostet die Miete für eine Wohnung seiner Familie durchschnittlich 400 Euro pro Monat. Javier und sein Frau haben Glück. Sie leben in der Wohnung der verstorbenen Eltern von María José. Ihr Vater arbeitete 36 Jahre im Bergbau. Sie ist Urenkelin, Enkelin, Kind, Schwester und Frau eines Bergarbeiters. Eine waschechte „Mujer del carbon“ - eine Frau der Kohle.

Die Kohle-Minen waren in der Region Asturien, im Norden Spaniens, immer der wichtigste Industriezweig. In den 80er Jahren waren dort noch 22.000 Mineros beschäftig. Dann haben die internationalen Kohlepreise zu Entlassungen geführt. Heute gibt es nur noch knapp 8.000 Arbeitsplätze, die direkt an der Kohle hängen. In ganz Spanien.

„Unser Leben unter Tage ist von der gegenseitigen Verantwortung der Kumpels abhängig”, erklärt Javier, der wie die meisten Bergarbeiter in der Gewerkschaft ist. Sie sind eine Gemeinschaft, die zusammensteht und gemeinsam kämpft. Während andere Bereiche der spanischen Gesellschaft ebenfalls harte Kürzungen erlebt haben und es massive Entlassungen gab, sind die Mineros die ersten, die sich mit den für Spanien klassischen Methoden des Arbeitskampfes wehren: unbefristete Streiks, Sperrungen von Autobahnen - auch mit brennenden Reifen, einem Protestcamp vor dem Regionalparlament und Besetzungen von Minen.

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Bestreikte Kohlemine "Pozo Candin" in La Felguera Bestreikte Kohlemine "Pozo Candin" in La Felguera

Ein Arbeitskampf, der immer wieder Auseinandersetzungen mit der Polizei zur Folge hat. Die Streikenden fühlen sich bedroht. Javier zum Beispiel muss eine Strafe von 200 Euro bezahlen und hat drei Verkehrspunkte bekommen, weil er angeblich bei einer Polizeikontrolle nicht gehalten haben soll. „Ich habe an meinem Auto eine schwarze Schleife, unser Symbol des Protestes. Viele, die dieses Zeichen am Auto haben, werden von der Polizei schikaniert”.

Bei der Auflösung der Sperrungen und Blockaden von Straßen und Bahngleisen geht die Polizei sehr rabiat vor. Sie schießen mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen gezielt auf die Bergarbeiter. Diese antworten mit Feuerwerks-Raketen. Dies sind die einzigen Bilder, die in den spanischen Mainstream-Medien gezeigt werden. Das ärgert Edurnes Mutter maßlos. „Wir werden von den Medien ignoriert. Wir tauchen im Fernsehen auf, als ob wir Terroristen wären. Wir sind keine Terroristen, wir sind Mineros!”

Die Zahl der verletzten Bergarbeiter ist auch nach mehreren Wochen Streik noch unbekannt. Die Mineros gehen nicht ins Krankenhaus, denn dort wartet oft schon die Polizei, um sie zu verhaften. Mehr als 50 von ihnen wurden bislang festgenommen. Was ihnen vorgeworfen wird, ist in den meisten Fällen nicht klar. Einige der Bergarbeiter haben Strafen von 6.000 Euro bekommen. „Wegen der Störung der öffentlichen Ordnung“ erklärt Maria José. „Dabei ist unser einziges Ziel, die Arbeitsplätze zu erhalten“.

In der Mine von Javier Ramudo gibt es täglich eine Mitarbeiter-Versammlung, auf der über den Stand der Proteste diskutiert wird. Drei seiner Kollegen haben die Mine besetzt. Sie sind seit mehr als einem Monat unter Tage. Es ist die längste Besetzung von mehreren Minen in ganz Spanien und die Bergleute machen sich große Sorgen um die Gesundheit der Kumpel. Im Berg ist es feucht, staubig und dunkel. Sie können für den Rest ihres Lebens an Folgen dieser Besetzung zu leiden haben. Anfänglich waren sie zu fünft, aber zwei von ihnen mussten mittlerweile aufgeben.

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Streikende Mineros In dem Dorf Santa Cruz del Sil der Provinz Leon haben acht Bergarbeiter am 21. Mai 2012  beschlossen, sich so lange in der Mine einzuschließen, bis alle Mineros ihren vollen Lohn von der Firmenleitung erhalten. Die Firmenleitung hatte ihnen im Mai 2012 nur die Hälfte des Lohns ausgezahlt. Seit dem wird die Mine bestreikt.  Im Bild: Die eingeschlossenen Mineros in ihrem Aufenthaltsraum, 3.000 Meter weit im Berg. Ein Kumpel bringt Essen, das von Angehörigen gekocht wurde.
 

Nicht alle Mitarbeiter waren mit der Besetzung einverstanden. „Es war zu früh“, sagt Javier. „So etwas kann man nur machen, wenn man keine Alternative mehr hat.” Auch mit dem unbefristeten Streik waren nicht alle einverstanden. Letztendlich aber war für die Bergleute klar, dass der Ausstand notwendig ist.

Da meldet sich Javiers Mutter. „Wenn die Minen jetzt geschlossen werden, ohne Alternativen und nichts, dann sind sie alle arbeitslos und da kann man nicht mehr kämpfen”.

Carmen Rodríguez (54) kennt sich mit den Kämpfen der Bergarbeiter aus. Sie ist die Ehefrau eines Gewerkschaftsfunktionärs der Confederacion Sindical de Comisiones Obreras, CCOO, oder kurz Comisiones Obreras - Arbeiter Kommission - genannt. Der 57-jährige Javier Ramudo senior war Bergarbeiter und ist in Frührente. Für seine Verdienste in der Gewerkschaft hat er schon einige Auszeichnungen bekommen, die stolz präsentiert werden.

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Bergarbeiter auf dem "Marcha Negra" Bergarbeiter auf dem "Marcha Negra" - dem schwarzen Marsch (schwarz wegen der Farbe der Kohle) - nach Madrid. Sie wollen mit diesem Marsch die Regierung dazu bringen die 63%ige Kürzung der Bergbauförderung zurückzunehmen.

In diesem Moment ist ihr Mann zusammen mit 240 Bergleuten auf dem „Marcha Negra“ - dem schwarzen Marsch. Sie marschieren aus den Provinzen Asturien, Aragón und Castillien-León nach Madrid. Javier senior ist seit dem ersten Tag zusammen mit den Kollegen der Gewerkschaft UGT - Union General de Trabajadores - beim Marsch auf der Straße dabei, derweil sein Sohn mit seinen Kollegen alles organisiert, was für die Demonstranten auf dem Weg in die Hauptstadt benötigt wird.

Nach 14 Tagen Marsch kommt Javier senior ziemlich mitgenommen von den Strapazen im castillianischen Sanchidrián an. Die mehr als 380 Kilometer Fußmarsch sind ihm anzusehen - wie allen Mineros. Dennoch will er nicht aufgeben und trotz Schmerzen bis nach Madrid marschieren. „Was sollen wir denn sonst machen?“ Und so wird er zusammen mit seinen Kollegen weiter laufen. „Wir wollen mit dieser Aktion die Regierung darauf aufmerksam machen, dass wir den Kampf nicht aufgeben werden.“ Auf ihrem Weg werden sie überall mit Solidarität empfangen. Nicht nur Gewerkschaftskollegen aus den Orten, durch die sie ziehen, stehen jubelnd am Straßenrand.

Wenn die Mineros am 10. Juli in Madrid ankommen, will der Industrieminister sie nicht empfangen. Er hat bereits Ende Juni erklärt, dass er die Kürzung für den Bergbau nicht zurücknehmen wird. Dennoch wird der Tag für die Mineros zu einem Erfolg werden. Tausende Menschen werden auf der Straße erwartet, wenn Javier senior und die Bergarbeiter die Hauptstadt erreichen. Viele außerparlamentarische Organisationen, wie die „Bewegung 15. Mai“ haben eine Großdemonstration zum Empfang des Marcha Negra angekündigt.

Die Zukunft der kleinen Edurne sieht düster aus. Die Mineros kämpfen, damit es in den betroffenen Regionen eine Perspektive gibt und der Wegzug der jungen Menschen gestoppt wird. Seit dem Beginn der Stellenstreichungen im Bergbau in der 80er Jahren gibt es Förderungen einer Re-Industrialisierung. Nur sind diese Gelder meist woanders gelandet. „Mit den Fördergeldern für den Bergbau wurden statt wirtschaftlicher Arbeitsperspektiven Autobahnen und Straßen gebaut“ sagt Javier Ramudo. Dabei sei das nie der Sinn der EU-Förderung gewesen.

Die Eltern und Großeltern von Edurne fragen sich, wie es mit den Kürzungen in allen Bereichen, wie auch dem Bildungswesen, eine Chance für das Mädchen geben kann. “Hier wird sie nicht studieren und arbeiten können. Wir werden woanders hin müssen”, erklärt ihre Mutter traurig. “Sag so etwas nicht, Tochter”, schimpft die Großmutter und nimmt ihre Enkelin in den Arm.

Die IG BCE hat sich in einem Vorstandsbeschluss am 9. Juli 2012 mit den spanischen Bergleuten solidarisch erklärt - auch in Form einer finanziellen Unterstützung in Höhe von 5.000 Euro.

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